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Comic-Figur wird 80 Jahre: Interview mit "Superman": „Ich halte die alten Werte hoch“

Er kann schneller fliegen als eine Kugel, ist stärker als eine Lokomotive und nahezu unverwundbar: Superman. Seit 80 Jahren sorgt der Urvater aller Superhelden für Recht und Ordnung.
Superman Foto: United Archives/Impress (United Archives/Impress) Superman

Im Interview mit FNP-Mitarbeiter Marc Rybicki spricht der „Mann aus Stahl“ über sein bewegtes Leben.

Gratulation zum runden Geburtstag, Mister Superman! Manche behaupten, dass Sie schon 85 Lenze auf dem gestählten Buckel haben?

SUPERMAN: Danke sehr! Ja, streng genommen bin ich 1933 zum ersten Mal aufgetreten, und zwar als Schurke in der Kurzgeschichte „The Reign of the Superman“. Zum Helden meiner eigenen Serie habe ich es erst 1938 geschafft. In den Comics wurde mein Geburtsdatum mal in den Oktober gelegt, mal in den Februar. Ich persönlich feiere am 18. Juni, denn an diesem Tag hat mich die Familie Kent in der Nähe ihrer Farm gefunden und wie einen Sohn aufgezogen.

Ursprünglich stammen Sie vom Planeten Krypton. Ihr echter Name lautet Kal-El. Nur auf der Erde heißen Sie Clark Kent und tarnen sich als Reporter. Sind Journalisten die wahren Superhelden?

SUPERMAN (lacht): Absolut! Im Ernst, meine geistigen Väter Jerry Siegel und Joe Shuster hatten eine hohe Meinung von Vertretern der schreibenden Zunft. Siegel träumte während der Schulzeit davon, eines Tages für eine renommierte Zeitung zu arbeiten. Außerdem besaßen die beiden viel Sinn für Selbstironie, weshalb sie Clark Kent als ihre eigene Parodie gezeichnet haben. Er ist ein schüchterner, leicht tollpatschiger Brillenträger, der bei seiner Kollegin Lois Lane keinen Stich kriegt – bis sie erfährt, was wirklich in ihm steckt.

Sie sehen noch immer erstaunlich fit aus für Ihr stolzes Alter. Wie schaffen Sie das?

SUPERMAN: Die Zeichner sind gnädig zu mir! Weil sie wissen, dass es keinen traurigeren Anblick gibt als einen in die Jahre gekommen Helden. In der Episode „The Old Man of Metropolis“ aus dem Jahr 1960 konnten mich die Leser im Greisenalter sehen, verarmt und von der Welt vergessen. Zum Glück entpuppte sich diese Zukunftsvision lediglich als Albtraum.

Ihr Vater, Jor-El, hat Sie mit einer Rakete zur Erde geschickt, als ihm klar wurde, dass die Zivilisation auf Krypton dem Untergang geweiht ist. Demnach sind Sie ein Flüchtling mit außerirdischem Migrationshintergrund.

SUPERMAN: Stimmt, man könnte mich als einen Einwanderer bezeichnen. Genau wie Siegel und Shuster, die Kinder jüdischer Migranten waren. Nach der Flucht von Krypton ist die amerikanische Großstadt „Metropolis“ meine zweite Heimat geworden. Ich habe mich der fremden Kultur angepasst, ohne die Traditionen meiner kosmischen Ahnen zu verleugnen. Nach meinem Selbstverständnis bin ich Weltbürger wie Goethe.

Trotzdem vertreten Sie eisern den American Way of Life. Warum?

SUPERMAN: Da muss ich widersprechen. „America First“ – diesen Satz würde niemand aus meinem Mund hören. Mir liegt das Wohl aller Völker am Herzen. Wer meine Hefte liest, erkennt eine liberale Haltung, die sich gegen die Todesstrafe, die Waffenlobby und korrupte Politiker richtet. Ich habe sogar die Journalisten-Gewerkschaft beim Tarif-Streik unterstützt.

Und für Kriegsanleihen geworben . . .

SUPERMAN: Ist nicht meine Idee gewesen. Der DC-Verlag hat meinen Namen für Propaganda-Zwecke missbraucht. Eine gängige Praxis in den 40er Jahren. Aus dem Vietnamkrieg hat man mich später herausgehalten.

Ihr Erzfeind in den Comics heißt Lex Luthor. Im wahren Leben hatten Sie zwei sehr prominente Gegner.

SUPERMAN: Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels hat mich gehasst. Im Dritten Reich stand ich auf der schwarzen Liste, weil meine Erfinder Juden waren. Dafür habe ich mich revanchiert und Adolf Hitler vor den Gerichtshof des Völkerbundes geschleift in der Episode „How Superman Would End The War“. Nach dem Krieg zog ich mir den Zorn der Russen zu. Nikita Chruschtschow wetterte, dass der Mann aus Stahl nicht in der Lage sei, den Eisernen Vorhang zu durchbrechen.

