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Synthesizer-Klänge in 3D: Jean-Michel Jarre bringt neue elektronische Klänge in die Festhalle

Der französische Synthesizer-Komponist Jean-Michel Jarre hat seine Soundtracks filmisch umsetzen lassen und geht mit einer regelrechten Klangschau auf Tournee.
Jean-Michel Jarre (68) meint, dass Musik eine dreidimensionale Angelegenheit sei und hat seine Klänge in ein 3D-Video umsetzen lassen. Foto: Luca Piergiovanni (EFE) Jean-Michel Jarre (68) meint, dass Musik eine dreidimensionale Angelegenheit sei und hat seine Klänge in ein 3D-Video umsetzen lassen.

Jean-Michel Jarre ist ein Wegbereiter der elektronischen Popmusik. Der mittlerweile 68-jährige Pariser spielte als erster westlicher Musiker in der Verbotenen Stadt in Peking und gab Konzerte für den Papst und die Nasa. Seine Alben „Oxygène“ und „Equinox“ gehören zu den Edelsteinen der Synthesizer-Musik. Mit den Stücken seines neuen Doppelalbums „Electronica“ geht Jarre wieder auf Tournee und gastiert am 16. Oktober in der Frankfurter Festhalle. Olaf Neumann sprach mit dem Maestro des sphärischen Klangs.

Monsieur Jarre, Sie haben in den vergangenen fünf Jahren an Ihrem zweiteiligen Album „Electronica“ gearbeitet, jetzt gehen Sie damit auf Tournee. Sind Sie ein Getriebener?

JEAN-MICHEL JARRE: Ich bin praktisch permanent mit irgendwas beschäftigt. Ich bin süchtig nach Musik, keine Ahnung, was ich sonst machen soll. Urlaub wäre auch ein gutes Konzept, aber es funktioniert bei mir nicht.

Sie waren der erste westliche Popmusiker, der in China elektronische Musik aufgeführt hat. Das war lange vor dem Internetzeitalter. Wie planen Sie heute Ihre Auftritte?

JARRE: Ich habe im Sommer auf dem Sonar-Festival in Barcelona und auf dem Montreux-Jazz-Festival gespielt. Bei diesen Konzerten konnte ich ausprobieren, was funktioniert und was nicht. Die eigentlichen Proben zur Tour fanden dann in der Forest-National-Arena in Brüssel statt, die zu der Zeit leer war. Dort konnten wir zwei Wochen lang alles in Ruhe ausprobieren. Wir verwenden analoges sowie digitales Equipment. Heutzutage kann man diese beiden Welten auf harmonische Weise miteinander verbinden: ein Theremin aus den 20er Jahren und ein iPad. Auch habe ich mir Gedanken über den Einsatz von 3D-Videos bei meinen Shows gemacht, aber ohne Brille. Das geht viel tiefer als mit Brille. Musik ist seit Jahrtausenden eine dreidimensionale Kunstform, es geht dabei um Schwingungen, Raum und ums Hören. Ich arbeite mit einem hervorragenden neuen Filmteam zusammen, das einige Stücke von „Electronica“ sowie zahlreiche meiner Klassiker angemessen visualisiert hat. Als ich das Ergebnis zum ersten Mal sah, blieb mir die Spucke weg. Es funktioniert wirklich.

Versuchen Sie, mit Ihren Shows unbedingt immer innovativ zu sein?

JARRE: Mir geht es eher darum, mich selbst zu überraschen. Als ich anfing, Konzerte zu geben, war ich einer der ersten, der mit visuellen Elementen arbeitete. Wenn ich heutzutage auf Konzerte anderer Künstler gehe, habe ich oft das Gefühl, vieles schon vor 25 Jahren gesehen zu haben – in meinen eigenen Konzerten. Wenn ich also eine neue Bühnenshow konzipiere, möchte ich mich dabei nicht wiederholen. Nicht, weil ich auf Teufel komm raus innovativ sein will, sondern weil ich unheimlich gerne kreativ bin. Die 3D-Darstellung ohne Brille ist nicht wirklich neu, es kommt aber immer auf den Kontext an. In der Musik haben wir nur zwölf Noten, aber man kann sich als Künstler immer wieder neu erfinden.

Man stellt sich Ihr Studio vor wie ein Museum für elektronische Musikinstrumente. Sieht es wirklich so aus?

JARRE: Exakt. Der Unterschied ist, dass man in einem Museum nichts berühren darf, bei mir aber ist das ausdrücklich erwünscht.

Sehen Sie sich eher als Entertainer oder als Komponisten?

JARRE: Ehrlich gesagt bin ich viel zu beschäftigt, um über meine Rolle nachzudenken. Am liebsten wäre ich bei dieser Tour Teil des Publikums, damit ich selbst genießen kann, was ich bei den Proben gesehen habe.

Wie schwer ist es, eine Setliste zusammenzustellen, wenn man so viele Platten gemacht hat wie Sie?

JARRE: Das ist ziemlich kompliziert. Viele meiner Mitarbeiter und Mitmusiker schrecken davor zurück und sagen immer, ich wisse doch selber, was ich will. Ich sehe mich tatsächlich in dieser Verantwortung. Ich achte vor allem auf die Stimmung und die Dramaturgie, wenn ich eine Setliste erstelle. Ich glaube, die Songauswahl ist maßgeblich verantwortlich für den Erfolg einer Performance. Bei dieser Tour werde ich auch einige Stücke spielen, die ich schon sehr lange nicht mehr aufgeführt habe sowie brandneue Sachen, die es noch auf keinem Album gibt. Ich habe vor, meine Klassiker wie „Oxygene“ und „Equinox“ im Sound von heute zu reproduzieren. Natürlich werde ich auch etwas von den „Electronica“-Alben spielen.

Ihr aktuelles Album „Electronica 2: The Heart Of Noise“ ist Edward Snowden gewidmet. Der weltberühmte Whistleblower spricht darauf ein Manifest. Wie haben Sie das geschafft?

JARRE: Als Snowden vor ein paar Jahren mit seinen Enthüllungen an die Öffentlichkeit ging, berührte mich das sehr. Meine Mutter war in seinem Alter, als sie sich 1940 der Résistance anschloss. Die Menschen, die damals in den Untergrund gingen, galten bei der restlichen Bevölkerung als Unruhestifter. Aber nach dem Krieg behaupteten plötzlich alle Franzosen, beim Widerstand gewesen zu sein. Meine Mutter war aber keine Unruhestifterin, sie stellte bloß die herrschende Macht infrage. Exakt das tut Edward Snowden heute. Er ist nicht gegen sein Land, sondern er will die Verhältnisse zum Wohle aller verändern. Deshalb ist er für mich ein moderner Held. Ich bewundere ihn für seine Unerschrockenheit. Wir brauchen mehr Leute wie ihn.

Festhalle Frankfurt. 16. Oktober, 19 Uhr. Restkarten zu 76,50 bis 99,50 Euro unter Hotline 01806-57 00 70.
Internet www.fnp.de/ticketshop

 

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