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Jazzpianist über den „Star“-Begriff und seine Art, Musik zu machen: Interview mit Michael Wollny: „Klassik inspiriert mich bis heute“

Der 39 Jahre alte gebürtige Schweinfurter hat dem Jazz neue Impulse gegeben. Heute Abend spielt Michael Wollny beim Rheingau-Musik-Festival in der Alten Lokhalle Mainz.
Die Bezeichnung „Star“ gefällt Michael Wollny gar nicht. Lieber konzentriert sich der gefeierte Jazzpianist auf die Musik. Die Bezeichnung „Star“ gefällt Michael Wollny gar nicht. Lieber konzentriert sich der gefeierte Jazzpianist auf die Musik.

Nach dem tragischen und viel zu frühen Tod Esbjörn Svenssons hatte so mancher schon die Fortentwicklung des Klaviertrios im Jazz in einer Sackgasse gesehen. Doch Michael Wollny hat all die Fatalisten eines Besseren belehrt: Längst werden der blasse Schlacks und seine Trio-Mitstreiter Christian Weber und Eric Schaefer für ihre bisweilen ebenso wundervoll schlichten wie genialischen Improvisationen auch international gefeiert. Ohne den Anspruch, nun gleich den Jazz an sich neu erfinden zu müssen, entwickelt ihr Spiel doch einen ungeheuren energetischen Atem. Eine Musik, die offen ist für alle stilistischen Himmelsrichtungen, für Abenteuer und Experimente – so wie auch der 39-Jährige selbst: Bei seinem Mainzer Auftritt heute Abend findet sich mit Marius Neset Norwegens Shooting-Star am Saxofon an seiner Seite. Vor ihrem Konzert in der Alten Lokhalle hat Christoph Forsthoff mit dem Jazzpianisten Wollny gesprochen, der noch drei weitere Auftritte beim Rheingau-Musik-Festival zu absolvieren hat.

Herr Wollny, was zeichnet einen Star aus?

MICHAEL WOLLNY: So fangen wir an? Was ist ein Star . . . ich glaube, ein heimischer Vogel.

Nun sind Sie zwar kein heimischer Vogel, aber sind Sie ein Star?

WOLLNY: Ja, man liest so etwas immer wieder und wundert sich. Ich bin über die Aufmerksamkeit, die mir in den letzten Jahren vermehrt entgegenschlägt, sehr glücklich. Wir haben in den vergangenen 15 Jahren schrittweise immer mehr Leute erreicht, und das ist eine wahnsinnig komfortable und tolle Situation, für die ich sehr dankbar bin. Aber zu sagen, ich fühle mich jetzt als Star, das würde mir nicht über die Lippen kommen.

Das klingt sehr bescheiden und sympathisch, aber wie heißt es so schön im Volksmund: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommst du ohne ihr . . .

WOLLNY: Ich glaube das Gegenteil ist wahr. Früher oder später lernt man – gerade in einem Metier, das so unmittelbar über die Improvisation funktioniert wie die Jazzmusik –, dass Äußerlichkeiten eigentlich eher stören und auch destruktive Kräfte entwickeln können. Wenn ich auf die Bühne gehe, interessiert mich die Interaktion mit den Elementen vor Ort: mit den Musikern, den Zuhörern, den Instrumenten und der Akustik.

Nun gibt es Musikerkollegen wie Wynton Marsalis, die stilistische Neuerungen im Jazz schlicht als „Bullshit“ bezeichnen. Können Sie denn nachvollziehen, warum es unter vielen Jazzern verpönt ist, sich dem Pop anzunähern?

WOLLNY: Es gibt sicher gute Argumente für Marsalis’ Meinung, Jazz definiere sich über eine bestimmte stilistische Abgeschlossenheit. Doch ebenso gibt es Argumente für meine Ansicht, dass sich Jazz eher aus der Haltung speist – und die ist dann natürlich sehr geprägt von dem, was einen als Musiker umgibt. Wie auch von dem, was ich etwa mit Heinz Sauer über all die Jahre gespielt, gesprochen und gelernt habe: Musik muss vor allem mit dir selbst zu tun haben.

Und was heißt das konkret in Ihrem Fall?

