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„Junge Leute haben noch Utopien“

Mit der Produktion „Erste letzte Menschen“ startet Martina Droste heute mit ihrem Team zur Leistungsschau beim Berliner Theatertreffen.
Im eleganten Ballettsaal des Frankfurter Schauspielhauses hat Martina Droste genügend Platz, um mit Jugendlichen zu arbeiten. Im eleganten Ballettsaal des Frankfurter Schauspielhauses hat Martina Droste genügend Platz, um mit Jugendlichen zu arbeiten.

Seine Haut schimmert porzellanhell unter dem Theaterspot, als sei sie durchlässig. Dazu der vornehme Anzug, das fein gepunktete Hemd, das leuchtende Haar. Als Erster ist er vorne an die Rampe gegangen und spricht langsam ins Standmikrofon. Dabei macht er sehr viele Pausen: „Also, erste letzte Menschen, wir erzählen Geschichten.“ Valentin Immenschuh ist auf der Bühne des Bockenheimer Depots ein wichtiger Spieler, weil er den Abend eröffnet.

Und man sieht auf den ersten Blick: Er ist mit dem Down-Syndrom geboren. Seine übrigen Mitspieler des Jugendclubs, alle zwischen 15 und 25 Jahren, vier davon ebenfalls mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, lassen sich im Theaterstück „Erste letzte Menschen“ alle Zeit der Welt, um ihm vom Bühnenhintergrund aus zuzuhören. Es ist erstaunlich, wie sich ihr respektvolles Abwarten auf den Zuschauerraum überträgt. Valentin beschließt jetzt seinen Monolog: „Ich bin Beschützer und ich will, dass es euch gut geht und dass ihr nicht traurig seid“.

Riesige Vorfreude

Dass Jugendliche wie der 17-jährige Valentin inklusive Theaterstücke mitgestalten können, ist am Schauspiel Frankfurt einer Frau zu verdanken: Martina Droste. Seit nunmehr acht Jahren leistet die Leiterin des Jungen Schauspiels herausragende Arbeit. Und der immense Erfolg gibt ihr Recht: Mit dem Theaterstück „Erste letzte Menschen“ ist sie zum dritten Mal in vier aufeinanderfolgenden Jahren mit dem deutschen Jugend-Oscar ausgezeichnet worden. Dieses Jahr wurden aus 105 landesweiten Beiträgen 20 nominiert und am Ende acht Stücke ausgewählt, die in Berlin beim „Theatertreffen der Jugend“ vorgestellt werden.

Diesen Freitag ist es soweit. Dann wird Martina Droste zusammen mit Valentin und den anderen elf Spielern, mit vier Betreuern und einer mütterlichen Begleitung, den Zug nach Berlin besteigen. Zehn Tage werden sie in der deutschen Hauptstadt sein. Für viele ist es das erste Mal, und die Vorfreude entsprechend riesig. Auch die jugendlich wirkende Martina Droste schwärmt von dem Berliner Theatertreffen. Das werde wunderbar, sagt sie mit ihrer tragenden Stimme, weil der Preis „die Teilnahme in Berlin selbst“ sei. Dadurch entstünde keine Konkurrenz unter den acht Gruppen. Sondern kreative Workshops, Selbstreflexion und aktives Zuhören.

Sie sitzt locker im Schneidersitz auf dem Fußboden im gewaltigen Ballettsaal der Städtischen Bühnen und wirkt plötzlich ganz klein. Dabei sollte man sich von ihrer schmalen Erscheinung nicht täuschen lassen. Denn in dieser Frau ballt sich jede Menge gebündelte Energie zusammen. Der Tanzsaal ist mit einer breiten Spiegel- und Fensterfront, einem edlen Flügel und einem federnden Schwingboden ausgestattet. William Forsythe, der weltberühmte Choreograf, hat ihn einst entworfen. „Hier können wir rennen, hier haben wir Platz. Wir stauchen uns hier nicht die Wirbelsäule oder die Gelenke, wenn wir hüpfen, rollen, uns kugeln, kriechen und schleichen.“

