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Frankfurter Musikmesse: Ist die E-Gitarre dem Tod geweiht?

Auch wenn die elektrische Gitarre viel von ihrer Bedeutung eingebüßt hat, so mag sich keiner wirklich vorstellen, dass Musiker eines Tages ganz auf sie verzichten könnten. Vom Aussterben bedroht, setzen ihre Anhänger auf Artenschutz. Bei der Musikmesse in Frankfurt (11. bis 14. April) bleibt die E-Gitarre omnipräsent, und das Traditionsmusikhaus Hummel eröffnet im Sommer dem Trend trotzend einen eigenen Gitarrenladen.
Der Brite Eric Clapton hält die E-Gitarre in Ehren und geht auch noch mit 73 Jahren auf Tournee. Der Brite Eric Clapton hält die E-Gitarre in Ehren und geht auch noch mit 73 Jahren auf Tournee.

Am 27. November 2017 wäre Jimi Hendrix 75 Jahre alt geworden. Grund genug, den genialsten Gitarristen aller Zeiten einmal mehr in den Feuilletons zu würdigen. Schließlich hat sein unvergleichliches Spiel auch 47 Jahre nach Hendrix’ Tod nichts von seiner Faszination eingebüßt. Und so ein Jubiläum ist natürlich auch immer eine feine Gelegenheit, in Erinnerungen zu schwelgen. Denn Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre war die E-Gitarre Kultobjekt, die Saitenzauberer dieser Ära erfuhren Ehrerweisungen. Noch bevor Hendrix die Szene in London mit seinen Extravaganzen aufmischte, hatte Eric Clapton schon seine Fans inspiriert, den Satz „Clapton is God“ an U-Bahn-Stationswände zu pinseln.

Jimi Hendrix machte mit seinem Saitenzauber die E-Gitarre in den 60er Jahren zum Kultobjekt. Bild-Zoom
Jimi Hendrix machte mit seinem Saitenzauber die E-Gitarre in den 60er Jahren zum Kultobjekt.

Der eine, Hendrix, ist schon lange tot, der andere, Clapton, mit 73 noch auf Tour (im Juli in Köln und Hamburg). Beide führen noch immer die Top 10 der besten Gitarristen aller Zeiten an, gefolgt von anderen eigenwilligen Gitarrenstilisten wie Jimmy Page („Led Zeppelin“) und Jeff Beck. Dazwischen kann sich mit Keith Richards von den „Stones“ einer halten, der als grandioser Rhythmusgitarrist gilt. Jede Chance, die alten Helden hochzuhalten, wird nur zu gerne wahrgenommen, zumal der Abgesang auf die E-Gitarre immer lauter wird. Ob im „Handelsblatt“ (Überschrift: Stirbt die E-Gitarre aus?) oder Musikmagazinen wie dem „Rolling Stone“ („Der Tod der Gitarre“). Die Jüngeren stehen eher auf computerbasierte Musik. Dennoch hält sich die Gitarre auf Platz 2 der Beliebtheitsskala bei der Instrumentenwahl, gleich nach dem Klavier. Zuletzt kam die schockierende Meldung: Dem legendären Gitarrenbauer Gibson droht der Konkurs.

Fehlende Vorbilder

„Der Rückgang ist spürbar da, die Verkaufszahlen sind deutlich gesunken“, bestätigt Bernhard Hahn, einer der Gesellschafter des Traditionsfachgeschäftes „Cream Music – Musikhaus B. Hummel“ im Frankfurter Bahnhofsviertel. Einen Grund dafür, dass die Nachfrage nach elektrischen Gitarren geringer geworden ist, sieht Hahn an den fehlenden Vorbildern aktuell. „Du siehst einen Ed Sheeran auf der Bühne – was hält der in den Händen? Eine kleine Akustikgitarre.“ Also will der Nachwuchs genau dem nacheifern, was gerade hip ist. „Nur, wenn ein neuer Hero geboren wird, der ein geiles Lied mit der E-Gitarre macht, dann haben die Jungen auch wieder Lust, das zu lernen“, glaubt er. Für die Abteilung Gitarre & Bass in der Taunusstraße 43 verantwortlich, wird er nicht müde, den Stellenwert der E-Gitarre im vergangenen Jahrhundert als das Hauptinstrument einer jeden Band zu betonen. „Es gibt nichts, was die Musik mehr geprägt hat, sie ist daraus nicht wegzudenken. Wenn du die Kids an sie heranführst, sind sie alle begeistert.“

