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Popstar beglückte die Mädchen in der Frankfurter Festhalle: Justin Bieber: Schweres Jünglingsherz

Totaler Kreischalarm: Justin Bieber, kanadischer Singer-Songwriter mit Teenstar-Appeal, versetzte seine Anhänger in der ausverkauften Festhalle in hysterische Raserei.
Für einen Augenblick scheint die Unterhaltungsmaschine stillzustehen: Justin Bieber in der Frankfurter Festhalle. Foto: Sven-Sebastian Sajak Für einen Augenblick scheint die Unterhaltungsmaschine stillzustehen: Justin Bieber in der Frankfurter Festhalle.
Frankfurt. 

Da schaut es aus wie auf einem Schlachtfeld: Flaschen, Konservendosen, Fastfoodschachteln, Schlafsäcke, Decken, Teppiche, Jacken, Turnschuhe, Hosen, Mützen, Schals, Schirme, Plastiktüten, Handys und auch Campingstühle verteilen sich auf dem weitflächigen Areal. Sortiert allenfalls durch ein kompliziertes Gittersystem, in dem Security-Personal unerbittlich für Ordnung sorgt. Da und dort laufen Eltern herum, die die liegengelassenen Habseligkeiten ihrer Sprösslinge einsammeln. Die Halle ist geöffnet, jetzt ist wieselflinke Schnelligkeit gefragt.

Wer ist zuerst in der Halle direkt vor der Bühne beim Frankfurter Gastspiel der seit 9. März 2016 laufenden Tour? Trotz Minusgraden campierte dort schon am Vorabend eine Gruppe aus mindestens 50 Leuten. Viele kennen sich schon von anderen Gastspielorten der „Purpose“-Tournee. Im Laufe des Tages gesellen sich immer mehr „Belieber“ dazu. So nennt sich weltweit die eingeschworene Fangemeinde des 22 Jahre alten kanadischen Singer-Songwriters. Durchschnittsalter der jungen Damen: ungefähr 16 Jahre.

Bilderstrecke Kreisch-Alarm! Justin Bieber in der Frankfurter Festhalle
Der kanadische Pop- und R'n'B-Sänger Justin Bieber brachte am Mittwoch (16.11.2016) die Herzen seiner jungen Fans in der Frankfurter Festhalle zum Schmelzen. Unsere Bilderstrecke zeigt Impressionen.Der kanadische Pop- und R'n'B-Sänger Justin Bieber brachte am Mittwoch (16.11.2016) die Herzen seiner jungen Fans in der Frankfurter Festhalle zum Schmelzen.Der kanadische Pop- und R'n'B-Sänger Justin Bieber brachte am Mittwoch (16.11.2016) die Herzen seiner jungen Fans in der Frankfurter Festhalle zum Schmelzen.

Ermittelt hat diesen Wert Justin Bieber höchstselbst, indem er im zweiten Teil seiner opulenten Show einfach von 10 bis 30 durchzählt und die lautesten wie längsten Schreiattacken sich bei 16 einstellen. Apropos: Schreien gilt im surrealen Bieberland ohnehin als beliebteste Äußerungsform, möglichst laut, durchdringlich und so oft es geht im Kollektiv. Aber auch Ausziehen ist angesagt: Viele „Belieber“ entledigen sich in der überhitzten Halle schon während der Auftritte der beiden Support Acts manchen Textils.

Im Käfig eingesperrt

„Justiiin“, schallt es aus rund 8500 Kehlen durch die Halle, als ein Calvin-Klein-Werbespot mit dem innig Angebeteten über die raffinierten LED-Projektionsflächen der gigantischen mehrstufigen Bühne flimmert. Es dauert noch ein kurzes Weilchen, bis endlich Justin selbst zu sehen ist und mit dem ersten Song „Mark My Words“ leibhaftig in einer durchsichtigen Plexiglasbox zur Decke schwebt. Die Masse befindet sich am Rande des Wahnsinns.

Das Bild des minutenlang eingesperrten Bieber besitzt eine gewisse Ironie: Kann doch der Jüngling, dessen Traumkarriere begann, als seine Mama selbstgefertigte Sangesclips vom talentierten Filius auf YouTube hochlud, nirgendwo mehr unbeobachtet einen Schritt machen. Vor allem aber wirkt der in beige Chinos, weiße Turnschuhe und dunkles T-Shirt gehüllte Bieber mit seiner ungestylten aschblonden Kurzhaarfrisur seltsam geistesabwesend. Zwar spult der Favorit der sozialen Netzwerke sein minutiös geplantes Entertainment zumindest tänzerisch routiniert ab, doch wirkt er dabei leidenschafts- bis lustlos, so wie es schon seit Monaten nach Auftritten in den USA, Europa und Japan kolportiert wird. Ablenkung vom möglicherweise Tourmüden gewähren in der durchchoreografierten Show mit 21 Songs aus vier Platinalben aber vielfältige Reize: ein Dutzend Tänzer mit zum Teil akrobatischen Leistungen, eine fast unter der Hallendecke platzierte Band, jede Menge Videoclips zwischen Computerspiel und Science-Fiction, psychedelische Spielereien, Feuerwerk, eine mit Trampolinboden ausgestattete Bühne hoch über den Köpfen des Publikums und hydraulisch aus dem Boden in die Höhe fahrende Podeste mit Bieber obenauf.

Zumeist aus der Vollkonserve stammen dürfte nicht nur der herb basslastig verabreichte Mix aus Pop, R & B, Hip-Hop und Balladeskem. Auch Bieber selbst bemüht zumindest zeitweilig ein Vollplayback, gibt sich noch nicht einmal die Mühe so zu tun, als ob. Allzu oft „singt“ der Traum-Boyfriend zahlloser Herzen, ohne dass er tatsächlich seinen Mund bewegt. Für die völlig außer Rand und Band geratenen „Belieber“, die horrende Ticketpreise hinblättern mussten, dennoch kein Grund ihren Halbgott zu dissen.

Trauriges Lächeln

Dass der Jungmann tatsächlich was kann, beweist er, als er solo in einsamer Höhe auf einem Schlagzeug trommelt, in „Children“ fast selbstvergessen mit vier Youngstern tanzt und bei „Cold Water“ zur Akustikgitarre greift und tatsächlich singt. Erstaunlich wenig Beachtung schenkt Bieber jenen Fans, die noch mehr Geld fürs Ticket ausgaben, damit sie ihm direkt vor der Bühne in einem abgetrennten Bereich zujubeln dürfen. Dabei wollte Justin Bieber doch mit dieser Mammut-Tour endlich als Musiker und nicht als Teenstar Anerkennung finden.

Das gelingt ihm im Tohuwabohu seiner schmucken Leistungsschau nur ansatzweise. „Life Is Worth Living“ singt er, wirkt dabei aber, als schiebe er eine ausgewachsene Melancholie vor sich her. Wundern würde es einen nicht nach so einer Turbokarriere mit Aufwachsen und Pubertät vor aller Augen. Und immer wieder muss er Zugeständnisse machen. Schließlich ist Bieber die Spitze einer gigantischen Geldmaschinerie.

Auch deshalb darf sich auf der Zielgeraden die Fangemeinde bei „Baby“ noch einmal angesprochen fühlen, unterstreicht er mit in „Purpose“, dass jeder eine Bestimmung im Leben hat. Zur Zugabe „Sorry“ macht sich der Bieber sogar nass, als es von der Hallendecke erklecklich regnet. Da huscht sogar ein Lächeln über das zumeist traurige Jungmännerantlitz. Irgendwie wirkt er auch jetzt noch unendlich verloren in einem viel zu großen Showspektakel.

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