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Ulla Meinecke gibt ein Lesekonzert in Frankfurt: Interview mit Ulla Meinecke: „Was ich kenne, muss ich nicht erfinden“

Die in Usingen geborene Ulla Meinecke hat sich musikalisch immer wieder gewandelt, von der Rocksängerin zur Songpoetin und schließlich zur Erzählerin.
Bevor Ulla Meinecke (63) nach Hamburg und Berlin ging, hat sie ihre jungen Jahre in Frankfurt verbracht. Bevor Ulla Meinecke (63) nach Hamburg und Berlin ging, hat sie ihre jungen Jahre in Frankfurt verbracht.

Kein Geringerer als Udo Lindenberg war es, der Ulla Meinecke 1976 nach Hamburg lockte und ihr erstes Album „Von toten Tigern und nassen Katzen“ produzierte. Schon bald wurde die 1953 in Usingen Geborene als eine der deutschen Rockladys gefeiert. Nach ihrem Umzug entwickelte sich Meinecke in Berlin zu einer ernsthaften Songpoetin. Weit weg von der alten Heimat. Als „Hardcore-Romantikerin“ gelangen ihr fast filmreif inszenierte Alltagsgeschichten, die ihr u.a. den Deutschen Kleinkunstpreis einbrachten. Da lag es nahe, dass sie sich mit ihrer Beobachtungsgabe und ihrem Sprachwitz neben der Songlyrik auch an Prosa versuchte. In ihrem jüngsten Erzählungsband „Ungerecht wie die Liebe“ seziert sie auf charmant-ironische Art Beziehungen und andere menschliche Katastrophen. Am 24. November kommt Ulla Meinecke (63) zu einer Lesung in „Die Fabrik“ nach Frankfurt. Zwei Tage später gibt sie ein Konzert im Bürgerhaus Sprendlingen in Dreieich. Detlef Kinsler sprach mit ihr vor ihrer Rückkehr an den Main.

Frau Meinecke, 1980 gab es auf dem Album „Überdosis Großstadt“ noch einen Song mit dem Titel „Frankfurt“. Danach schien die alte Wirkungsstätte lange kein Thema mehr.

ULLA MEINECKE: Ich bin kein Mensch, der viel in der Vergangenheit lebt. Früher ist vorbei.

Und dann dauerte es in ihrem letzten Erzählband „Ungerecht wie die Liebe“ genau vier Zeilen, bis Sie kundtaten: „Wer in Frankfurt Auto fährt, hat doch ’ne Panne. . .“. Und dann lassen Sie ihren Protagonisten, den erfolgreichen Steuerberater Mausolff, mit dem Fahrrad am Main entlangflitzen und über den Eisernen Steg hetzen . . .

MEINECKE: Das hat mich selber erstaunt. Als ich die Geschichte anfing, stellte ich plötzlich fest: Der hat seine Kanzlei ja in Frankfurt und wohnt in Königstein. Ich sah ihn auch in der Morgensonne in den Hochhäuserfenstern, die sich dann auf seinem Gesicht anfühlen wie Blitzlichter. Dadurch kriegt er ja seinen „Tour-de-France“-Anfall. Das heißt – wenn du das schreibst, bist du auch da. Durch diese Skyline hast du dieses Lebensgefühl, das Frankfurt-Gefühl. Ich kann das gar nicht besser beschreiben. Wieso soll ich also was erfinden, wenn ich etwas nutzen kann, das ich kenne?

Nach dem Wegzug Ihrer Schwester kamen Sie immer seltener nach Frankfurt. Nach dem Galakonzert zum 80. Geburtstag von Fritz Rau übernachteten Sie dann in einem Hotel auf dem Sachsenhäuser Berg.

MEINECKE: Ich hatte das Privileg und wohnte im 19. Stock, und der Blick da hinunter auf die Stadt, das war wunderschön.

Erst als Sie das letzte Mal im „Neuen Theater Höchst“ gastierten, entdeckten Sie auch alte Lieblingsplätze wieder.

MEINECKE: Als ich in der alten Schule war, kamen natürliche Erinnerungen, die ich längst vergessen hatte. Und trotzdem liegt ein Ozean von Zeit dazwischen. Es fühlt sich eher wie ein schwaches Echo an. Mit der Ernst-Reuter-Schule hatte ich in dieser Zeit Glück. Ich ging da gerne hin.

Und beim Besuch im Westend kamen die Erinnerungen an besetzte Häuser, Leben in WGs, Spontis und den alten verstorbenen Freund Matthias Beltz.

MEINECKE: Der hat ja zu Recht gesagt „Das hessische Hobby ist schlechte Laune haben“. Weil man umzingelt ist von anderen Bundesländern und keinen Zugang zum Meer hat. Die Zeit in Frankfurt, na klar, das ist das Fundament, auf dem ich mich bewege.

Resultiert aus dieser Sozialisation eine Gesinnung, der Sie sich auch künstlerisch noch verpflichtet fühlen?

MEINECKE: Ich fühle mich keiner Haltung verpflichtet, die ich aufgeben oder beibehalten kann. Ich bin einfach so. Der Versuch, zum Beispiel aus geschäftlichen Gründen jemand anderer zu werden, geht doch immer schief.

Sie haben es vermieden, für neue Aufnahmen ins Tonstudio zu gehen. „Wir warn mit Dir bei Rigoletto, Boss!“ ist ein Doppel-Livealbum mit vielen Meinecke-Klassikern, darunter „Hafencafé“ von Manfred Maurenbrecher, „Übers Meer“ von Rio Reiser und der Hit „Die Tänzerin“ neben deutschen Adaptionen von Suzanne-Vega-Liedern oder Paul-Simon-Songs. Die Stücke stammen aus unterschiedlichen Phasen Ihrer Karriere, scheinen sich aber problemlos auf heute übertragen zu lassen.

MEINECKE: Die Zeitlosigkeit fast aller Songs, das ist mein Vorteil. Ich habe mich textlich nie um Moden gekümmert, deshalb wird auch nichts altmodisch. Auf dem neuen Livealbum sind neben den bekannten auch sechs neue Songs, die es auf keinem anderen Tonträger gibt. Die CDs sind eine Momentaufnahme. Wir haben zwei Abende in Hamburg und Lübeck mitgeschnitten.

In Frankfurt geben Sie ein Lesekonzert, in Dreieich sind Sie als Trio mit Ingo York (Gitarre, Bass, Mundharmonika, Gesang) und Reinmar Henschke (Keyboard) zu erleben. Wie unterscheiden sich die Abende?

MEINECKE: Bei den Lesungen lese ich Erzählungen aus „Ungerecht wie die Liebe“. Ingo ist mit dabei, und wir spielen auch etliche Songs zusammen. Hier bietet die Musik quasi einen Rahmen um die Geschichten. Das Konzert ist ein Konzert. Da geht es allein um die Songs.

 

„Fabrik“, Mittlerer Hasenpfad 1–5, Frankfurt. 24. November, 20 Uhr. Karten zu 20 Euro unter Telefon (069) 60 50 43 81.
Internet www.die-fabrik-frankfurt.de

 

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