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Berliner Sängerin bringt Barock-Abend in die Alte Oper: Interview mit Simone Kermes: „Die Oper ist am Ende“

Ihre Vorliebe fürs italienische „Dramma“ bringt die in Berlin lebende Sängerin Simone Kermes mit einem musikalischen Barock-Abend in die Alte Oper.
Simone Kermes (46) glaubt, dass man Konzertbesuchern mehr bieten muss als nur Musik. Zusätzliche Unterhaltung etwa, mit Kostümen und Kochkunst und schauspielerischen Vorführungen. Die Sängerin wünscht sich zurück ins Barock. Simone Kermes (46) glaubt, dass man Konzertbesuchern mehr bieten muss als nur Musik. Zusätzliche Unterhaltung etwa, mit Kostümen und Kochkunst und schauspielerischen Vorführungen. Die Sängerin wünscht sich zurück ins Barock.

„Die Oper ist am Ende.“ Wie bitte? Hat Simone Kermes da eben tatsächlich den Untergang des klassischen Musiktheaters vorhergesagt? Ausgerechnet jene Koloratursopranistin, die selbst bei ihren Lied-Programmen mit Perücken, Kostümen und Tänzern immer auch groß was fürs Auge bietet? Die „Lady Gaga der Klassik“ denkt gar nicht daran, ihre Worte zu relativieren. Und auch sonst nimmt die Barock-Queen vor ihrem Frankfurter „Dramma“-Abend mit dem Barockensemble La magnifica Comunità in der Alten Oper am morgigen 1. Dezember nichts zurück. Christoph Forsthoff sprach mit der aus Leipzig stammenden 46-jährigen Sängerin.

Frau Kermes, Kassandra-Rufe, dass die Oper als Gattung sterbe, hat es immer wieder gegeben. Und doch lebt diese Kunstform bis heute.

SIMONE KERMES: Wer aber geht denn heute noch in die Oper? Junge Leute finden Sie dort nicht, die schauen sich nicht solche langweiligen Inszenierungen an, und von daher ist doch die Frage: Wird es die Oper in 20 Jahren noch geben, wenn das so weitergeht?

Die junge Generation nutzt die Zeit zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr eben zur Berufsfindung und Familiengründung. Und ab 40 hat sie dann wieder mehr Zeit und auch das nötige Geld.

KERMES: Aber wenn sie vorher nie in irgendeiner Weise mit der Oper in positiver Weise konfrontiert worden sind, kommen sie auch dann nicht dorthin, sondern gehen lieber ins Kino oder „Rammstein“-Konzert, ins Musical oder in den „Cirque du Soleil“. Das sind Attraktionen – aber nicht die Oper und die klassische Musik. Und dort wird es irgendwann dann kein Publikum mehr geben.

Ein Abgesang, den Sie auch auf das klassische Konzert anstimmen?

KERMES: Konzerte verkaufen sich natürlich schon noch über CD-Aufnahmen der Künstler. Deshalb ist es auch wichtig, im CD-Markt vertreten zu sein, um darüber wieder für die eigenen Live-Auftritte zu profitieren. CDs werden im Grunde für die Konzerte gemacht. Das war vor 20 Jahren noch nicht so, da gab es auch nicht diese Inszenierung von Konzerten als Event.

Sie sprechen von Galas oder Gipfeltreffen der Tenöre.

KERMES: Doch da haben sich die Zeiten eben geändert. Und deshalb müssen in der Oper wie auch im Konzert neue Wege und Profile gefunden werden, um die Menschen zu begeistern und ihnen etwas zu bieten.

Wie könnten solche Wege aussehen, wenn man als Künstler dabei die Klassik nicht verraten will?

KERMES: Mir geht es da nicht um Crossover. Man muss das schon auf einem hohen Niveau machen. Mein jüngstes Programm „Love“ etwa ist voll durchchoreografiert. Es gibt im Bühnenhintergrund ein kleines Orchester ohne Dirigenten, während zwei Tänzer und ich die Story erzählen, und zwar von vorn bis hinten mit einem Spannungsbogen. Es gibt Kostüme und Perücken, aber es ist kein Zirkus. Und wenn die Musik gut ist, kann dies ein neuer Weg fürs Konzert sein.

Aber schreckt so etwas nicht traditionelle Konzertgänger ab?

KERMES: Natürlich ist das immer ein Risiko, weil die Leute diese Form nicht kennen. Andererseits kommen dadurch vielleicht auch Tanzbegeisterte ins Konzert, so wie umgekehrt Konzertgänger den Weg ins Ballett finden, und die Künste befruchten sich so gegenseitig. Ohnehin leben wir in einer Zeit, wo alles zusammenkommt: So könnte ich mir etwa vorstellen, noch einen Schauspieler reinzunehmen, der Shakespeare-Texte vorträgt. Heutzutage sind solche Formen wieder gefragt.

Aber gehören diese Formen nicht eher ins Theater oder in die Oper?

KERMES: Im Theater könnte das auch gemacht werden, nur wird es dort oft nicht umgesetzt und stattdessen den Dingen häufig der Zauber genommen. Der Zauber des Lichts, der Kostüme, der Farbigkeit und natürlich auch der Illusionen. Früher, im Barock, war da tierisch was los. Auch die haben schon mit Pyrotechnik hantiert.

Also Klassik als große Show?

KERMES: Bei mir in Berlin gibt es einen sehr guten Koch, der passend zu den Bildern, die er ausstellt, Koch-Events veranstaltet. Mit dem habe ich auch schon mal über meine Ideen gesprochen. Das wäre natürlich eine wunderbare Kombination, auch wenn ich nicht weiß, ob es durchsetz- und finanzierbar ist und die Leute offen für so etwas sind. So wie früher im alten Griechenland, wo man in den Tempeln alles in vollen Zügen genossen hat – essen, trinken, Liebe und zwischendurch die Kunst. So etwas neu aufzulegen, das wäre doch mal was, oder?!

Geben Sie damit nicht dem Verlangen des Publikums nach, sich bloß nicht mehr auf eine Sache konzentrieren zu müssen?

KERMES: Die Musik wird in dem Moment trotzdem zu etwas Besonderem. Nur muss sie eben so gut sein, dass die Menschen zuhören und nicht essen. Wenn im Barock der Farinelli auftrat, haben die Menschen nicht gegessen, sondern ihn voller Sehnsucht erwartet. Und erst nach seinem Auftritt ging es weiter mit den Speisen. Ich glaube an die Kraft der Kunst. Wenn die Musik und die Künstler natürlich nichts taugen und die Leute denken „Oh, was ist das langweilig“, dann werden sie weiteressen.

Es sei denn, es gibt noch weitere Reize.

KERMES: Ja, dazu vielleicht noch ein Parfüm! Als ich in Frankreich war mit meinem Belcanto-Programm, habe ich denen vorgeschlagen, dass man das doch eigentlich gut mit dem kombinieren könnte, was Rossini damals gegessen hat – und dazu vielleicht noch ein Parfüm, das nach Schweinebraten oder Rotkraut duftet. Die Franzosen waren hellauf begeistert, denn die lieben natürlich dieses Kulturleben mit Essen und Trinken.

 

Alte Oper, Großer Saal, Frankfurt.
1. Dezember, 20 Uhr. Karten zu 29 bis 64 Euro unter Telefon (069) 13 40 400.
Internet www.alteoper.de

 

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