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Theater Willy Praml: „KafkA/merika“ feiert Premiere in der Naxoshalle

Von „KafkA/merika“, Schlussstein der Amerika-Trilogie des Theaters Willy Praml, lässt in Frankfurts Naxoshalle alle Tugenden und einige Laster der Truppe glänzen.
Kissenschlacht auf dem Weg in die Neue Welt. Foto: Seweryn Zelazny Kissenschlacht auf dem Weg in die Neue Welt.

Die acht Abschnitte der vierstündigen Inszenierung von Regisseur und Impresario Willy Praml folgen Franz Kafkas erstem von drei Romanfragmenten, „Der Verschollene (Amerika)“, und zwar kapitelweise. Folgerichtig beginnt es als Prolog im Foyer mit Film und Spiel über Zuschauerköpfe hinweg („Der Heizer“). Bis zur Pause folgt unter anderem ein Ausflug auf die Dachterrasse der Genossenschafts-Wohnblocks nebenan.

Hier und woanders auch kommen Kopfhörer zum Einsatz, um den pantomimisch-komischen Spielstil in der Ferne gleichwohl als nahen synchronisierten Dialog im Ohr verfolgen zu können. Komik und Skurrilität sind bevorzugte Stilmittel, da passt auch der Anblick von Zuschauern mit opernhafter Sehhilfe gar nicht schlecht.

Bespielt wird ansonsten die ganze Industriehalle, auch mal für die Draufsicht von der Tribüne aus. Im „Naturtheater von Oklahoma“ kehrt sich die Blickrichtung allerdings utopisch um: Wir sitzen auf Kartons in der Halle, die Akteure dürfen im Goldfischglas ausruhen und beglotzen umgekehrt uns. Dann wieder, in ganzer Länge der Halle mit uns darunter. Oder wir blicken atemlos empor wie in Kafkas Erzählung „Auf der Galerie“, nur dass der kafkaeske Seiltanz auf Naxos zum voyeuristisch steilen Blick auf den Laufkran und in die hohen Seitengalerien wird, wo Birgit Heuser ihre beste Szene hat: als olle Sängerin Brunelda, die sich in ihrem liederlichen Haushalt und im „nackten“ Fatsuit vom Ganoven Delamarche (Michael Weber), den drei Karl Roßmanns (Virginia V. Hartmann, Elisabeth M. Leistikow, Anja Signitzer) und dem Iren Robinson (Jakob Gail) waschen lässt.

Dick und Doof

Außerdem kommt die „kleine Spielstätte“ hinzu, was dem Blick durch die Seitenverglasung auf den Hof und die auf den Steinkanten davor ausharrenden Schauspieler eine Anmutung gibt, als stünden Karl und die Ganovenfreunde wie Börsenmakler am Schwarzen Freitag oder 9/11-Opfer am Fenster, beim Absprung-Countdown.

So bunt und handlungsstark, wie das klingt, setzt die Romanfassung auch die Darsteller ein. Das Karl-Triplett dreier Mädels betont als solches sehr schön, wie er mitten in großen Dingen steckt und als unreifer Dreifaltspinsel kaum etwas begreift. Claudio Vilardo glänzt vor allem als Heizer im Prolog, aber auch als Pollunder; Muawia Harb ist nicht nur in der kurz wiederaufgenommenen „Dick“-Figur (Hardy) neben Ibrahim Mahmoud als „Doof“ (Laurel) toll, sondern auch als Oberköchin und in anderen „kleinen“ Rollen, in denen er seine beachtliche Körperfülle genialisch ausspielt.

Immer wieder hübsch die Komik des Ganzen, etwa wenn die Akteure den Amerikanischen Traum früh als Kette von „Bunnies“ mit Kaninchenöhrchen und knapper Kleidung in die Hefner-Zukunft weitertreiben, ob Geschlecht und Körperformen das nun hergeben oder nicht. Überhaupt: Webers Kostüme. Sich selbst setzt er im saharafarbenem Kostüm mit Baskenmütze mal eben als lumperten Einwanderer Delamarche in Szene, und im hellblauen Samtjackett mit schwarzer Brille als schwerreichen Onkel in Amerika. Den Goldjungen Karl zeigt er kurzerhand als solchen, mit Micky-Maus-T-Shirt darunter als Signum einfältiger Jugend und kurzer Hose zu Netzstrümpfen als Rest ungeleugneter Weiblichkeit.

Auf der Titanic

Und sonst? Mancher „ernste“ Aspekt kommt ein wenig kurz, was nicht hindert, dass die zusammengefassten Fragmente nach der Pause, die Brunelda-Teile und „Naturtheater von Oklahoma“, besonders leuchten. Zum Beispiel darf man sich erinnern, dass der eifrige Reise-Leser Kafka seinen Amerika-Roman 1912 nur Monate nach der „Titanic“-Havarie schrieb, dass ein Heizer-Streik auf dem Schwesterschiff und die üble Bevorzugung der Reichen auf der „Titanic“ nachher Furore machten, dass das „Ramses“-Kapitel auf Moses und den Exodus als Hintergrundgeschichte verweisen und die Amerika-Auswanderung von Ostjuden sowie der frühe Zionismus auch sonst eine gewisse Rolle spielen – und vieles mehr. Dies alles bringt „KafkA/merika“ zufällig nicht. Praml wählt einen anderen Weg durchs Labyrinth. Der ist so sinnlich, gefällig und grotesk, dass man die Aufführung ungern im täglichen Einerlei verschollen gehen sähe.

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