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Autobiografie: Jean-Paul Belmundo: Ein bisschen Gaunerei trägt zur Entspannung bei

Der französische Schauspieler hat einst eine neue Raubeinigkeit ins Kino gebracht, mit Filmen wie „Cartouche, der Bandit“ und natürlich „Außer Atem“.
Jean-Paul Belmondo, der am heutigen Montag 85 wird, ist ein Filou, wie ihn nur Frankreich hervorbringen kann. Foto: JOEL SAGET (AFP) Jean-Paul Belmondo, der am heutigen Montag 85 wird, ist ein Filou, wie ihn nur Frankreich hervorbringen kann.

Der Typ ist unhöflich und ungepflegt bis verwahrlost, ein lahmer Neurotiker, sich aber nicht zu schade für einen äußerst suspekten Vorschlag wie diesen: „Kommen Sie mit in mein Hotelzimmer. Wir drehen einen Film, und dafür kriegen Sie 50 000 Franc.“ Statt in der ersten Aufregung impulsiv mit einer abwehrenden Schelle zu reagieren, geht Jean-Paul Belmondo nach Hause, bespricht sich mit seiner damaligen Frau Elodie und nimmt das Angebot an. Der zwielichtige Mann ist schließlich Jean-Luc Godard, ein junger, talentierter Nouvelle-Vague-Regisseur, und er plant wirklich einen Kurzfilm in seinem Hotelzimmer, ohne anstößigen Inhalt. Später wird Belmondo in Godards erstem Spielfilm „Außer Atem“ die Hauptrolle des Kleinkriminellen Poiccard übernehmen – und über Nacht zum Star werden.

Der französische Schauspieler ist 26 Jahre alt, als er 1960 in Godards außergewöhnlichem, weil sich über die Konventionen hinwegsetzenden Film den modernen Antihelden geben darf, der am Ende mit dem Leben bezahlt. Zwei Rebellen mischen fortan nicht nur das einheimische Kino auf: einer hinter, der andere vor der Kamera. Belmondo verkörpert bald den Filmstar neuen Typs mit seinem einzigartigen, von einem Dauergrinsen dekorierten Knautschgesicht, das seinen sympathischen Figuren aus der Gauner- und Abenteurerwelt eine perfekte natürliche Tarnung gibt. Action und Komik sind dabei zwei untrennbare Bestandteile einer Schauspielkunst, die (sich selbst) so oft wie möglich überraschen will und doch keine Skrupel hat vor massentauglichen Ambitionen. Dabei hat Belmondo mit seinem Rebellentum auch die 68er Intellektuellen mitgerissen.

Witz und Spannung

Jean-Paul Belmondo, heute vor 85 Jahren, am 9. April 1933, im Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geboren, will geliebt werden, von den Fans, nicht von den Kritikern, daran hat sich nach all den Jahren nichts geändert, und deswegen taucht seine jetzt auf Deutsch erhältliche Autobiografie „Meine tausend Leben“ noch einmal ab in all die Filme und Rollen, die ihm viel Aufmerksamkeit und eine große Karriere bescherten, aber nur wenige Auszeichnungen und Preise. Wie als Schauspieler lebt seine Darstellung der eigenen Biografie von Spannung und Witz und der Freiheit, den besten Momenten ausreichend Zeit und Raum zu geben. Es ist viel passiert in diesem ausschweifenden, glamourösen, chaotischen Leben, das stets in vollen Zügen ausgekostet wurde: in seiner Leichtigkeit, in seinen Extremen, in seiner Schönheit, seinen Gefahren.

Für den Sohn eines Bildhauers und einer Tänzerin ist früh klar, was er werden möchte. Als Klassenclown und Lehrerschreck übt der „quirlige, ungeduldige Lockenkopf“ mit Interesse an Fußball und Boxen seine Rolle als schwieriger, unberechenbarer Rabauke, die er über die Jahre variiert und perfektioniert. Sein Talent als Unterhalter, als Faxen- und Unsinnmacher beschert zwar seinen Eltern in der Nachkriegszeit durch kleine Darbietungen ein bisschen Ablenkung, raubt aber Freunden wie Fremden dank ständiger Albernheiten und Streiche auch den letzten Nerv. Diesen Hang zum fortgeschrittenen Schabernack lebt Belmondo bis ins hohe Alter auf Kosten aller hemmungslos aus, am Filmset, im Hotel, auf der Straße, egal wo. Das Kind im Manne kann gar nicht genug bekommen von Pupswettbewerben oder Mutproben zum Schaden anderer – oder zum eigenen schmerzlichen Schaden.

Profi und Greifer

Den Komödianten hat Belmondo, den sie in Frankreich Bébel rufen, nie hinter sich gelassen, so energisch und brutal seine muskeligen Actionhelden in Filmen wie „Der Coup“, „Angst über der Stadt“, „Der Greifer“ oder „Der Profi“ auch agierten. Einmal Klassenclown, immer Klassenclown. Dabei hat er sich und andere stets prächtig amüsiert, auch dank der Zusammenarbeit mit wichtigen Regisseuren (Godard, François Truffaut oder Claude Chabrol) und schönen Schauspielerinnen (Brigitte Bardot, Romy Schneider oder Sophia Loren). Darauf ist er in seinem Buch zu Recht stolz, auf die hübschen Damen (einige wie Ursula Andress oder Laura Antonelli teilten auch sein Privatleben) noch mehr als auf die klugen Herren.

Doch um angeberisches Statusgeprotze ging es ihm nie, eher um grenzenlosen Spaß in allen Lebenslagen. Das macht die Autobiografie so unterhaltsam und informativ, weil Jean-Paul Belmondo gern genießt und teilt – die Erlebnisse, die Erfahrungen, die Exzesse. Seine kurzweiligen, in einer lebendigen, lässigen und doch genauen Sprache verfassten Storys und Anekdoten bleiben dabei jederzeit diskret, uneitel und selbstironisch. Es sind die beeindruckenden Aufzeichnungen eines raubeinig-charmanten Lebemanns, der seine Fähigkeiten in die Schauspielerei maximal einbringt: das Saufen und Raufen und Faxen machen. Einen Polizisten gab er übrigens das erste Mal im Kino im zarten Alter von 41 Jahren. Es hat seiner Karriere nicht geschadet, auch nicht seinem Ansehen bei den echten Ganoven und Mafiosi. Belmondo ist eben für alle da, ob auf der Flucht oder bei der Verfolgung: ein bewegtes Leben eines großen Schauspielers.

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