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Konzeptkünstlerin will auf Nazi-Unrecht aufmerksam machen: Kaltherzige Dokumente eines Beutezugs

Documenta-Endspurt: Nur noch bis zum 17. September kann man die Kunst-Weltschau in Kassel besuchen, die nur alle fünf Jahre stattfindet. Wir stellen ausgewählte künstlerischen Attraktionen vor.
Die in Berlin lebende Documenta-Künstlerin setzt sich mit ihren Kunstaktionen gegen das Vergessen ein. Foto: Uwe_Zucchi (dpa) Die in Berlin lebende Documenta-Künstlerin setzt sich mit ihren Kunstaktionen gegen das Vergessen ein.

Maria Eichhorn will Raubgut aus der NS-Zeit wiederfinden. Dazu hat sie auf der Documenta in Kassel das Rose-Valland-Institut gegründet. Das ist ehrenwert. Aber ist das auch Kunst? Man betritt einen Saal im ersten Stockwerk von Kassels Neuer Galerie, alles wirkt kühl und sehr, sehr aufgeräumt. Ein paar Vitrinen mit Dokumenten, ein paar Wandobjekte, in der Mitte ein sehr hohes Regal mit vielen Büchern. Die Bücher, so unterschiedlich sie auch sein mögen, haben eines gemeinsam: Sie gehörten einstmals Juden und stehen heute in der Berliner Nationalbibliothek. Die Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn hat dieses Projekt ins Leben gerufen, um darauf aufmerksam zu machen, dass Unrecht, dass vor vielen, vielen Jahren begangen wurde, immer Unrecht bleibt. Und sie hat in einem „Open Call“ dazu aufgerufen, im eigenen Besitz nach Gegenständen zu suchen, die ehedem jüdisch waren, und diese zurückzugeben. Sie verfolgt damit einen sehr ähnlichen Ansatz wie das deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg, das sich für die Restitution von NS-Raubkunst einsetzt.

Das ist nicht verwunderlich, denn schon 2003 beschäftigte sich die 1962 geborene Künstlerin erstmals mit dem Thema. Und damals hieß ihr Projekt auch „Restitutionspolitik“ und setzte sich explizit mit Museumssammlungen auseinander. Jetzt ist ihr Interesse weiter gespannt und umfasst neben Kunst auch Gebrauchsgegenstände. Deutlich wird das an einer ortsbezogenen Wand vor dem großen Saal, die sich mit dem Kasseler Bankier und Kunstsammler Alexander Fiorino beschäftigt. Fiorino war Jahrzehnte seines Lebens mäzenatisch und karitativ tätig – und musste dann als mehr als 90-Jähriger erleben, wie sich der NS-Staat seinen Besitz aneignete. Von diesen Prozessen, die überaus schmerzhaft gewesen sein müssen, zeugen in nüchternem Amtsdeutsch gefasste Schreiben zum Beispiel an den „Herrn Oberfinanzpräsidenten der Devisenstelle“. Ein paar dieser Schreibmaschinenseiten hat Eichhorn – kaltherzige Dokumente des Grauens – sorgsam auf Holz gezogen und ihnen so die Anmutung eines Gemäldes gegeben.

Wie sollen wir heute mit Unrecht umgehen? Können wir die Welt besser machen? Was können wir tun? Das sind Fragen, die die Künstlerin Eichhorn am ehesten als soziologische begreift. Mit ihrem Rose-Valland-Institut, benannt nach einer Pariser Konservatorin, die in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts Buch führte über die Raubzüge der Nazis und die Wege, die enteigneter Besitz damals nahm, möchte Eichhorns Kunst direkt eingreifen ins Leben.

Aber halt – Kunst? Ist das denn Kunst? Oder nicht vielmehr Geschichtsdokumentation? Warum nicht gleich von Restitutionspolitik sprechen? Ist das Projekt Kunst, weil es für seine ersten drei Monate bei der Documenta Unterschlupf gefunden hat? Maria Eichhorn hat wiederholt auf Joseph Beuys verwiesen, der schon in den 70er Jahren Kunst als „soziale Plastik“ verstanden wissen wollte und in die Documenta-Geschichte einging, als er auf der neunten Documenta 7000 Eichen in Kassel pflanzen ließ. „Ich finde, Kunst muss in der Gesellschaft sein und auch mit der Gesellschaft arbeiten und mit ihr zu tun haben. Beuys hat das sehr gut gemacht“, sagte sie dem Deutschlandfunk.

Und dennoch: Nach dem künstlerischen „Mehrwert“ gefragt und warum sie dieses Thema nicht einfach Wissenschaftlern überlasse, fiel Eichhorn auch nichts anderes ein, als dass sie „als Künstlerin zunächst sehr kreativ an diese Fragestellung herangehe und dieses Trockene herausnehme, was normalerweise vielleicht andere Einrichtungen haben“. Ob das künstlerisch überzeugt, muss jeder Besucher selber entscheiden. Joseph Beuys erntete mit seiner „Stadtverwaldung“ 1982 wütende Proteste. Heute sind Kassels Bürger stolz auf dieses Kunst-Engagement, das die Stadtlandschaft prägt bis heute.

Documenta Kassel

Bis 17. September, Neue Galerie, Friedrichsplatz

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