Beeindruckende Pionierin

Die gelernte Feldenkrais-Lehrerin beginnt ihre Theaterarbeit stets mit Übungen zum aufrechten Gang. Sie fragt dann alle Jugendlichen, egal, ob körperlich oder geistig beeinträchtigt oder nicht: „Wie geht Aufrichten? Wie leicht kann es sein, auf den eigenen Füßen zu stehen?“ Das sei immens wichtig, wenn man auf der Bühne präsent sein und andere wahrnehmen wolle, erklärt sie. Die 1961 in Bochum geborene Martina Droste ist eine beeindruckende Pionierin in ihrem Metier. Ihr beruflicher Lebensweg weist Qualitäten einer unbeirrbar Suchenden aus: Wie sonst ist es zu erklären, dass die Diplom-Pädagogin, die anfangs mit der Arbeit in „sogenannten“ schwierigen Schulklassen begann, eine Fortbildung machte, die es für Pädagogen damals in der Form noch gar nicht gab?

Nebenberuflich ließ sich Martina Droste zur Theaterpädagogin ausbilden, aber das reichte ihr nicht. Sie ist auch Gründungsmitglied des ersten Landesverbandes der Theaterpädagogen in Nordrhein-Westfalen. Danach kam die Ausbildung zum echten Theaterprofi; durch unzählige Regie-Assistenzen und viel lebendige Theaterpraxis. Kein Wunder, dass „Professionalität“ ein Wort ist, das sie oft in den Mund nimmt. Auch bei ihrer neuesten Arbeit „Erste letzte Menschen“, die sie gemeinsam mit Chris Weinheimer entwickelt hat, geht es ihr nicht darum, „dass die jungen Leute auch mal ein bisschen was machen“. Nein, es geht „um professionelles Arbeiten und um eine eigene Ästhetik“.

Theaterpädagogin

Martina Droste bewegt was am Schauspiel Frankfurt. Seit der Spielzeit 2010/11 leitet sie die Abteilung Junges Schauspiel. Mit ihren kreativen Arbeiten wurde die Theaterpädagogin mehrfach zu den

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Dazu gehört auch, dass die Theaterpädagogin Martina Droste von der ersten Trainingsphase an den eleganten Ballettsaal benutzen kann. Später hatten sie dann im Haus für das Projekt eine eigene Probebühne zur Verfügung. Weil sie Rollstuhlfahrer und Menschen mit Einschränkungen in der Gruppe haben, für die komplizierte Anfahrten problematisch sind.

Drostes Dankbarkeit der Chefdisponentin Barbara Biel gegenüber klingt fast wie ein Stoßgebet. Sie sei ihr „unendlich“ dankbar dafür, „dass wir hier konzentriert unter professionellen Bedingungen am Stück arbeiten“ können.

Auf die Frage, was sie im Innersten antreibt, antwortet Martina Droste mit Nachdruck: „Die Jugendlichen sind die Zukunft von Frankfurt“. Außerdem: „Sie sind so neugierig und werden angetrieben von dem Wunsch nach Utopien, der uns Erwachsenen abhandengekommen ist.“ Das Ausgestalten dieser gemeinsam aufgestellten Utopien auf der Bühne ist ihr besonderes Anliegen. Wie in „Erste letzte Menschen“. Damit „wir im Kopf behalten, was wir verlieren, wenn wir nicht immer wieder versuchen, darum zu ringen“. Einerseits ist das für sie ein Geschenk, dieses Ringen. Aber „auch eine Form von politischer Arbeit“.

In einer Zeit, in der „identitäre Bewegungen“ nationalistische Tendenzen und die „Wir-Erzählungen“ benutzen, um sich zu separieren von anderen, und um „die anderen“ abzuwerten, setzt Martina Droste mit ihren Jugendlichen ganz bewusst die Sehnsucht nach universellen Erzählungen dagegen. In diesem großartigen Geist ist ein Theaterereignis entstanden, deren Spieler das Frankfurter Jugendtheater in Berlin erhobenen Hauptes vertreten werden. Junge Spieler wie Valentin Immenschuh.

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