Ähnliche Erfahrungen macht auch Chris Tucker, der John Lennon in der momentanen Besetzung der „Beatles Revival Band“. Bei der Kulturwerkstatt Germaniastraße „Waggong e. V.“ ist der gebürtige Brite einer der Gitarrenlehrer. „Tatsächlich wollen 50 Prozent der Schüler E-Gitarre lernen“, überrascht ihn immer wieder, was seine Eleven dazu motiviert. „Früher waren all die Pop-Punk-Bands wie ,Green Day‘ ihre großen Helden. Heute kommt der eine mit ,Muse‘, ein anderer mit ,Slash‘, ein kleiner Junge sogar mit Classic-Rock-Sachen“, umreißt Tucker die Diversität der Impulse aus dem Elternhaus oder dem Internet. Wenn irgendwelche Youngsters auf YouTube ihre Fingerfertigkeit demonstrieren und Millionen Clicks generieren, wird die Nachahmerlust befeuert. Einmal die Woche unterrichtet Tucker auch in der Carl-von-Weinberg-Schule in Goldstein. Da wird eine „Bandklasse“ als erweiterter Musikunterricht angeboten. „Da ist die E-Gitarre ein begehrtes Objekt“, beobachtet er, wie fasziniert die Schüler reagieren, wenn die Gitarre erst einmal am Verstärker angeschlossen ist und sie merken, wie weit man da aufdrehen kann. „Wenn man dann noch den Verzerrer reinhaut, wow“, so Tucker. Nur lässt sich daraus noch lange kein Karrierewunsch ableiten.

Treue Anhängerschaft

Wenn vom 11. bis 14. April wieder die Frankfurter Musikmesse stattfindet, wird der Gitarre allen Widrigkeiten zum Trotz ein prominenter Platz im Programm eingeräumt. Da ist ein Sonderareal der „World of Vintage Guitars“ gewidmet. In der „Guitar Boutique Village“ sind handgemachte Liebhaber-Gitarren zu bestaunen. Im „Guitar Camp“ performen Gitarrenstars wie Jen Majura von „Evanescence“, Jeff Waters von „Annihilator“ oder Tom Longworth aus Robbie Williams’ Band. Auch Michael Biwer, der Group Show Director des Geschäftsbereichs „Entertainment, Media & Creative Industries“ der Messe Frankfurt, ist und bleibt Fan der E-Gitarre, sieht deren Bedeutung ähnlich wie der Fachhändler. „Die E-Gitarre hat die vergangenen Jahrzehnten der Musikgeschichte entscheidend geprägt und hat damals wie heute eine treue Anhängerschaft“, trägt der Messemann dem Rechnung. „Verglichen mit ihren Hochphasen hat sie aktuell aber einen etwas schweren Stand.“ Auch er beklagt den Mangel „an zugkräftigen E-Gitarrenhelden mit Vorbildcharakter“.

Die Hard-’n’-Heavy-Fraktion hatte sie unabhängig jeglicher Trends in ihrer Nische immer. Eddie van Halen etwa, Kirk Hammett („Metallica“) oder Slash von „Guns N’Roses“, die Heldenverehrung genießen. Der Synthie-Pop der 80er Jahre konnte die Gitarre nur kurzzeitig in den Hintergrund drängen. Im Alternative Rock und Grunge gewann sie wieder die Oberhand, wurde in Gruppen wie „Sonic Youth“, „Dinosaur Jr.“, „Nirvana“ oder „Soundgarden“ wieder virtuoser gespielt.

Als neuer Hero wird just Joe Bonamassa gefeiert. Doch der erreicht vorzugsweise die Besserverdiener, Anwälte und Zahnärzte, die sich ihre 4000-Euro-Modelle in die luxuriöse Eigentumswohnung stellen. „Es ist normal, dass die Nachfrage nach Instrumenten aktuelle musikalische Trends widerspiegelt“, weiß Biwer und richtet sich mit außergewöhnlichen Produkten auf der Messe an Profis wie Neueinsteiger. „Vielleicht entdeckt der nächste E-Gitarrenheld seine Liebe zum Instrument hier auf der Musikmesse.“

Wenn Ende Juni „Cream Music“ nach 114 Jahren seinen Standort nahe des Hauptbahnhofs aufgibt, bleibt die Keyboard- und Drum-Abteilung zwar im Viertel, der Teilbereich Gitarre & Bass zieht aber nach Sachsenhausen um. In einen eigenen Gitarrenshop. Deutlicher kann man nicht dokumentieren, dass man sich die E-Gitarre nicht kaputtreden lassen will. Hahn nimmt den alten Tresen mit in die Seehofstraße. Vieles soll an das alte Ladenlokal erinnern.

Feine Handwerkskunst

Nur Nostalgie allein bezahlt die Miete nicht. Der Markt ist im Wandel, also setzt Hahn auf ein neues Geschäftsmodell. Spezialisierung heißt das Zauberwort. „Es gibt ausgesuchte, qualitativ hochwertige Ware, feine Handwerkskunst der Instrumentenbauergilde aus der Region, wir haben Ingenieure im Team, die eigene Geräte bauen, der Servicefaktor ist uns extrem wichtig, und wir können auch Unterricht in unseren Räumen anbieten.“ Junge Menschen für Musik zu begeistern gehört zum Konzept. „Unsere Kundschaft wird dieses Paket zu schätzen wissen. Und das spricht sich herum“, formuliert Hahn seine Hoffnung für die Zukunft seiner Zunft.

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