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Konzert: „Jauchzet, frohlocket!“

Wie mit edler Patina überzogen: Bachs „Weihnachtsoratorium“ überzeugt in Frankfurts Alter Oper als historisch informierte Version ohne Chormassen. Möglich machen das die engagierten „Musiciens du Louvre“ unter Marc Minkowski.
Mit dem charakteristischen Pauken-Auftakt: Das Autograph der ersten Seite von Bachs „Weihnachtsoratorium“ (hier ein Ausschnitt) lagert in Berlin. Abbildung: Staatsbibliothek Bilder > Mit dem charakteristischen Pauken-Auftakt: Das Autograph der ersten Seite von Bachs „Weihnachtsoratorium“ (hier ein Ausschnitt) lagert in Berlin. Abbildung: Staatsbibliothek

Vor Tagen ist der erste Schnee gefallen, etwa zeitgleich mit dem Entzünden der ersten Adventskerze. Plätzchenduft durchweht die Freßgass mit ihren überladenen Vitrinen, während die Menschen zahlreich in Frankfurts Alte Oper strömen, immer dem „Jauchzet, frohlocket!“ entgegen, mit dem Bachs „Weihnachtsoratorium“ beginnt. Denn die berühmten sechs Kantaten des Thomaskantors gehören in dieser Zeit zum Advent wie das Amen in der Kirche. Selbst wenn sie in einem weltlichen Ort wie der Alten Oper und in verändertem Gewand daherkommen.

Trotz Glaubenskrisen

Denn die „Musiciens du Louvre“ unter Leitung des Alte-Musik-Spezialisten Marc Minkowski führen das Werk mit verschlanktem Klangkörper, ungewöhnlicher Rollenteilung und vor allem historisch informiert auf. Dabei fällt der Chor ganz weg, während acht Solisten, unterstützt von vier sogenannten „Ripienisten“, alle Chorpartien übernehmen. Zwölf Profi-Sänger also statt einer Vierzig- bis Hundertschaft an Chorleuten – das verändert die Wirkung des großen Werkes entscheidend.

Bachs „Weihnachtsoratorium“ ist trotz aller Glaubenskrisen das beliebteste kirchenmusikalische Werk überhaupt und führt 283 Jahre nach seiner Uraufführung die Statistik an, gemeinsam mit Händels „Messias“ und Mozarts „Requiem“. Liegt das an seiner freudigen Strahlkraft, wie in dem ersten Unisono-Ruf: „Auf, preiset die Tage“ und den dazu jubilierenden, festlichen Trompeten, Flöten und Paukenschlägen? Oder auch an Johann Sebastian Bachs Absicht einer Doppelfunktion zwischen Bekenntnis und Bericht? Zum einen sollten die Kantaten die biblisch bekannte Bethlehem-Geschichte nacherzählen, zum anderen auf die Seelen der Zuhörer im Sinne einer inneren Geburt einwirken.

Frohe Botschaft

Im Jahr 1734 hätte der geniale Kantor mit seinen Thomanern die Kantaten übrigens in der Adventszeit nie aufgeführt. Damals galt der Advent als Zeit der wichtigen Buße und stillen Einkehr. Man wartete also lange in Enthaltsamkeit, um dann am Weihnachtsfeiertag der Freude über die Ankunft des kindlichen Erlösers umso ungezwungener freien Lauf zu lassen. Dass sich heute auch Menschen, die mit der christlichen Botschaft nicht mehr viel am Hut haben, von der Innigkeit und überwältigenden Spiritualität berührt fühlen, ist ein schwer erklärbares Phänomen.

Als jetzt bei den Frankfurter Bachkonzerten der inspirierende Franzose Marc Minkowski mit nur acht Sängern und Sängerinnen plus vier Ripienisten auftrat, war er nah dran an den wahrscheinlichen Umständen der Uraufführung, als Bach die Kantate, BWV 248 für Soli, gemischten Chor und Orchester in Leipzig in den sechs Gottesdiensten zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und dem Epiphaniasfest 1735 in der Nikolai- und der Thomaskirche aufführte. Denn als historisch Informierter und anhand von Einzeichnungen in die erhaltenen Solostimmen durch den Komponisten weiß Minkowski, ebenso wie die Musikwissenschaftler Andrew Parrott, Ton Koopman und Joshua Rifkin, dass die Kantaten nicht mit einem Chor im heutigen Sinne, sondern als Gerüst lediglich mit einem Soloquartett gesungen wurden. Teilweise schneller, federnder, aber auch kostbar schimmernder in seinem feinen Strahlen kommt dieser Bach daher, von dem die Kantaten I, II, IV und VI erklangen. Mit Marc Minkowski stand ein leidenschaftlicher Dirigent am Pult, der mit energischen Taktschlägen einerseits gewaltig auf die Tube drückte, aber anderseits auch behutsam den Binnenstimmen zuhörte.

Für den erkrankten Bass York Felix Speer übernahm der ausdrucksstarke James Platt zusätzlich zu seinen eigenen Arien dessen Partie, während sich Valerio Contaldo im Ganzen als höchst eindringlicher Evangelist erwies. Bei den Sopranen sorgten Lenneke Ruiten und Hélène Walter besonders mit der Echo-Arie aus Teil IV für furiose Nachhall-Effekte. Auch Countertenor Christopher Ainslie wird mit seiner Alt-Arie „Schlafe, mein Liebster, genieße die Ruh“ aus der zweiten Kantate noch lange in Erinnerung bleiben. Dass die Franzosen als Zugabe noch den ersten Teil der V. Kantate spendierten und das „Ehre sei dir, Gott“ atemberaubend schnell ins Halbrund schmetterten, begeisterte den Saal vollends.

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