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Intrigen, Bandenkriege und fantastische Morde

Von Noir bis Fantastik: Die beeindruckendsten Krimis des Herbstes überzeugen mit großer thematischer Bandbreite.

Paris kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Zwar körperlich unversehrt zurückgekehrt, doch nachhaltig desillusioniert schlägt sich René Griffon recht gewitzt als Privatdetektiv durch. Bei seinem neuesten Fall scheint es sich zunächst um etwas eher Unspektakuläres zu handeln: Die Frau des Colonels Fantin de Larsaudière nimmt es mit der ehelichen Treue nicht so genau, und der gefeierte Kriegsheld wird deswegen erpresst. Doch Griffons Nachforschungen drohen einige ganz andere Dinge aufzudecken, die der Colonel lieber im Dunkeln gelassen hätte.

In schnoddrigem Ton schildert Didier Daeninckx in seinem Kriminalroman "Tod auf Bewährung" mit einer guten Portion Sarkasmus das Frankreich der Nachkriegszeit. Gleichzeitig rechnet er mit albernem Hurrapatriotismus ab, legt die Wunden offen, die der Krieg geschlagen hat – die offensichtlichen ebenso wie die verborgenen –, und zeigt die ungleiche Verteilung der Narben auf Arm und Reich auf. Ein ganz vorzüglicher, böser, rotziger Krimi von einem der bedeutendsten Vertreter des französischen Noir, der hierzulande noch viel zu unbekannt ist.

Bandenkrieg

Einer der wichtigsten Vertreter des deutschsprachigen Noir ist Frank Göhre. Dessen "Kiez-Trilogie" – die St.-Pauli-Romane "Der Schrei des Schmetterlings", "Der Tod des Samurai" und "Der Tanz des Skorpions" – erscheinen nun gesammelt im Pendragon-Verlag, ergänzt um ein aktuelles Nachwort des Autors, das Hintergründe und Materialien zur "Kiez-Trilogie" bietet. Göhre – preisgekrönter Roman- und Drehbuchautor – bindet Fiktion in Fakten ein und orientiert sich am Kiez-Auftragskiller Werner "Mucki" Pinzner, dem Bandenkrieg und dem Hamburger Polizeiskandal der achtziger Jahre. Präzise, lebensnah und ohne Weichspüleranteile zeichnet Göhre das Rotlichtmilieu der Reeperbahn und die Verflechtungen von Politik, Polizei und organisierter Kriminalität.

Tödliche Abgründe

Weitgehend fiktional ist der neue Krimi von Håkan Nesser: Ein rund sechzigjähriger Mann liegt tot am Grund der sogenannten Gänseschlucht. Vor genau 35 Jahren stürzte seine damalige Lebensgefährtin an exakt derselben Stelle in den Tod. Damals sprach das meiste für einen Unfall. Auch der Todesfall heute lässt nicht zwingend darauf schließen, dass noch jemand Drittes darin verwickelt ist. Ein Selbstmord? Um nach mehr als dreißig Jahren mit der Geliebten vereint zu sein? Oder steckt doch mehr dahinter? Denn ein paar Hinweise gibt es, die nicht so ganz ins Bild passen.

Inspektor Gunnar Barbarotti und seine Kollegin Eva Backman kommen bei den Ermittlungen nur langsam voran, denn die Anhaltspunkte sind spärlich und Zeugen gibt es keine. Parallel dazu werden die Ereignisse vor 35 Jahren aufgerollt. Als Leser nähert man sich so auf zwei Ebenen dem Freundeskreis, dem die beiden Toten angehörten: drei Männer und drei Frauen, über Jahre verbunden, getrennt durch Geheimnisse, einsam bei aller Gemeinsamkeit. Håkan Nessers Kriminalroman "Die Einsamen" besticht durch seine ruhige Erzählweise und einen genauen Blick auf die Figuren und ihre Abgründe.

Geliebt und vergessen

Teilweise in die Vergangenheit führt auch der neue Roman von Kate Atkinson: "Das vergessene Kind". Die pensionierte Polizistin Tracy Waterhouse kauft in einem Moment der Geistesabwesenheit einer Prostituierten ein Kleinkind ab. Prompt steht sie nicht nur auf der anderen Seite des Gesetzes, sondern wird auch von unterschiedlichsten Parteien verfolgt. Zudem wird ein alter Mordfall wieder aufgerollt, zu dem Tracy am Anfang ihrer Polizeilaufbahn gerufen wurde. Auch damals spielte ein Kleinkind eine gewichtige Rolle. Parallel dazu sucht Expolizist Jackson Brodie im Auftrag einer Klientin nach deren leiblichen Eltern.

Kate Atkinson spielt mit den unterschiedlichsten Aspekten der Liebe zu Kindern, die sie gekonnt in die verschiedenen Erzählstränge einbindet. Diese Stränge berühren einander, verknoten sich, lösen sich wieder und krachen am Ende furios und unaufhaltsam aufeinander. Um einen Krimi handelt es sich dabei eher am Rande, vielmehr verflechten sich Handlungen und Ereignisse zu einem dichten Gewebe, in dem nichts wirklich zufällig geschieht und doch nichts so verläuft wie geplant. Atkinson gelingt dies mit großer Souveränität und einem sehr entspannten schwarzen Humor, der gefangen nimmt.

Leben mit Fliegenpilzen

Eine unterirdische Verbrecherrepublik, ein verborgener Wald, eine bislang unbekannte Varietät der Dahurischen Lärche, große Mengen an Fliegenpilzen, ein haiartiges Schwimmbad – willkommen in der Welt des Heinrich Steinfest. Die Handlung seines neuen Kriminalromans "Die Haischwimmerin" hüpft und springt ausgelassen, macht Ausfallschritte, kümmert sich nicht um Leseerwartungen, kippt manchmal kurz ins Klamaukige – und fasziniert ebenso mit Einfallsreichtum und grandiosen Volten, wie Steinfests Sprache mit Manierismen nervt, begeistert und punktgenau trifft.

Spielerisch und bei aller Fantastik stabil bodenständig erzählt der baden-württembergische Österreicher dieses Mal überraschend gradlinig und webt wie gewohnt ein dichtes Netz an Bezügen zu TV-Serien, Filmen, Comics, Literatur. Sehr eigen und sehr empfehlenswert!

Didier Daeninckx: "Tod auf Bewährung". Liebeskind, München. 271 S., 18,90 Euro

Frank Göhre: "Die Kiez-Trilogie". Pendragon, Bielefeld. 732 S., 16,95 Euro

Håkan Nesser: "Die Einsamen".

btb, München. 605 S., 19,99 Euro

Kate Atkinson: "Das vergessene Kind". Knaur, München, 464 S., 19,99 Euro

Heinrich Steinfest: "Die Haischwimmerin". Piper, München, 351 S., 19,99 Euro

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