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Junge Frau auf Glückssuche und ein Jüngling mit viel Haar

Die Sopranistin Edita Gruberova gab einen Belcanto-Abend in Frankfurts Alter Oper. Ernst Gerhardt wiederum stellte sein "Lieblingsstück" vor.

Keine glänzende Ouvertüre, sondern die filigranen Linien, die schillernden Farbvaleurs eines künstlerisch überformten Vogelgesangs standen am Beginn dieser außerordentlichen Soiree mit Edita Gruberova. Fraglos ein hohes Risiko für jede Sängerin, denn die feingesponnene Vocalise "Le Rossignol et la Rose" (Camille Saint-Saëns, "Parysatis") erfordert vom leisen, kaum hörbaren Anheben der Nachtigallenstimme an allerhöchste Präsenz. Im wortlosen Gesang scheint die menschliche Sprache im Hegelschen Sinn umgeformt in eine höhere Art der Mitteilung.

Gruberova wurde dem in geradezu idealer Weise gerecht. In jedem Ton, jeder melodischen Linie öffneten sich weite Horizonte. Mit überlegener Gestaltungskraft vermochte sie bewusstzumachen, was Singen im wahrsten Sinn bedeuten kann. Dazu gehört ihre herausragende Kunst, auf engem Raum Charaktere zu modellieren. Beispielsweise die junge, vor Suche nach dem Glück atemlose Juliette (Charles Gounod, "Roméo et Juliette"), deren rauschenden Walzer Gruberova mit erlesenem Geschmack bot.

Das Wenige, was ihre nach wie vor immens farbenreiche Stimme an Leichtigkeit und Beweglichkeit eingebüßt hat, glich die Sopranistin mit intelligenter Einteilung ihrer Mittel mehr als aus. Die Ausschnitte aus Bellinis "Nachtwandlerin" und Donizettis "Regimentstochter" boten belcantistischen Hochgenuss. Dazu trug das gut disponierte Münchner Rundfunkorchester unter Andriy Yurkevych ebenfalls bei.

Wenige Stunden zuvor hatte der frühere Frankfurter Stadtkämmerer und Kulturförderer Ernst Gerhardt in der Alten Oper "Mein Lieblingsstück" vorgestellt. "Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar", singt der Graf in Lortzings Oper "Der Waffenschmied" wehmütig, und bei Ernst Gerhardt klingt es ebenfalls ein wenig melancholisch, wenn er an 1931 zurückdenkt, als er 10-jährig zum ersten Mal im Frankfurter Opernhaus war und eben diese Arie hörte.

Billett für vierzig Pfennig

"Vierzig Pfennig kostete damals die Schülerkarte", erinnert er sich, um dann sachlich fortzufahren: "Schon damals gab es also gute Kulturpolitik." Später kam Gerhardt als Stadtrat und Stadtkämmerer immer wieder in Kontakt mit dem Opernhaus, diesem in Trümmern liegende Gebäude, das nach Wiederaufbau rief, obwohl die Städtischen Bühnen im alten Schauspiel bereits eine neue Heimstatt gefunden hatten. Moderator Martin Lücker ist es in der "Lieblingsstück"-Reihe gewiss schon schwerer gefallen, einen Gast zum Sprechen zu bringen. "Sie sind das Gedächtnis der Stadt", lobte er den 90-Jährigen, wenngleich auch Lücker allmählich in die Rolle eines örtlichen musikalischen Gedächtnisses hineinwächst: "Das letzte Mal Lortzing im Opernhaus? Das muss 1983 unter Gielen der ,Wildschütz’ gewesen sein."

Im Mittelpunkt aber blieb der charismatische Ex-Kämmerer. Während der chinesische Bariton Xiao Feng Cai noch einmal die Arie des Grafen singt, streicht sich Gerhardt über den kahlen Schädel. Die Locken von ehedem findet er nicht mehr. Als Realist aber lächelt er gleichwohl.

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