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Kabarettist macht sich über die Ehe lustig: Interview mit Stephan Bauer: „Natürlich bin ich verheiratet“

Mit seinem Tourneeprogramm „Vor der Ehe wollt’ ich ewig leben“ gastiert der Berliner Satiriker Stephan Bauer in der Frankfurter „Käs“.
Mag sein, dass es die Hand seiner Ehefrau ist, die Stephan Bauer hier aus dem Schlips einen Strick drehen will. Doch im Prinzip ist der Berliner Satiriker gegenüber der Ehe völlig arglos. Er hält sie für alternativlos und erklärt in seinem Kabarettprogramm, warum. Mag sein, dass es die Hand seiner Ehefrau ist, die Stephan Bauer hier aus dem Schlips einen Strick drehen will. Doch im Prinzip ist der Berliner Satiriker gegenüber der Ehe völlig arglos. Er hält sie für alternativlos und erklärt in seinem Kabarettprogramm, warum.

Was bleibt übrig nach 25 Jahren Ehe? Die Fortsetzung der Selbstkasteiung, bis dass der Tod euch scheide? Ein Versuch beim Fremdgeh-Portal im Internt? Oder das Hervorholen des Rollkoffers, zwecks Rückkehr zum Single-Dasein? Stephan Bauer (48), Kabarettist aus Berlin (allerdings geboren in Stade und aufgewachsen in Dußlingen), hat sich darüber Gedanken gemacht, was zwei Menschen zusammenhält, die von der Natur grundverschieden entworfen worden sind. Entsprechend spöttisch klingt der Titel des Programms, mit dem der Satiriker am 9. Mai im Frankfurter Kabaretttheater „Die Käs“ gastiert: „Vor der Ehe wollt’ ich ewig leben“. Ist Stephan Bauer also ein Ehe-Skeptiker, gar ein Ehe-Feind? Im Gespräch mit Sabine Kinner hört es sich anders an.

Herr Bauer, sind Sie eigentlich verheiratet?

STEPHAN BAUER: Natürlich! Gibt es eine ernstzunehmende Alternative?

Was hat Sie in die Ehe getrieben?

BAUER: Die Frage ist einfach zu beantworten: Liebe. Den Begriff „getrieben“ lasse ich unter diesen Umständen sogar gelten.

Könnten Sie sich vorstellen, diese Entscheidung noch einmal zu überdenken?

BAUER: Nein, ich habe ja vor meiner Familie, meinen Freunden und auch vor Gott ein Eheversprechen abgegeben. Da kann man sich nicht einfach davonstehlen, wenn es Schwierigkeiten gibt. Ein Versprechen ist ein Versprechen, auch wenn das in unserer modernen Welt heute oft anders gesehen wird. Ohne den Gedanken der „Unbedingtheit“ ist eine Ehe blutleer. Ich räume allerdings ein, dass ich zwei Anläufe brauchte, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.

In Ihrem Kabarettprogramm „Vor der Ehe wollt’ ich ewig leben“ geht es um die Vorstellung, dass die Ehe eine Form der wechselseitigen Freiheitsberaubung ist. Zieht das noch in Zeiten, in denen niemand mehr heiraten muss?

BAUER: Da sind Sie völlig falsch informiert! Das Gegenteil ist richtig. Mein Programm ist das erste Kabarett-Programm mit dem Ziel, Ehen zu retten. Es geht um die Techniken, die Horrorseiten des anderen ertragen zu lernen. Darauf zielt der Titel ab.

Nicht nur Ihr Programm, auch der überwiegende Teil der Komödien für Theater und Film handelt vom Heiraten. Es gibt unendlich viele Witze und Sprüche über die Ehe. Etliche große Geister waren unglücklich verheiratet und haben vielleicht gerade deshalb höchste Kulturleistungen vollbracht. Die Ehe scheint etwas sehr Anregendes an sich zu haben, oder nicht?

BAUER: Es gab mindestens genauso viele große Geister, die glücklich verheiratet waren. Aber mal im Ernst: Was wäre das Leben ohne das Schlachtfeld der Liebe? 80 Prozent der Popsongs handeln von der Liebe. Der Rest von armseligen Kleinstädten, in denen man es nicht mehr aushält.

Der irische Ironiker George Bernard Shaw hat gesagt: „Die Ehe verträgt nicht, dass man über sie nachdenkt“. Vielleicht ist das Heiraten doch eher was für Gedankenlose oder, milder ausgedrückt, für Unbekümmerte?

BAUER: Shaw war ein weiser Mann. Unsere westliche Kultur neigt ja nun mal zum Diskutieren, Kritisieren und Infragestellen. Das ist das Erbe der Aufklärung, auf das wir stolz sein können. Daneben gibt es aber auch noch den Aspekt der Schöpfung oder – für die Atheisten philosophisch formuliert – des Naturrechts. Den Umstand also, dass nur aus der Verbindung von Mann und Frau weiteres Leben entsteht. Diesem Umstand hat sich jeder Mensch zu stellen. Der Gedanklose ist in meiner Auffassung eher derjenige, der diesen Naturaspekt nicht zu sehen vermag.