Mancher sieht in Ihnen ja eine Verkörperung des „Übermenschen“, von dem Nietzsche philosophierte und Hitler schwärmte. Stimmen Sie der Interpretation zu?

SUPERMAN: Nun, „Superman“ ist zwar die Übersetzung des deutschen Ausdrucks, wie er von Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ geprägt wurde. Doch falls ich sein Werk richtig verstanden habe, ist der Übermensch bei ihm ein radikaler Sozialdarwinist, der sich dank besonderer Fähigkeiten über andere erhebt, um eine neue Ordnung zu schaffen. Ich bin das genaue Gegenteil. Ich verteidige die bestehende Welt und halte alte Werte hoch.

Bis auf grünes Kyptonit, worauf Sie allergisch reagieren, haben Sie keine Schwächen. Was Ihnen den Ruf eingebracht hat, ein ziemlich braver Langweiler zu sein.

SUPERMAN: Dann muss Jesus auch ein Langweiler sein. Denn wir sind beide Abgesandte des Himmels, von unseren Vätern auf die Erde geschickt, um der Menschheit zu helfen. Mein kryptonischer Name „Kal-El“ bedeutet auf hebräisch „die Stimme Gottes“.

In der Anfangszeit waren Sie weniger tugendhaft und haben Ihre Gegner gnadenlos getötet. Warum hat sich das „Superman“-Image gewandelt?

SUPERMAN: Zugegeben, ich hatte tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Kollegen „Batman“, dem maskierten Rächer. Wir waren Kreuzritter, die keine Gefangenen machten. Geprägt durch die harte Lebenswirklichkeit in den Großstädten der 30er Jahre. Bis ein neuer Chefredakteur bei DC-Comics, Whitney Ellsworth, während des Krieges für eine Trendwende sorgte. Die Nation brauchte plötzlich „saubere“ Helden als Vorbilder für die Jugend, folglich wurden Gewalt-Szenen und jedwede Andeutung von Sexualität aus den Stories verbannt.

Aller Moral zum Trotz soll es einen dunklen Punkt in Ihrer Biografie geben. Und zwar ein pikantes Sex-Video . . .

SUPERMAN: Erinnern Sie mich nicht daran! Diese Peinlichkeit aus dem Jahr 1987 hat Comic-Autor John Byrne zu verantworten. Er ließ mich durch den Bösewicht Sleez hypnotisieren und zu Zärtlichkeiten mit der Superheldin Big Barda zwingen – während ein Porno-Regisseur das Geschehen filmte. Eine äußerst krude Geschichte. Kein Glanzpunkt meiner Karriere.

„Superman und die Frauen“ ist ein spannendes Thema. Was sagen Sie zu der #MeToo-Debatte?

SUPERMAN Eines ist klar: Das große „S“ auf meinem Kostüm steht nicht für Sexismus. Ich habe immer Damen in Not verteidigt und mich für Gleichberechtigung eingesetzt. Lois Lane, die Liebe meines Lebens, war eine der ersten Heldinnen der Comic-Historie. Sie wurde bereits in den 30er Jahren als eine moderne, selbstbewusste Frau gezeichnet, deren scharfer Verstand mich beeindruckt hat. Vergessen wir auch nicht meine Cousine Kara Zor-El alias „Supergirl“. Vor 60 Jahren, im August 1958, absolvierte sie ihren ersten Auftritt und bekam körbeweise Fanpost. Man kann sagen, „Supergirl“ revolutionierte das männlich zentrierte Comic-Universum. Kulturwissenschaftler sehen in ihr eine „Vorkämpferin des Feminismus“.

Im Kino und im Fernsehen wurden Sie von verschiedensten Schauspielern verkörpert. Angefangen mit Kirk Alyn (1948) bis hin zu Henry Cavill aus „Justice League“. Welcher ist Ihr Lieblingsdarsteller?

SUPERMAN: Ich möchte kein Urteil fällen. Aber in Fan-Umfragen liegt eindeutig Christopher Reeve vorne, der von ’78 bis ’87 in vier sehr erfolgreichen Filmen spielte. Es heißt, er habe nicht nur die Statur eines „Superman“ gehabt, sondern auch die nötige Sensibilität, um Clark Kents Gefühle auszudrücken.

Comic-Verfilmungen boomen derzeit gewaltig. Was sind die Gründe für den Aufschwung? Ist ein Ende der Helden-Welle in Sicht?

SUPERMAN: Laut Brian Bendis, einem Autor meiner aktuellen Abenteuer, drohen Wahrheit und Gerechtigkeit heute zu leeren Begriffen zu verkommen. Gleichzeitig steigt die Sehnsucht des Publikums nach Charakteren, die solche Ideale glaubhaft repräsentieren. Also wenden sie sich vermehrt uns Superhelden zu. Wir sind die Nachfahren von Herakles, Siegfried oder Robin Hood. Sagenhafte Figuren im Kampf gegen alle Ausgeburten des Bösen. Ein ewiges Ringen, das den Menschen stets aufs Neue fasziniert – und meine Kollegen und mich für immer jung hält.

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