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Karriere mit 100 - Alte Künstler starten durch

Mit 100 Jahren Karriere machen? In der Kunst kommt das neuerdings häufiger vor. Auf dem Kunstmarkt und Großausstellungen feiern hochbetagte Künstler derzeit international Erfolge.
Die Künstlerin Carmen Herrera in New York (2009). Bilder > Foto: Adriana Lopez Sanfeliu Die Künstlerin Carmen Herrera in New York (2009).
Düsseldorf. 

Carmen Herrera ist 102 - und die kubanisch-amerikanische Künstlerin startet jetzt richtig durch. Das Whitney Museum in New York widmete der hochbetagten Herrera, die zu den Pionieren des abstrakten Expressionismus in den USA zählte, unlängst eine Ausstellung.

Ab Samstag ist die Schau auch in Düsseldorf in der Kunstsammlung NRW zu sehen - erweitert unter anderem durch eine abstrakte Grün-Blau-Komposition, die Herrera gerade erst fertiggestellt hat.

Herrera dürfte eine der ältesten noch aktiven renommierten Künstler sein. Sie ist aber längst nicht die einzige Künstler-Seniorin auf Erfolgskurs. Auf der documenta und der Biennale Venedig wurde die Rumänin Geta Bratescu gefeiert - sie ist 91. Der deutsche Konzeptkünstler Franz Erhard Walther ist dagegen mit 78 Jahren noch geradezu jung. Auf der Biennale wurde er mit dem Goldenen Löwen als bester Künstler ausgezeichnet - für seine „radikalen” Arbeiten.

Und in Siegen ist derzeit die erste Retrospektive der Fluxus- und Performance-Künstlerin Takako Saito zu sehen. Sie ist 88 und hat im Museum für Gegenwartskunst zwölf Räume mit mehr als 200 Arbeiten selber eingerichtet.

Senioren prägen den aktuellen künstlerischen Diskurs entscheidend mit. Bei Herrera und Bratescu kommt hinzu, dass sie als Frauen Jahrzehnte von Kunstgeschichte und Markt ignoriert wurden. Herrera verkaufte ihr erstes Bild mit 89 Jahren. Dabei war sie mit ihren abstrakt-geometrischen Kompositionen in knalligen Farben nicht weniger avantgardistisch als ihre Kollegen Josef Albers oder Piet Mondrian, mit denen sie schon nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen ausstellte.

„Museen und Institutionen versuchen, einen neuen Blick auf die Kunstgeschichte zu werfen”, sagt Katia Baudin, Direktorin der Krefelder Kunstmuseen, die sich mit Herrera und Walther beschäftigt hat. In den letzten Jahren rückten vor allem Künstlerinnen stärker in den Fokus. „Man will zeigen, dass sie die gleiche Qualität hatten und in denselben Netzwerken wie Männer waren.”

Warum aber haben gerade alte Künstler derzeit so großen Erfolg? „Die alten Künstler stellen auch aus heutiger Sicht Fragen, die wieder aktuell sind”, sagt Baudin. „Ein Künstler zu sein, ist ja auch kein Nine-to-five-Job, bei dem man mit 65 in Rente geht. Das ist ja ein Leben.”

Wenig beachtet wurde auch Franz Walther, der immer seiner Heimat Fulda treu geblieben ist. Dieses Jahr wurde er zum ersten Mal zur Biennale nach Venedig eingeladen - und räumte gleich den Löwen ab. „Er ist ein 'Künstler-Künstler', dessen Werk unbestritten ist”, sagt die Düsseldorfer Professorin für Kunstgeschichte, Ulli Seegers. Viele jüngere Künstler sähen in Walther ein Vorbild. Jonathan Meese und Martin Kippenberger waren seine Schüler. Die Qualität und das ausgereifte Werk älterer Künstler seien ja jetzt sogar beim berühmten britischen Turner-Prize angekommen: Auch Künstler über 50 dürfen neuerdings nominiert werden.

Der Berliner Galerist Juerg Judin sieht hinter dem Erfolg der Kunstsenioren allerdings auch schnöde Marktinteressen. „Die Anschubkraft hinter der Wiederentdeckung eines Künstlers ist der Kunstmarkt, nicht ein Museum”, sagt er. So sei auch Carmen Herrera vor einigen Jahren „gezielt neu aufgestellt” worden. Die meisten spektakulären Wiederentdeckungen auf dem Kunstmarkt der vergangenen Jahre seien auf den Kunstmarkt zurückzuführen, meint Judin. Die Galeristen hätten erkannt, dass die Neuauflage eines Künstlers einfacher und weniger risikoreich sei als einen jungen Künstler neu zu lancieren.

Die wiederentdeckten Künstler hätten bereits „einen Wert und ihren Platz in der Kunstgeschichte”. Es gehe nur noch darum, „sie zum Glänzen zu bringen”. Dass sich Wiederentdeckungen so häuften, liege auch daran, „dass wir einen sehr großen Kunstmarkt und wachsenden Absatzmarkt haben”.

Geta Bratescu musste 90 werden, bis sie international wahrgenommen wurde. Ihre Wohnung in Bukarest verlässt sie kaum noch. Seit mehr als einem halben Jahrhundert produziert sie dort unaufhörlich Kunst. Ideen gehen ihr nie aus. „Ich kann die Schwerkraft meines Alters nicht entdecken”, sagte sie einmal.

Auch andere Künstler wie Günther Uecker (87) oder Zero-Künstler Heinz Mack (86) arbeiten weiter regelmäßig in ihren Ateliers. Für das Geheimnis der Kreativität im hohen Alter hat der renommierte Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse auch wissenschaftliche Erklärungen. „Die Alten haben heute im Durchschnitt eine bessere Bildung, bessere Gesundheit, eine höhere Selbstständigkeit, und sie können medizinisch besser versorgt werden”, sagt er. Das sind alles wichtige Grundlagen dafür, dass die Kreativität sich immer weiter entfalten kann.”

(Von Dorothea Hülsmeier, dpa)
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