Frankreichs großer Menschenkenner und Schriftsteller Honoré de Balzac hat 1829 in seiner „Physiologie der Ehe“ die Eigengesetze einer Ehe beschrieben. Heißt das, man kann nie vorhersehen, worauf man sich bei ihr einlässt?

Natürlich nicht. Die Ehe ist eine dynamische Angelegenheit. Menschen verändern sich nun mal. Wer ist mit 60 noch so wie mit 25? Hoffentlich niemand! Diesen Veränderungsvorgang des anderen muss man als Ehepartner lebenslang mittragen. Wer dazu nicht bereit ist, sollte es lassen. Ich kenne Paare, wo sich die Ehepartner gegenseitig die Karriere verdorben haben, weil niemand unter dem anderen stehen wollte. So etwas ist eben nicht Liebe, sondern Egoismus.

Das berühmteste Nicht-Ehe-Paar der europäischen Geisteswelt hieß Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Die beiden glaubten nicht an die Ehe, aber auch ihre Nicht-Ehe ist letztlich gescheitert.

BAUER: Jede Liebesbeziehung (egal ob Ehe oder nicht) ist vom Scheitern bedroht, wenn man nicht die Techniken erlernt, mit Konflikten umzugehen.

Der Monat Mai als Hochzeitsmonat ist da. Würden Sie jemandem in Ihrer Bekanntschaft, dessen Ehetauglichkeit Sie bezweifeln, die Hochzeit ausreden, oder meinen Sie, jeder möge nach Belieben in sein Unglück rennen?

BAUER: Wenn mich ein guter Freund um Rat fragen würde, würde ich versuchen, ihm Folgendes klarzumachen: Die Ehe ist eine auf Lebenszeit angelegte Bindung. Wer sie in Gedanken zeitlich begrenzt, wird scheitern. Sie verlangt von jedem die vollständige Absage an den Egoismus und die Unterordnung der eigenen Interessen unter das Ziel, den anderen glücklich zu machen. Darauf kommt es an! Das ist keine romantische Verblendung, sondern die Grundvoraussetzung. Wenn ich dazu nicht bereit bin, sollte ich auch nicht heiraten. Das Prinzip, dass das Gemeinwohl über dem individuellen Wohl rangiert, ist natürlich für moderne Menschen schwer zu ertragen. Aus meiner Sicht sollten daher deutlich weniger Leute heiraten.

Stimmt es überhaupt noch, dass rein gesellschaftlich die Ehe für die Frau einen Gewinn, für den Mann einen Verlust bedeutet?

BAUER: So formuliert ist das natürlich Stuss. Und die Rechtsprechung hat ja in den letzten Jahren die weitestgehende Gleichberechtigung von Mann und Frau etwa im Scheidungsfall hergestellt.

Zwar hat die Ehe grundsätzlich an Wert verloren, richtig unterkriegen lässt sie sich trotzdem nicht. Die einzelne Ehe wird zwar kürzer, aber dafür werden oft mehrere Ehen aneinandergereiht. Geht es letztlich nicht ohne sie, etwa zum Schutz von Familie und Besitz?

BAUER: Familie ohne Ehe kann ich mir persönlich sehr schwer vorstellen, wenngleich ich nichts gegen solche Lebenskonzepte habe. Aber das Ziel der Eltern sollte sein, dass ihre Kinder unter stabilen Lebensumständen aufwachsen, oder? Ich frage mich oft, woher diese Stabilität kommen soll, wenn die Kinder mit dem Gefühl aufwachsen, dass die Beziehung der Eltern nicht von Dauer ist.

Hochzeitsfeiern werden wieder aufwendiger. Wochenlange Vorbereitungen durch „Hochzeitsplaner“, riesige Festbanketts, Kutschfahrten, maßgeschneiderte Brautkleider und Bräutigam-Fracks: Ist diese Zunahme von Zeremonien reine Mode, oder sagt sie etwas über die heutige Zeit und Gesellschaft aus?

BAUER: Leider sagt dieser Trend etwas über unsere auf Äußerlichkeiten bedachte Gegenwartskultur aus. Die protzigen Feiern, auf denen ich Gast war, endeten ausnahmslos mit einer Scheidung. Gegen eine glamouröse Hochzeitsfeier ist prinzipiell natürlich überhaupt nichts einzuwenden, wenn die innere Einstellung der Brautleute dazu passt. Wenn eine Kutschfahrt allerdings nur zur Show ist oder das Ziel hat, aufwendiger zu feiern als die beste Freundin, entsteht daraus selten etwas Gutes.

 

„Käs“, Waldschmidtstraße 19, Frankfurt. 9. Mai, 20 Uhr. Karten zu 25,10 Euro unter Telefon (069) 55 07 36.
Internet wwwdiekaes.de

 

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