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Dschihadisten - Finstere Boten des Todes: Islamistischer Terror: Woher kommt dieser Hass?

Von Sie kommen aus Birmingham, Brüssel und Frankfurt. In ihrem Alter sollten sie vom Glück der Liebe träumen und das Leben umarmen. FNP-Journalist Marc Rybicki sucht nach den Gründen des Hasses.
Screenshot eines Videos, das von der  Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aufgenommen worden sein soll und angeblich die Enthauptung des US-Fotografen James Foley zeigt. Foto: dpa Screenshot eines Videos, das von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aufgenommen worden sein soll und angeblich die Enthauptung des US-Fotografen James Foley zeigt. Foto: dpa
Frankfurt. 

Einhundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs schultern Europas Jugendliche wieder das Sturmgewehr. In Syrien lassen sie sich für den militanten „Dschihad“ einspannen, um die „Kuffar“ (Ungläubigen) auszurotten. Nie zuvor konnte eine Terror-Gruppe so viele ausländische Mitstreiter rekrutieren wie „IS“ (Islamischer Staat). 12 000 Kämpfer aus 81 Ländern haben sich der Organisation um den selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi angeschlossen.

Geschätzte 3000 stammen aus westlichen Staaten, die überwiegende Zahl aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Aber auch Belgier, Dänen, Niederländer und Schweden finden sich unter der multi-nationalen Mörderbande. Im Schnitt sind sie zwischen 15 und 25 Jahre alt, männlich – wobei der Frauenanteil mit 10 Prozent deutlich höher ist als in vergleichbaren Gruppierungen – und stammen aus allen Klassen der Gesellschaft, auch aus Mittel- und Oberschicht – vom Elektrotechniker aus dem Allgäu bis zum Medizinstudenten aus Wales. Ein gutes Drittel der Gotteskrieger hat keine muslimischen Wurzeln. Was treibt die Jugendlichen in die Arme der Dschihadisten?

Neue Gegenkultur

Politologe Peter Neumann vom King’s College in London ist sicher, dass es sich nicht nur um ein religiös oder politisch motiviertes Phänomen handelt. „Was wir sehen, ist das Entstehen einer Gegenkultur, mit einer ganz eigenen Sprache und Symbolik, die uns möglicherweise eine ganze Generation lang beschäftigen wird.“ Die „Generation Dschihad“ wird getrieben von dem Wunsch, „irgendwo dazuzugehören, sich besonders zu fühlen, wichtig zu sein, etwas Weltbewegendes zu leisten“, meint die Psychologin Nicola Charif-Dandaschi. Dieses Grundverlangen nach Bedeutung und Geborgenheit wurde im Laufe der Geschichte von allen radikalen Gruppierungen ausgenutzt, ob Hitler-Jugend, Ku-Klux-Klan, Manson Family, RAF oder Black Panther Party. Neu ist die Ansprache der nach Orientierung Suchenden durch die nahezu unkontrollierbaren Kanäle des Internets.

ARCHIV - Der Angeklagte Kreshnik B. kommt am 15.09.2014 im Hochsicherheitssaal des Oberlandgerichts in Frankfurt am Main (Hessen) an. Die Bundesanwaltschaft wirft dem jungen Mann die Mitgliedschaft in der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sowie die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat im Ausland vor. Nach einem Aufenthalt in Syrien war der Angeklagte bei seiner Wiedereinreise nach Deutschland auf dem Flughafen Frankfurt verhaftet worden. Foto: Boris Roessler/dpa (zu dpa lhe-Vorausmeldung: «IS-Prozess: Syrien-Kämpfer könnte aussagen» vom 18.09.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Oberlandgericht Frankfurt Mutmaßlicher IS-Terrorist verweigert Aussage

„Sie verbauen sich ihr junges Leben“, redet der Richter dem Angeklagten ins Gewissen. Aber Kreshnik B. will nichts sagen. Dafür weiß der Sachverständige viel über die Terrororganisation IS in Syrien zu berichten.

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Die „IS“-Gruppe beherrscht die Web-Propaganda perfekt. Facebook, Soundcloud, Instagram, Twitter – überall tummelt sich die Al-Furquan Media Productions, die als Medienabteilung der „IS“ gilt. Allein auf Twitter gibt es bis zu 10 000 Nachrichten täglich. „Dawn of Glad Tiding“ heißt die für Smartphones konstruierte App, die Fotos und News von der Front in Echtzeit verbreitet. Derweil lassen sich in Online-Shops Devotionalien kaufen. Trugen ihre Großväter Che-Guevara-Shirts, hüllen sich die Enkel in Kapuzenpullover mit „IS“-Logo. Aufschriften ändern sich. Die ideologische Verblendung bleibt. Was die „IS“ vor allem entfacht, ist ein Sturm der Bilder. Unter dem Titel „The Clanging of the Swords“ („Das Klirren der Schwerter“) kursiert eine Video-Reihe in Spielfilmlänge, die in ihrer Gewaltästhetik an Hollywood-Actionfilme und Computerspiele erinnert. Das weckt die Lust am Nervenkitzel in den vom drögen Alltag zwischen Schule und Ausbildung frustrierten Konsumenten. „Du hast die Chance, ein Held zu sein. Das ist klassische Abenteuerromantik, die es immer schon gegeben hat“, sagt der Sozialarbeiter Fabian Reich. Westliche Medien tragen ungewollt zur Mythen-Bildung bei. Während die Opfer meist nur gesichtslose Statistik bleiben, rückt jede noch so aufklärerisch gemeinte Dokumentation die Täter prominent ins Bild – in Großaufnahme, Zeitlupe, untermalt von dramatischer Musik.

