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Alte Oper Frankfurt: "Jethro Tull": Manchmal geht der Lokomotive die Puste aus

Von „Jethro Tull – performed by Ian Anderson“: In der Alten Oper gab es Flötentöne, Lieder aus dem Wald und natürlich „Locomotive Breath“.
Stimmlich nicht mehr auf der Höhe: Ian Anderson (69) von „Jethro Tull“. Foto: Sven-Sebastian Sajak Stimmlich nicht mehr auf der Höhe: Ian Anderson (69) von „Jethro Tull“.
Frankfurt. 

Aus der Not eine Tugend machen: Das war schon immer ein guter Ratschlag, um künstlerische Malaise zu kompensieren. Im Falle des 69 Jahre alten Ian Anderson ist das Problem schon seit Jahren die Stimme. Die hält einfach nicht mehr, bricht in den Höhen weg. Die Puste geht dem fast kahlen Mann in zwei Stunden immer wieder mal aus. Deswegen hat er sich gleich zwei Gesangsassistenten an die Seite geholt, die ihn unterstützen.

Den Streifzug durch 40 Jahre „Tull“ verkauft der gewiefte Bandleader neuerdings als Konzeptshow, als Rockoper, die aber eher als Operette daherkommt. Jeder der reichlich 20 Songs wird nicht nur von Bildern von englischen Äckerböden, idyllischen Waldlandschaften oder Szenen aus dem Biologielabor illustriert, nein, seine Co-Sänger, darunter auch Bandbassist David Goodier und Keyboarder John O’Hara, agieren als Musicaldarsteller, geleiten von der Landwirtschaft zu High-Tech-Industrie, schnellen Highways und endlosen Schienennetzen.

Die Show geht im wahrsten Sinne des Wortes wie im Fluge vorbei, wobei sich der Fan über lang nicht mehr gehörte Preziosen aus dem Archiv freut. Das war zuletzt in der Alten Oper anders, als Anderson seine mittelmäßige Platte „Homo Erraticus“ beinahe zur Gänze präsentierte. Bei der „Jethro Tull Opera“, wie der Zwischen- und Finalvorhang suggeriert, kommen „Living In The Past“, „Witche’s Promises“, „Cheap Day Return“ und die fulminante Bluesnummer „A New Day Yesterday“, dann auch mal ein härteres Stück wie „Farm On The Freeway“ zu Gehör, zudem „Songs From the Wood“ und gleich zu Beginn „Heavy Horses“. Die schweren Pferde ziehen den Pflug durch fruchtbaren Boden und weisen darauf hin, dass „Tull“ einst musikalisch tief in der englischen Folkore verwurzelt waren. Dazu passt die herrliche modulationsreiche Stimme von Unnur Birna Björnsdóttir, die, wie ihr Kollege Ryan O’Donnell, sowohl in den Videos als auch live auf der Bühne Andersons gequälten Gesang unterstützt. Wenn auch manches neuere Stück nicht recht überzeugte: Der Sound der Band stimmte, der deutsche Gitarrist Florian Opahle tat alles, damit man die Abwesenheit von Sir Martin Barre verschmerzen konnte.

Natürlich dampfte kurz vor dem Finale „Locomotive Breath“ vor sich hin, setzten dann aber „Requiem“ und die Adaption von Bachs berühmter Bourée einen leisen Kontrapunkt. Schade, dass der Abend wie im Kino endete: Abspann unter Nennung der mitwirkenden Techniker und Hintermänner, aber keine Zugabe mehr. Ian Anderson hatte offensichtlich jeden Atemzug akribisch eingeteilt.

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