Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 28°C

Walt Disney: Jubiläum: "Bambi" kam vor 75 Jahren auf die Kinoleinwand

Von Disneys Meisterwerk von 1942 wird heute als tiefgründige Fabel über Leben und Tod, Abschied und Trauer geschätzt. Doch das war nicht immer so.
Was so niedlich aussieht, hat auch seine traurigen Seiten: Das Rehkitz Bambi lernt im Wald zwar viele tierische Freunde kennen, aber auch den plötzlichen Tod seiner Mutter verkraften. Foto: - (DVD Bambi/Disney) Was so niedlich aussieht, hat auch seine traurigen Seiten: Das Rehkitz Bambi lernt im Wald zwar viele tierische Freunde kennen, aber auch den plötzlichen Tod seiner Mutter verkraften.

Vor 75 Jahren befand sich die Welt im Krieg. Auch in Amerika wartete manches Kind vergeblich auf die Rückkehr des Vaters. Wer noch Muße hatte, ins Kino zu gehen, erwartete leichte Unterhaltung, für die der Name Walt Disney bürgte. Doch an jenem 13. August 1942 präsentierte „Onkel Walt“ seinem Publikum kein putziges Märchen zum Träumen. „Bambi“ war eine tiefgründige Fabel über Leben und Tod, Abschied und Trauer. Mit viel Sinn für Realismus bebildert der Film das Erwachsenwerden eines jungen Weißwedelhirsches im amerikanischen Forst, der in Felix Saltens gleichnamiger Romanvorlage als Rehbock durch österreichische Wälder tollt. Was heute als zeitloses Meisterwerk der Disney Studios gefeiert wird, war zur Premierenzeit ein kapitaler Flop, von Zuschauern weitgehend missachtet und von Kritikern verrissen – trotz aller Brillanz der naturgetreuen Zeichnungen und liebenswerter Figuren wie dem frechen Langohr „Klopfer“.

Walt Disney landete mit „Bambi“ zunächst einen Flop. Bild-Zoom Foto: Bert Reisfeld (dpa)
Walt Disney landete mit „Bambi“ zunächst einen Flop.

Zum Stein des Anstoßes wurden Szenen, die zwar nur einige Sekunden dauern, aber die Atmosphäre entscheidend prägten. Ein Feuer, gelegt von Menschenhand, das die Tiere des Waldes beinahe vertilgt. Die panische Flucht eines Fasanen-Weibchens, das im Kugelhagel stirbt. Und natürlich der Tod von Bambis Mutter, als sie mit ihrem Filius vor den Jägern davonläuft. Man sieht nicht, wie die Hirschkuh getroffen wird, hört bloß einen Schuss und Bambis Rufe nach der verlorenen Mama, während es verzweifelt durch den tiefen Schnee stapft. Dann tritt sein Vater aus dem Schatten und sagt: „Deine Mutter kann nicht länger bei dir sein.“

Schock aus dem Nichts

Die Idee, Bambi zum Körper der Erlegten zurückkehren zu lassen, gab Walt Disney auf – zum Glück. Es hätte das stille Grauen dieser perfekten Todessequenz zerstört. Viele nachfolgende Trickfilme versuchten, das Ableben einer lieb gewonnenen Figur mit Getöse ins rechte Licht zu setzen, von „König der Löwen“ bis „Findet Nemo“, allerdings gelang es niemals wieder so eindrucksvoll wie in „Bambi“.

Es ist ein Schock, der aus dem Nichts kommt, vergleichbar mit dem legendären Duschmord in Hitchcocks „Psycho“. Nicht umsonst rechnet das „Time Magazine“ den Zeichentrick-Klassiker zu den 25 besten Horrorfilmen aller Zeiten. Dieser unvergessliche Moment zerreißt das Herz und die Leinwand gleichermaßen, weil die raue Wirklichkeit Einzug hält und die heile Märchenwelt zerbricht. „Der Film strahlt ein beängstigendes Gefühl von Realität aus – und das hat nichts mit der Realität zu tun, wie wir sie gerne hätten“, lobt Drehbuchautor William Goldman („Die Unbestechlichen“).

