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Marion Poschmanns Roman „Die Kieferninseln“: Japaner tragen keinen Bart

Ein Kopfkissenbuch für zivilisationsmüde Europäer, eine Pilgerfahrt in die Provinzen der Seele. Marion Poschmann legt einen Japanroman vor, der mühelos große Themen verhandelt.
Als Lyrikerin dichtet Marion Poschmann oft Schwieriges. Mit ihrem Roman „Die Kieferninseln“ ist ihr ein wunderbarer Aussteigerroman gelungen, der Spiritualität und große Fragen der Zeit thematisiert, ohne dabei zu schwer zu werden. Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild) Als Lyrikerin dichtet Marion Poschmann oft Schwieriges. Mit ihrem Roman „Die Kieferninseln“ ist ihr ein wunderbarer Aussteigerroman gelungen, der Spiritualität und große Fragen der Zeit thematisiert, ohne dabei zu schwer zu werden.

Mit einem Roman hatte es die 1969 in Essen geborene Dichterin 2013 schon auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft: „Die Sonnenposition“ war in vielen Passagen mehr Lyrik als Prosa. Verben und ganze Sätze waren selten, statt Dialogen und Ereignissen reihte sie Beobachtungen und Assoziationen aneinander. Die schön schrägen Hauptfiguren blieben aber als Personen blass, die Geschichte nebulös.

Nachdem 2015 in Leipzig sogar ein Lyrikband gewonnen hat – Jan Wagners „Regentonnenvariationen“ – wollte die Jury, wie es scheint, in diesem Jahr die oft vernachlässigte Literaturgattung nicht außen vor lassen. Zumal auf der Kandidatenliste auch noch eine Frau fehlte. Mit der Nominierung Poschmanns schlug die Jury zwei Fliegen mit einer Klappe.

Land am Ende der Welt

Es ist nur ein läppischer Traum, der den Mann aus der Bahn wirft. Gilbert Silvester fällt aus allen Wolken, weil er glaubt, seine Frau würde ihn betrügen. Also packt er seine Koffer, verabschiedet sich spontan aus seinem Alltag, lässt alle Routinen und Sicherheiten hinter sich und fliegt nach Tokio.

Ins Unbekannte, in ein geheimnisvolles Land am Ende der Welt. So beginnen Bücher, die man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Es folgt eine Suche nach dem Glück, die sich auf den Leser unmittelbar überträgt.

Die 1969 in Essen geborene Marion Poschmann hat es mit „Die Kieferninseln“ völlig zu Recht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis geschafft. Der in Berlin lebenden Prosaautorin, die sich auch als Lyrikerin einen Namen gemacht hat, gelingt das Kunststück, eine ganz konkrete Aussteigergeschichte zu erzählen, in der sich zugleich eine spirituelle Pilgerfahrt verbirgt, die sich um die großen, existenziellen Themen dreht. Ihr flirrender Text scheint immer ein wenig über dem Boden zu schweben: Eine Prosa der feinen Nuancen, getragen von großer sprachlicher Schönheit.

Poschmanns wackliger Held Gilbert kommt aus prekären Verhältnissen, ein mäßig ehrgeiziger, etwas altmodischer Kulturwissenschaftler, der sich von einem Forschungsauftrag zum nächsten hangelt. „Bartmode und Gottesbild“ lautet sein nur auf den ersten Blick abseitig wirkendes Schwerpunktthema. Im Laufe seiner Reise reflektiert der Akademiker über Gottes Rauschebart bei Michelangelo, den fehlenden Bart des Papstes und die zumeist bartlosen Japaner. Seiner angeblich untreuen Ehefrau Mathilda, einer Lehrerin, schreibt er kleine Briefe von unterwegs – so nähert er sich ihr in der Ferne langsam wieder an. War der Betrugsvorwurf nur ein Vorwand, um aus den Sachzwängen des Alltags zu entfliehen?

Im sehr aufgeräumten Japan staunt Gilbert über das Essen, gewöhnt sich an den grünen Tee, der immer wieder seine Farbe wechselt, und die puristisch eingerichteten Hotelzimmer.

Nachts im Baumlabyrinth

Gleich zu Beginn seiner Reise trifft er auf einem Bahnsteig den lebensmüden Studenten Yosa Tamagotchi. Gilbert kann das Schlimmste verhindern und nimmt den jungen Mann, der ein zierliches Ziegenbärtchen trägt, mit zu sich ins Hotel. Die beiden beschließen, gemeinsam die Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Wenn es denn unbedingt Selbstmord sein soll, so Gilbert, dann wird sich da schon ein spektakulärer, dem Anlass angemessener Schauplatz finden.

Bald verirren sich beide im berüchtigten Selbstmörderwald Aokigahara, verbringen eine Nacht im unheimlichen Baumlabyrinth, kommen am nächsten Tag mühsam wieder heraus, aber der Busfahrer hält sie für Geister und lässt sie an der Straße stehen. Ein feiner Humor zieht sich durch diesen Trip in das „Teeland“ Japan, wo alle Dinge von einem Schleier umgeben sind. Ganz anders als in Deutschland, dem „Kaffeeland“, wo alles klar und gut ausgeleuchtet sein muss. Schöne Wendungen gibt es bei Poschmann zuhauf: Da fällt das Haar „schillerlockenhaft“ vom Kinn herab, oder es gibt eine „Phase immobilienmaklerhafter Aktivität“.

Gilberts Ziel ist schließlich der Küstenort Matsushima. Er möchte in die sagenhafte Bucht der Kieferninseln, er will das Mondlicht auf den Zweigen der Bäume betrachten. Sein spiritueller Reiseführer ist der Haiku-Dichter Matsuo Basho (1644-1694), der den wilden Norden Japans als Pilger zu Fuß bereist hat. Gilbert und Yosa schreiben selbst dreizeilige Haikus, Gelegenheitsnotate, so zart und flüchtig wie Kirschblüten. So kommt einem auch dieser Roman vor, der scheinbar mühelos von der Verwandlung aller Dinge erzählt.

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