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Ernst Nolte gestorben: Kein Auschwitz ohne Gulag?

Von Ernst Noltes These war ebenso einfach wie spektakulär: Den Nationalsozialismus hätte es ohne den Bolschewismus nicht gegeben. In Noltes Worten wurde das zum Skandal.
Stunde der Genugtuung: Noch im Jahr 2000 wurde Ernst Nolte mit dem Konrad-Adenauer-Preis für Wissenschaft ausgezeichnet. Jetzt ist der namhafte konservative Historiker mit 93 Jahren in Berlin gestorben. Stunde der Genugtuung: Noch im Jahr 2000 wurde Ernst Nolte mit dem Konrad-Adenauer-Preis für Wissenschaft ausgezeichnet. Jetzt ist der namhafte konservative Historiker mit 93 Jahren in Berlin gestorben.
 

Es war keine geringe Ehre, in den 80er Jahren in Berlin in Ernst Noltes Oberseminar eingeladen zu werden. Der agile, hochgewachsene Herr, mit schlohweißem Haaar und stets in Anzug und Krawatte, war ein Solitär an der riesigen Freien Universität: Nicht wenige ihrer Lehrkräfte waren im Sog der linken ’68er Unruhen zu professoralen Ehren gekommen – und hielten sich das mitunter lebenslang zugute. Ernst Nolte war anders: ein strenger Asket in der bunt wimmelnden Berliner „Rostlaube“, keiner, der mit seinen Studenten auf Du war, ein mit irritierend hoher Stimme und vornehm leise sprechender und scharf bis zur Unerbittlichkeit denkender Intellektueller in jeder Faser seines Wesens. Faszinierend waren die Themen seiner Seminare: Sollten doch andere zum x-ten Mal den Verlauf der Schlacht bei Königgrätz rekonstruieren! Nolte wagte sich unerschrocken ins philosophische Grenzgebiet, sprach über politische Denker der Weimarer Republik: Georg Lukács und Ernst Bloch etwa zur Linken, Carl Schmitt oder Oswald Spengler rechterhand. Seine Lektüren waren aufregend, eigensinnig – und wer ihm Paroli bieten wollte, musste sehr viel Wissen mitbringen.

Ernst Bloch? Lieber nicht

Muss man betonen, dass er Ernst Bloch gar nicht schätzte, Carl Schmitt hingegen viel abgewinnen konnte? Wie auch immer man zu ihm stand: Bei dem aufrechten, konservativen Mann vorn am Pult wurde Denken zum Abenteuer. „Geschichtsdenker“: Das war eine im besten Sinne aufklärerische Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Dieser Mann war wie durch ein Wunder an die Spitze der historischen Wissenschaft gelangt: 1923 wurde er im westfälischen Witten als Sohn eines Volksschullehrers geboren. An der Front verheizt wie so viele Altersgenossen wurde er nicht, weil ihm von Geburt an drei Finger an der linken Hand fehlten. Nolte wurde Lehrer, für Deutsch und Alte Sprachen.

Jürgen Habermas sah Deutschlands mühsam etabliertes Geschichtsbild gefährdet und wurde Ernst Noltes erster und erbitterter Gegner im „Historikerstreit“. Bild-Zoom Foto: Simela Pantzartzi (ANA-MPA)
Jürgen Habermas sah Deutschlands mühsam etabliertes Geschichtsbild gefährdet und wurde Ernst Noltes erster und erbitterter Gegner im „Historikerstreit“.
Nebenher promovierte er über Karl Marx und muss sich hernach durch Unmengen historischer Quellen zum Nationalsozialismus gefräst haben. Das Ergebnis war 1963 seine Habilitation „Der Faschismus in seiner Epoche“. Darin weitete er den seinerzeit engen Blick auf den Nationalsozialismus über die Landesgrenzen, indem er ihn mit dem italienischen Faschismus und der französischen „Action française“ verglich. Das Buch machte Nolte zum Star seiner Zunft. Namhafte, auch „linke“ Historiker wie Ulrich Wehler, feierten seine enzyklopädische Belesenheit und seinen scharfen Verstand.

