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Festspiele in Bayreuth: Kein Freispruch für Richard Wagners Judenfeindlichkeit

Während die Festspielchefin Ablehnung einstecken musste, konnte Regiekollege Barrie Kosky Jubel einheimsen. Ovationen gab es jeweils für die Sänger.
Eva (Emily Magee) und Hans Sachs (Michael Volle) erlauben sich was. Eine Szene aus den „Meistersingern von Nürnberg“ in Barrie Koskys Inszenierung aus dem vergangenen Jahr. Foto: Enrico Nawrath (Festspiele Bayreuth) Eva (Emily Magee) und Hans Sachs (Michael Volle) erlauben sich was. Eine Szene aus den „Meistersingern von Nürnberg“ in Barrie Koskys Inszenierung aus dem vergangenen Jahr.

Es gibt nur ein Wagner-Werk, zu dem der australisch-jüdische Regisseur Barrie Kosky, umtriebiger Chef der Komischen Oper Berlin, einen tiefen Zugang empfindet, wie er in mehreren Interviews bekannte: „Tristan und Isolde“ sei von Anfang bis Ende ein einziges Meisterstück, und die abstrakte Musik so zu Herzen gehend, dass man in ihrer Melancholie wie in einem Ozean schwimmen könne, bekannte Kosky schon 2012. Und endlich eine Oper, in der Wagners monströses Ego nicht permanent anwesend sei, in jedem Takt, jedem Wort, jeder Figur. Während es für ihn ein „Alptraum“ sei, in den „Meistersingern“, diesem „furchtbaren Stück“ zu sitzen. Jetzt feierte Barrie Koskys Sicht auf dieses Albtraum-Stück in Bayreuth als Wiederaufnahme aus dem vergangenen Jahr umjubelte Premiere. Mit sechzehn Minuten teils gebrüllten Ovationen für die erlesene Sängerschar, den vielfach geforderten Chor und das dezente Dirigat von Pultchef Philippe Jordan zeigte das seit Wochen restlos ausverkaufte Haus seine rege Teilnahme.

Christlicher Kniefall

Dabei goutierten die Besucher größtenteils auch die klare Sicht des ersten jüdischen Regisseurs auf dem Grünen Hügel überhaupt: Er wehrt sich dagegen, Wagners geniales Werk und seinen in vielfachen, musiktheoretischen Schriften formulierten Antisemitismus säuberlich voneinander zu trennen. Bei ihm lauern schon in der scheinbar harmlos bebilderten Slapstick-Ouvertüre biografisch belegbare Abgründe. So macht er das Publikum zum Zeugen eines Besuchs von Cosimas Vater Franz Liszt und dem jüdischen Dirigenten Hermann Levi im Hause Wahnfried. Richard brilliert als überdrehter Gastgeber, der die beiden anderen Musiker nicht nur am Flügel zu Statisten degradiert, sondern auch die versammelte Kaffeegesellschaft dazu zwingt, mit ihm seine „Meistersinger“ nachzuspielen. Und Hermann Levi wird in der Andachtsszene als Jude von ihm nicht nur zum christlichen Kniefall gedrängt, sondern auch in die unschöne Rolle des nervigen „Merkers“ Sixtus Beckmesser.

Richard verkörpert natürlich den edlen Dichter Hans Sachs, und Schwiegerpapa Liszt mutiert zum generösen Veit Pogner, der seine Tochter Cosima alias Eva dem Sieger des Sängerwettbewerbs als Preis anbietet. Die böse Falle, die Kosky hier auslegt, schnappt im weiteren Verlauf zu: Ausgerechnet Levi, der nachweislich vielfach sadistisch gedemütigte „Hausjude“ Wagners, muss im Spiel als assimilierter Jude für antisemitische Klischees herhalten. Johannes Martin Kränzle als Levi und späterer Beckmesser traut sich viel Fritz-Kortnerhaftes: Er ist gierig, geil, ungeliebt lächerlich, unterwürfig, lügnerisch, diebisch, kurzum: eine perfekte Stürmer-Karikatur.

Den zweiten Akt hat Kosky leicht verändert. Wohl um den Zeitsprung zu den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen deutlicher zu machen, verbannt er Kunstrasen und Picknickszene und stellt mitten in die Wände des Gerichtssaals einen Gerümpelberg aus dem Hause Wahnfried: Gemälde, Stühle, Flügel und Pflanzen. Allein dieser Anblick entfaltet eine bestürzende Wirkung. Erst am Ende des dritten Aktes wird klar, worauf es Kosky ankommt. Nicht Hans Sachs und dessen Plädoyer für „die heil’ge deutsche Kunst“ stehen vor einem Tribunal, sondern Richard Wagner selbst und sein im- und expliziter Antisemitismus. Der Komponist aber verweist, völlig vereinsamt im Zeugenstand stehend, auf die Größe seiner Musik. Der Ball fliegt bei freigeräumter Bühne und gewaltig hereinrollendem Scheinorchester zurück ins Publikum: Was denkt ihr? Kann man Wagners überragende Musik genießen, obwohl man weiß, dass sein genialer Erschaffer Antisemit war?

Tenöre in Höchstform

Die Sänger singen und agieren wie im letzten Jahr auf der Höhe des Bayreuther Standards. Ausgetauscht wurde die 2017 zu reif singende Anne Schwanewilms durch die bewährte, weiterhin jugendlich überzeugende Emily Magee als Eva. Günther Groissböck wiederholt als Pogner seine beeindruckende Leistung des Vorjahres, während Johannes Martin Kränzles Stimme deutlich kraftloser klingt als im Jahr zuvor. Klaus Florian Vogt als Wagner-Double Stolzing läuft tenoral zu Höchstformen auf, wird aber von Michael Volle in der Rolle des Komponisten/Hans Sachs noch um Längen überragt. Volle, der 2007 unter Katharina Wagners Regie den Beckmesser gesungen hatte, ist zweifellos auf der Höhe seines Zenits. Wie er bis zur letzten Minute mit unerschöpflichen Reserven, Wandlungsfähigkeit und Spielwitz das ganze Ensemble überragt, bleibt noch lange im Gedächtnis.

Thielemanns Dirigat

Und der von Barrie Kosky so heiß geliebte „Tristan“ am Abend zuvor? Katharina Wagners dunkle, symbolisch aufgeladene Version, 2015 noch umjubelt, fiel in diesem Jahr durch. Dafür begeisterte sich das Publikum für Stephen Gould als ausdauernd gewaltigem Tristan, Petra Langs dynamische Isolde und für den magischen René Pape, der König Marke nicht nur giftgelbe Bosheit, sondern auch düstere Bass-Schwärze verlieh. Auch die Brangäne Christa Mayers erwies sich als festspielwürdig, ebenso wie Iain Paterson als Tristantreuer Kurwenal. Am meisten aber feierte das Festspielhaus das Dirigat Christian Thielemanns: So vollendet präzise, fein durchleuchtet und dabei im ersten Satz rastlos drängend hat man den „Tristan“ selten gehört. Ob das auch an der roten Mondfinsternis lag, die Isoldes und

Tristans „Nacht der Liebe“ verhalten bestrahlte?

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