WOLLNY: Natürlich bin ich wie viele meiner Kollegen von Pop-Musik, Klassik und anderen Songs umgeben sowie von einer bestimmten Art von Rhythmik und Harmonik. Wenn ich improvisiere, dann kann ich das nicht künstlich ausblenden, sondern das ist eine Art DNA, die mein Musizieren prägt.

Eine DNA des Jazz?

WOLLNY: Darüber ließen sich sicherlich musiktheoretische Debatten führen – für mich war Jazz immer vor allem eine Haltung und ein Interesse an dem Moment, miteinander improvisieren zu können. Insofern verstehe ich die Kritik und auch die Skepsis eines Wynton Marsalis, doch ich habe mir diese Haltung nicht bewusst gesucht, sondern es ist einfach die natürlich Art und Weise für mich, mit Musik umzugehen und der einzige Weg, Musik zu deuten.

Sie selbst haben also nie Berührungsängste gegenüber den anderen Genres gehabt?

WOLLNY: Nein, gar nicht. Wir sind heute von einer großen Gleichzeitigkeit umgeben, wo vieles nebeneinander stattfindet und sich alles auch irgendwo beeinflusst – und zwar unter dem Filter der persönlichen Ästhetik, des eigenen Geschmacks und der eigenen Wahrnehmung. Und da liegen spätromantisches Motivgut und eine Freejazz-Improvisation auf einmal gar nicht mehr so weit auseinander, sondern das kann schon miteinander räsonieren.

Angefangen hat all das bei Ihnen schon sehr früh. Gemeinhin interessieren sich Kinder und Jugendliche für Pop oder Klassik – Ihre Vorliebe indes galt bereits in jungen Jahren dem Jazz und der Improvisation.

WOLLNY: Vor allem der Improvisation – dass Jazz damit etwas zu tun hat, habe ich erst sehr viel später verstanden. Ich hatte das Glück, dass meine Schwester auch Musikerin ist und mir zu Hause am Klavier schon vor meinen ersten Unterrichtsstunden ein paar Sachen gezeigt hatte – und insofern war mein erster Zugang zum Klavier, Stücke zu spielen und auch Stücke nachzuspielen, die ich gehört hatte.

Von Ihrer Schwester?

WOLLNY: Sei es nun von ihr oder auch im Radio, von Michael Jackson bis Phil Collins: Das hat mich dazu gebracht, auf dem Klavier Musik zu machen. Dann folgten der klassische Unterricht, Jugend-musiziert-Wettbewerbe und Kammermusik – doch über das Improvisieren und den kreativen Umgang mit Musik bin ich dann über Lehrer und Empfehlungen in den Jazz-Unterricht und schon zu Schulzeiten als Hospitant an die Hochschule in Würzburg gekommen. Dort habe ich quasi das Jazzstudium aufgenommen, bevor ich überhaupt wusste, was Jazz alles ist.

Nun haben Sie sich damals ja auch mit der Klassik beschäftigt – war das nie ein Widerspruch im Spielen und Denken?

WOLLNY: Als Kind denkt man darüber nicht nach – und für meine allererste Lehrerin waren Improvisation und freies Spiel immer ähnlich wichtige Bestandteile des Unterrichts wie das Repertoirespiel. Natürlich gibt es bestimmte technische Fertigkeiten, die sich nur über Üben und Arbeiten erlangen lassen, aber ich habe dann irgendwann verstanden, dass ich mich wohler fühle, wenn ich einen improvisatorischen Freiraum habe.

Wie haben Sie das festgestellt?

WOLLNY: Ich konnte mir etwa den Fingersatz nie so merken, dass ich diesen immer gleich gespielt hätte; oder ich hatte auf einem Vorspielabend bei einem Bachstück den Notentext vergessen und habe dann vier Takte eingefügt. Insofern hatte ich auch nie das Gefühl, dass ich gleichzeitig auch klassischer Interpret hätte werden können – wenngleich meine Inspiration schon der Klaviermusik von Schumann, Schubert und aufwärts entstammt.

Die Klassik inspiriert Sie also bis heute?

WOLLNY: Ja – klassische Musik ist für mich die wichtigste Inspirationsquelle. Einfach, weil sie mich schon immer umgeben hat und mich auch direkt anspricht – Popmusik kam erst später hinzu. Grundlage und Gerüst meiner musikalischen Sozialisation aber ist die Klassik gewesen und hier vor allem die Klaviermusik.

 

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