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Wiener Indie-Rocker: Interview mit "Wanda": „Ein Lied ist was Lebendiges, zart wie ein Schmetterling“

Nach „Amore“ und „Bussi“ bringt die Wiener Rockband „Wanda“ heute „Niente“ heraus. Ein Live-Auftritt ist im Wiesbadener Schlachthof geplant.
Auf ihrem neuen Album „Niente“ geben sich die fünf Rock ’n’ Roller von „Wanda“ ungewohnt melancholisch. Auf ihrem neuen Album „Niente“ geben sich die fünf Rock ’n’ Roller von „Wanda“ ungewohnt melancholisch.

Das Quintett „Wanda“ ist zugleich rotzfrech und poetisch und trifft damit einen Nerv. Für den „Musik Express“ ist Wanda die „vielleicht letzte wichtige Rock’n’Roll-Band unserer Generation“. Jetzt haben die mit reichlich Schmäh ausgestatteten Wiener ihr drittes Album mit schnörkellosen Songs voller Wunden und Narben aufgenommen. Lakonischer Titel: „Niente“, das am heutigen Freitag erscheint. Bei der Tournee im Frühjahr schauen die Musiker am 13. März im Wiesbadener Schlachthof vorbei. Olaf Neumann traf Sänger Marco Michael Wanda und Gitarrist Manuel Christoph Poppe in Hamburg zum Mittagsplausch mit Bier und Zigaretten. Ein Gespräch über Drogen, Mythen und den wahren Rock ’n’ Roll.

Ihr Album heißt „Niente“, das ist Italienisch und bedeutet „nichts“ bzw. „nichts zu danken“. Was wollen Sie damit sagen?

MARCO WANDA: Gar nichts! Ein Album- oder Songtitel bedeutet nichts. Es bedeuten nur die drei bis sechs Minuten etwas, die ein Lied läuft.

Wie haben Sie sich mental auf die Studioarbeit vorbereitet?

WANDA: Wir haben uns als Band gar nicht vorbereitet. Die Lieder steuern uns an und sie sind sehr klar von mir auf der akustischen Gitarre vorbereitet mit Stimme und Melodie. Aber der Arrangement-Prozess war ein sehr intuitiver. Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Wir spielen auf Augenhöhe mit unseren Fähigkeiten. Für uns gibt es kein „Was wäre, wenn“.

Ist ein Studio eine ergiebige Quelle der Inspiration?

WANDA: Das Studio ist nur ein Raum, in dem Instrumente stehen. Wir sind keine Band, die auf einem beschissenen Perserteppich das Schlagzeug aufbaut für die Atmosphäre. Kerzen oder so ein Scheiß sind unnützes Beiwerk und Attitüde. Ein guter Rock-’n’-Roll-Musiker hat ein Take, eine Chance und legt was hin. Die Quelle der Inspiration ist die Seele. Ein Musiker kommuniziert mit dieser. Und wenn er das nicht ständig tut, dann ist er kein Musiker und wird auch keinen Erfolg haben.

Wie schreibt die Seele ein Lied?

WANDA: Das weiß ich nicht. Ich bin weg, wenn ich schreibe. Ich falle in einen tiefen Schlaf, wache auf und habe ein Lied.

MANUEL POPPE: Wenn Marco ein Lied fertig hat, treffen wir uns in der Küche unseres Produzenten Paul Gallister, und er spielt es uns auf der Akustikgitarre vor. Es hat meistens schon Strophen, Refrain, Übergänge, Melodien und einen Text. Dann wird es von uns ziemlich schnell arrangiert und aufgenommen. Was beim dritten Mal nicht drin ist, wird gelassen. Es wird nicht gebrütet über irgendeine Passage.

WANDA: Es geht um Leben und Tod. Jede Melodie, die hinzugefügt wird, ist endgültig. Mit diesem Mindset kommt immer ein toller Song heraus. Im Nachhinein basteln wäre pietätlos. Ein Lied ist etwas sehr Lebendiges, das man mit Respekt behandeln muss. Zart wie ein Schmetterling.

Haben Sie sich etwas bei anderen Rock-’n’-Roll-Musikern abgeschaut?

WANDA: Wir kommen alle aus einer nicht beachteten Wiener Untergrundszene, wo wir zehn Jahre gespielt haben. Dabei hat sich eine gewisse Tugend etabliert. Du musst einfach überall funktionieren, weil du nur so wenige Chancen hast, gehört zu werden.

Haben Sie den Anspruch, auf einem ganz bestimmten Niveau zu spielen?

WANDA: Hätte ich solche Ansprüche, dann hätte ich Jazz studiert. Besser als der Wiener Literat Franz Schuh kann man es nicht ausdrücken: „Virtuosität ist die perfekte Beherrschung einer Technik, welche selbst keinen Grund liefert, sie überhaupt zu beherrschen“.

Ein Song heißt „Das Ende der Kindheit“. Brauchen Sie den Rock ’n’ Roll, um etwas nachzuholen, was Sie in Ihrer Jugend versäumt haben?

WANDA: Ich habe nichts versäumt in der Kindheit und Jugend – außer einer Jugendliebe. Aber man wird nicht wirklich erwachsen, wenn man in einer Rockband spielt und die Hälfte des Jahres auf Tour fährt.

Woran erkennt man den wahren Rock ’n’ Roll?

WANDA: Das weiß ich nicht, das ist ja auch nur so ein Verkaufswort. Ich stelle mir den Rock ’n’ Roll vor als geistige Reise, als etwas, das seine Wurzeln hat in einer Zeit voller Bürgerrechtsbewegungen und dem Willen, soziale Grenzen einzureißen. Auf einmal stand Chuck Berry vor einem schwarz-weißen Publikum. Das ist das viel wesentlichere Momentum am Rock ’n’ Roll als irgendein beschissener Drogenmythos. Wenn man Drogen nehmen will, dann nimmt man sie einfach, deswegen kann man sich aber nicht Rock ’n’ Roller nennen. Nur weil man ein bisschen Gitarre spielen kann, ist man noch lange kein Rock ’n’ Roller. Ein Rock’n’Roller ist man, wenn man vor diesem geistigen Erbe Respekt hat und sich in den Dienst der Zusammenführung von Menschen stellt. Man ist auch kein Rock ’n’ Roller, wenn man seine Eitelkeit bedient oder zwei Groupies mit aufs Zimmer nimmt und Koks zieht.

POPPE: Ich habe mit zehn Jahren im Landurlaub bei den Großeltern mit Freunden das „A-Team“ nachgestellt, und dann haben wir gemeinsam ein Baumhaus gebaut. Genauso fühlt sich das an, was wir jetzt machen.

Auftritt in Wiesbaden

Schlachthof, 13. März, 2018.
20 Uhr. Karten zu 40,65 Euro
unter Hotline 0 18 06-57 00 70.
Internet www.eventim.de

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