Pop-Ikonen

Der Mörder des US-Reporters James Foley bekam von Journalisten prompt den griffigen Spitznamen „Jihadi John“ verpasst, und die Boulevard-Gazetten stürzten sich gierig auf die Lebensgeschichte des Ex-Rappers aus London. Vielleicht wird man über ihn auch Dutzende von Büchern und Filmen produzieren wie über Osama bin Laden. So macht man aus Killern Ikonen der Pop-Kultur.

Ein gefährlicher Trend, sagt der amerikanische Psychologe John Money, der sich seit Jahren mit den Auswirkungen der Hybristophilie beschäftigt, auch Bonnie-und-Clyde-Syndrom genannt. Demnach kann die exaltierte Berichterstattung über prominent gewordene Täter zu einem Nachahmungseffekt bei Menschen führen, die in ihrer Persönlichkeit nicht gefestigt sind – Jugendliche zumal. „Sie sind labil und suchen nach einer Identität. Irgendeiner Identität, die für sie passt.“ Dschihad-Krieger erscheint besonders attraktiv, weil durch die Annahme dieser Rolle etwas erreicht wird, was für Heranwachsende in ihrer Persönlichkeitsbildung wichtig, aber in der heutigen, immer schrankenloser werdenden Gesellschaft kaum mehr möglich ist: Rebellion. „Im Jugendalter ist es normal, dass man provoziert und sich abgrenzt, durch Kleidung und Verhalten“, erklärt Fabian Reich. „Doch womit kann man noch provozieren, wenn Punk, Hip-Hop und Pornografie im Mainstream angekommen sind?“

Die von rechtskonservativen Kräften geschürten Ressentiments gegenüber dem Islam und die Dämonisierung von Agitatoren wie Pierre Vogel, dem Dampfprediger der Salafisten-Szene, verstärken unter Jugendlichen den Drang zur Solidarisierung mit den Geächteten, den Schulterschluss mit den als rebellisch empfundenen Außenseitern. „Es tritt das Phänomen auf, dass sich immer mehr Mädchen verschleiern. Nach dem Motto: Wenn ihr ständig sagt, das Kopftuch ist böse, dann setz ich es erst recht auf“, so Reich. „Mit einem Minirock kann man niemanden mehr schockieren, aber mit einer Burka – da schauen die Leute.“

Die Jugendlichen, die sich von der Ideologie der Salafisten, die auf einer wörtlichen Auslegung des Korans beharren, begeistern und radikalisieren lassen, seien meist „religiöse Analphabeten“ ohne fundiertes Wissen. Was sie reizt, ist der Halt innerhalb eines Systems, das im Gegensatz zu der globalisierten und in chaotischer Beliebigkeit zerfaserten Welt um sie herum eine feste Ordnung und klare Regeln bietet.

„Es gibt den jungen Menschen, die sich ohnmächtig fühlen, eine gewisse Stärke und Selbstwertgefühl“, sagt der Islamwissenschaftler Mouhanad Korchide. Im Prinzip ist die Gegenkultur der „Generation Dschihad“ eine Umkehrung der 68er-Bewegung. Strebte die Jugend damals nach weniger Autorität und mehr Freiheit in politischer und sexueller Hinsicht, sucht ein Teil der heutigen Kids das Heil in einer starren, hierarchisch gegliederten Struktur. Jungs und Mädchen streifen die wallenden Obergewänder über, um sich von einer übersexualisierten, in ihren Augen schamlos freizügigen Gesellschaft abzugrenzen – und am bitteren Ende jene zu bekämpfen, die „sündig“ und „gottlos“ leben. Der Trend zum religiösen Fundamentalismus ist kein Auswuchs, der sich auf den Islam begrenzen lässt. In Großbritannien, den USA, aber auch in Deutschland sinken die Mitgliederzahlen traditioneller Kirchen bei gleichzeitigem Anstieg freikirchlicher Bewegungen und sektiererischer Gemeinden. Die Christliche Rechte formiert sich, fordert Gehorsam und Einordnung, hetzt gegen Minderheiten und stellt Jesus als Kämpfer dar, der alle Ungläubigen vernichten wird.

Die große Enttäuschung

Abermals werden Religionen, die im Ursprung Träger hoher moralischer Werte sind, als Instrumente der Selbstermächtigung pervertiert. Auch der 19-jährige David G. aus Kempten im Allgäu suchte Gott – und fand in Syrien den Tod als Soldat. Wie lässt sich der Wahnsinn bremsen? Experten sind sich einig, dass Bildung der wichtigste Faktor sein kann, auf allen Gebieten – religiös, sozial und auch medial.

„Das Leben spielt sich für Jugendliche zu einem großen Teil in den sozialen Netzwerken ab, wo die künftigen Krieger auch gezielt angeworben werden. Aber was auf Facebook, WhatsApp und Co. passiert, wird in Schulen kaum thematisiert“, kritisiert Fabian Reich. Die Anthropologin und Beraterin der Europäischen Union, Dounia Bouzar, setzt zudem auf die aufrüttelnde Wirkung der Berichte jener Rückkehrer aus den Kriegsgebieten, die an der Front die große Diskrepanz zwischen den Ansprüchen der Prediger und der grausamen Realität erlebten. „Wir hören junge Menschen weinen, die angeblich zu humanitärer Hilfe ihrer Glaubensbrüder gekommen waren, und nun sagen: Dort gibt es nichts Menschliches, nichts Islamisches. Nur Leute, die anderen die Kehlen durchschneiden. Sonst nichts.“

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