Im Juni 1986 aber kam es zum Eklat: Unter dem Titel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ veröffentlichte Ernst Nolte einen Zeitungsartikel in der „F.A.Z.“: Er war eine auf die Spitze getriebene Zusammenfassung eines dicken Buches über den „europäischen Bürgerkrieg 1917–1945“, das erst ein Jahr später erscheinen sollte. Die Kernthese des Aufsatzes: Den Nationalsozialismus hätte es ohne den sowjetischen Gulag nicht gegeben. Möglicherweise hätte das nicht zu jenem Erdbeben geführt, das es schließlich wurde, hätte Nolte nicht mit geradezu chirurgischer Präzision von einem „kausalen Nexus“ zwischen den beiden Totalitarismen gesprochen. Womit er nicht nur die Einzigartigkeit des Nationalsozialismus in Frage stellte, sondern für sein Entstehen gewissermaßen den Bolschwismus verantwortlich machte.

Halsstarrig bis zum Schluss

Dem Frankfurter Sozialphilosophen Jürgen Habermas ging das zu weit, zumal Nolte sich nicht scheute, einen „jüdischen Bolschewismus“ auszumachen, der Hitlers Feindbild erst habe wachsen lassen und mit dem er später die Notwendigkeit begründete, das Judentum auszurotten. Mit einer wütenden Replik antwortete er in der „Zeit“. Der „Historikerstreit“, zu dem im Lauf des kommenden Jahres nahezu alle namhaften NS-Forscher Stellung bezogen, war da.

Es ist die selbstverschuldete Tragik in Noltes Leben, dass es dieser „Historikerstreit“ ist, mit dem man es ewig verknüpfen wird. Tragisch, weil er etwas durchaus Richtiges – nichts auf der Welt ist einzigartig und kann ohne seine Voraussetzungen verstanden werden – in einer Weise formulierte, die jeglichen Revanchisten des Nationalsozialismus Munition lieferte. Und selbstverschuldet, weil Nolte in einem bis zu seinem Tod unverständlichen Starrsinn darauf verzichtete, die Gräuel Hitlers mit ebensolcher Klarheit zu benennen und zu schildern wie die Untaten der Kommunisten. Jeglichen Wind hätte er seinen Gegnern spielend aus den Segeln nehmen, seine Gedanken vom Ruch des Brandstifterischen befreien können . . . – er tat es aber nicht. Wollte es offenbar nicht. Rechnete stattdessen kommunistische gegen nationalsozialistische Opfer auf. Spitzte weiter zu: sprach schließlich von Hitlers Judenvernichtung als „rationale Antwort“ darauf.

Wissenschaft und Moral

War das nur dem Ideal geschuldet, die hehre Wissenschaft nicht einer wie auch immer gearteten Moral unterzuordnen? Oder entsprang dies doch einem im Kern extrem „rechten“ Gedankengut? Wer in seinen Seminaren saß, weiß, dass manche seiner Schüler mit Gedanken liebäugelten, die politisch sehr weit außen standen – rechts außen. Nolte selber, ganz Geistesaristokrat, äußerte sich zu den möglichen politischen Folgen seines Denkens nur höchst selten und stets so allgemein wie möglich. Auffallend, dass ein „Geschichtsdenker“, als der er sich explizit verstand, die Folgen seines Denkens so wenig der Klarstellung für nötig befand. Jürgen Habermas ging dann am Ende als moralischer Sieger aus der langen Debatte hervor. Doch überhaupt aufgezeigt zu haben, dass man den Nationalsozialismus nicht verstehen kann, ohne die kommunistische Bedrohung aus dem Osten ernstzunehmen, bleibt Noltes Verdienst – trotz aller Verdächte.

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