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Popkonzert: Island klingt nach Sehnsucht: „FM Belfast“ in Frankfurt

Nur gut, dass der denkmalgeschützte Mousonturm eine stabile Bausubstanz hat. Denn die massiven Bässe von „FM Belfast“ und ihre zu Stakkato-Beats hopsenden Fans vermögen jede Statik zu erschüttern.
Auch wenn Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir, die Sängerin von „FM Belfast“, zwischendurch einen empfindsamen Song anstimmt – das Publikum im Saal tobt weiter. Foto: Sven-Sebastian Sajak Auch wenn Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir, die Sängerin von „FM Belfast“, zwischendurch einen empfindsamen Song anstimmt – das Publikum im Saal tobt weiter.
Frankfurt. 

Island ist ein Sehnsuchtsort. Voller Romantik und Mystik. Nicht mal 350 000 Einwohner leben auf kaum mehr als 100 000 Quadratkilometern, trotzdem verblüfft das am dünnsten besiedelte Land Europas mit einer Künstlerdichte wie sonst nur noch die Färöer-Inseln. Ein kreatives Völkchen. Und während es viele aus unseren Breiten aufs brodelnde und dampfende Eiland zu Vulkanen und Geysiren treibt, suchen die Musiker die Bühnen Europas auf und flüchten vor Elfen und Trollen.

Da jeder jeden zu kennen scheint in Reykjavik, könnte man bei so viel Nähe vermuten, dass die Szene eine gemeinsame Sprache gefunden hat. Weit gefehlt. Diversität ist angesagt. Björk, das Flaggschiff, schreibt längst geniale Musik, die man von zeitgenössischen Klassikern erwarten würde, und singt in einer eigenen Liga. Die sakralen Lautmaler von „Sigur Rós“ führen die Post-Rock-Fraktion an; „Múm“ sind charmante Vertreter der Elektro-Frickelei; Ólafur Arnalds gilt mit seinen oft kontemplativen Klängen als „Neo-Klassiker“. All den Musiken wohnt ein Zauber inne, eine gewisse Melancholie ist unüberhörbar.

Pure Anarchie

Aber da gibt es auch noch die Stilbrecher von „GusGus“ mit ihrem von House inspirierten Sound. In puncto Tanzbarkeit und Wildheit werden die noch getoppt von „FM Belfast“. Die sind zurzeit auf Deutschlandtournee und haben mit „Island Broadcast“ Anfang November ein neues Album veröffentlich. Bei aller Verspieltheit sind darauf tatsächlich richtig schöne Songs zu hören, die Platz lassen für die Stimmen, allen voran der von Sängerin Lóa Hlín Hjálmtýsdóttir. Das klingt dann fast so griffig wie Synthie-Pop der Achtziger. „The Human League“ und „Pet Shop Boys“ könnten Pate gestanden haben. So viel zur Platte.

Jegliche Kontrolle und Struktur im Studio geht aber verloren, wenn „FM Belfast“ unterwegs sind. Mitglieder der Band sind laut ihrer Facebook-Seite „Lóa, Árni, Örvar, Egill, Ívar, Borko, Hermigervill and about 50 more“. Nach Frankfurt sind „nur“ sechs angereist. Borko fehlt. Aber mehr braucht es auch nicht. Denn wehe, wenn sie losgelassen. Da herrscht von der ersten Minute an die pure Anarchie. Wo andere peinlich genau darauf achten, das neue Album zu promoten, gibt es bei „FM Belfast“ gerade mal drei Kostproben. Und die folgen auch nicht zwingend der aufgenommenen Version. „Wir tun mal so, als wäre heute Samstag“ begrüßen sie ihr Publikum und erklären den Theatersaal zur Großraumdisco.

Mächtige Bässe aus dem Elektronikpark rund um „FM Belfast“-Mastermind Árni Rúnar Hlöðversson und die unmissverständliche Ansage, sich doch gleich mal auf die Kommandos der Vortänzer einzulassen, zwingen die Fans gleich in und auf die Knie. Nicht nur die oben auf den Brettern sollen ständig in Bewegung bleiben. Die Animation jedenfalls funktioniert noch besser als seinerzeit auf den klassischen Aerobic-Videos von Jane Fonda. „I Can Feel Love“ heißt die Einpeitschnummer, bei „Stripes“ ist schon der ganze Saal am Hüpfen und der Gesang wird merklich hysterischer. Hier mitzumachen ist weit effektiver als jeder Full-Body-Workout.

Sympathische Chaoten

„Wir wären froh, sagen zu können: Schön, euch zu sehen“, spielen die hyperaktiven Akteure auf den Theaternebel an, der auch ins Publikum wabert. „Hey, wir brauchen mehr Rauch.“ Hlöðversson packt ein Gerät aus, das er auf dem Weihnachtsmarkt in Heidelberg erstanden haben will. Ein Stimmungsmessgerät. Ein erster kollektiver Aufschrei bringt noch nicht den erhofften Ausschlag. Mit ein bisschen Übung lässt sich das Ergebnis steigern. Ivar Petur Kjartansson trommelt sich an seinem Tom-Tom-Set über den drei Sängerin thronend die Seele aus dem Leib, umspielt mit an Latin Music erinnernden Breaks die stoische Computer-Stupidität. Die Schläge wirken zusätzlich aufpeitschend auf das Publikum. Dazwischen fliegen Rollen bunten Krepppapiers ins Auditorium.

Wenn Hjálmtýsdóttir mit „Gold“ zwischendurch ein emotional empfindsames Lied ankündigt, ändert das wenig an der Stimmung im Raum. Die sympathische Chaostruppe kreiert hier eine Atmosphäre zwischen Kindergeburtstag, Initiationsritual und „Village-People“-Revival. Auf einem der T-Shirts beim Merchandise steht: „Ich hätte gern ein Haus in der Karibik“. Beliehen haben sie für ihren Stilmix neben Hip-Hop-Versatzstücken und Techno-Drive auch Dub-Reggae-Techniken.

Nach einem Stündchen scheinen alle ausgepowert und glücklich. Gerade hat der „Oasis“-Hit „Wonderwall“ noch ein kraftvolles Update erfahren. Auch die „Beastie Boys“ werden zitiert. „Fight For Your Right To Party“. Genau darum geht es. Diskussionen über den künstlerischen Wert der Darbietung kann man getrost hintanstellen.

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