Als der Film erstmals in den Kinos lief, tobte die Schlacht von Stalingrad, Europa versank in Trümmern, und amerikanische Soldaten starben im Pazifik. „Bambi“ transportierte die Ängste der Zeit auf die Leinwand. „Es fällt nicht schwer, Sinnbilder des Krieges im Überlebenskampf des Hirsches zu sehen“, meint der britische Filmtheoretiker Peter Wollen. „Die Jäger stehen für die Nazis, das Feuer im Wald für die Bombenangriffe. Bambis Vater ist die meiste Zeit abwesend, irgendwo an der Front, und die Mutter wird zum zivilen Opfer.“

Schon Autor Felix Salten hatte sich für seine düstere Tiergeschichte von den Schrecknissen des Ersten Weltkriegs inspirieren lassen. Den unheilschwangeren Grundton der Vorlage behielt Disney bei, indem er beispielsweise die Jäger nie zeigte, ihre Präsenz lediglich durch drohend anschwellende Musik andeutete und als gesichtslose Angreifer aus dem Hinterhalt zuschlagen ließ. Zu harter Stoff für einen Kinderfilm?

Walt Disney verteidigte sich seinerzeit gegen die Skeptiker: „Ich halte nichts davon, Sachverhalte für Kinder zu verharmlosen. Das Leben besteht aus Licht- und Schattenseiten. Und wir wären unehrlich, unaufrichtig und verniedlichend, wenn wir so tun, als gäbe es diese Schattenseiten nicht.“ Gleichzeitig setzte er ein Zeichen der Hoffnung. Am Ende triumphieren die Tiere guten Willens, und der Frühlingswald überstrahlt das böse Machwerk der Menschen wie ein Abglanz des Göttlichen. Ursprünglich sollte kurz vor dem Abspann sogar die Hand eines im Feuer umgekommenen Jägers gezeigt werden – der Aufschrei besorgter Eltern wäre umso heftiger ausgefallen.

Verlust eines Elternteils

Erst nach dem Krieg mauserte sich „Bambi“ zum Welterfolg und sammelte prominente Fans wie Steven Spielberg, Dustin Hoffman oder Grusel-Guru Stephen King. Ex-„Beatle“ Paul McCartney gibt zu, dass er sich ohne den Film nicht für den Umweltschutz begeistert hätte. Ebenso loben Medienpädagogen und Psychologen die Lehren, die aus dem Stoff zu ziehen sind. Der Tod wird als Teil des natürlichen Kreislaufs aus Werden und Vergehen gezeigt, ohne seine Unabdingbarkeit zu verdrängen, wie es in einer Gesellschaft geschieht, die das Sterben aus ihrer Mitte in Krankenhäuser und Pflegeheime verlagert hat. „Sich den Film gemeinsam anzuschauen, kann für Eltern und Kinder ein guter Start zu einem Gespräch über Themen sein, die leider viel zu oft tabuisiert werden“, schrieb die Journalistin Liz Perle, ehe sie selbst an Krebs starb.

Die zweifache Mutter war Gründerin der „Common Sense Media“, einer gemeinnützigen Organisation, die Familien in Medienfragen berät. Insbesondere der Verlust eines Elternteils sei eine Ur-Angst, so Perle, der sich Kinder durch Bücher und Filme stellen sollten. US-Filmpapst Robert Ebert pflichtete ihr bei. „Diese Kinomomente sind wie eine Initiationspassage für Heranwachsende eines bestimmten Alters. Sie betreten den Saal als Kinder und kommen als traurigere, aber auch weisere Jugendliche wieder heraus.“ Zumal ihnen „Bambi“ gesunde Wege aufzeigt, um Krisen zu verarbeiten. Ein wesentliches Element ist die Beziehung zwischen dem kleinen Hirschen und seinen Gefährten „Klopfer“ und „Blume“. „Die Geschichte führt uns exemplarisch vor Augen, wie wichtig es ist, treue Freunde zu haben, die einem bei der Bewältigung von Trauer helfen“, sagt der Philosoph John Greco. Für den Familienvater Walt Disney war es ein Herzensbedürfnis, Kinder auf das Leben vorzubereiten, ohne zu verschweigen, dass auch böse Dinge geschehen. „Wenn wir sie von den Realitäten abschirmen, tun wir ihnen keinen Gefallen. Es können immer Ereignisse eintreten, die wir nicht in der Hand haben. Wichtig ist, dass wir einen Weg finden, damit umzugehen.“

Emotionale Abstumpfung

Obwohl die aktuelle Weltlage auch nicht gerade rosig ist, verzichten heutige Trickfilme weitgehend auf anspruchsvolle Inhalte. „Statt junge Zuschauer aufzuklären, werden sie in Watte gepackt und seicht berieselt“, klagt Brad Ricca, Experte für Popkultur an der Universität Cleveland. „In den Cartoons jagt ein platter Gag den nächsten, damit bloß niemand zum Nachdenken kommt. Die Folge ist eine emotionale Abstumpfung.“ Walt Disney hat Kinder ernst genommen, seine Erben verkaufen sie für dumm. Eine Entwicklung, die weitaus trauriger stimmt als das frühzeitige Ende der Bambi Mama.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse