Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Kammerspiel Frankfurt: Killer tragen gerne Koffer

Von Mit „One for the road“ und „Der stumme Diener“ inszenierte Jürgen Kruse im Kammerspiel Frankfurt zwei Stücke von Nobelpreisträger Harold Pinter.
Oliver Kraushaar (links) und Isaak Dentler spielen in „Der stumme Diener“ die Gehilfen einer finsteren Macht. Foto: Birgit Hupfeld Oliver Kraushaar (links) und Isaak Dentler spielen in „Der stumme Diener“ die Gehilfen einer finsteren Macht.
Frankfurt. 

Ein Intellektueller, seine Frau und der gemeinsame Sohn werden von einem Beamten eines Regimes verhört. Beim Beamten ist die Sprache die Waffe. Die Spuren vorangegangener physischer Folter sind allerdings sichtbar, auch wenn sie nicht auf der Bühne geschieht. Das 1984 uraufgeführte Stück „One for the road“, in dem sich der Engländer Harold Pinter mit Folter in totalitären Regimen auseinandergesetzt hat, ist Pinters erstes entschieden politisches Stück.

Viel Blut und Folter

Die Spuren von körperlicher Gewalt und Folter sind in der Inszenierung von Jürgen Kruse unübersehbar: Isaak Dentler als Folteropfer Victor spuckt unablässig Blut, und sein Körper ist blutüberströmt. Auch Alexandra Finder als seine Frau Gila kommt grässlich zugerichtet auf die Bühne. Wie eine Art Sheriff mit Cowboy-Schuhen sitzt Oliver Kraushaar auf einem Stuhl und verhört sein Opfer. Die Bühnenausstattung (Volker Hintermeier) ist für eine Kruse-Inszenierung relativ typisch: In einer aus Gittern geformten Weltkugel befindet sich ein mit Tischen, einem alten Radio und Globen leicht zugerümpelter Raum.

Doch der so ausdrücklich theatrale Raum ist für dieses Stück zu unkonkret. Noch schwerer wiegt allerdings, dass Gewalt und Brutalität, die unter manchen Aussagen schlummern, wie z. B. der über den Tod des Jungen, geradezu versickern unter dem vielen Bühnenblut und der krusetypischen Vertheaterung mit eingespielten Songs, zerdehnten Wörtern, wiederholten Phrasen oder eingebauten Kalauern.

Mag sein, dass Kruse an keiner Stelle die Illusion aufkommen lassen wollte, dass Folter oder Folgen von Folter auf der Bühne gezeigt werden könnten. Mag sein, dass also aus den richtigen Gründen der falsche Weg gewählt wurde. Doch das führt dazu, dass die Existenz von Gewalt zwar grell und laut ausgestellt, aber nicht wirklich nah herangeholt wird, sondern im Gegenteil weggerückt wird.

Auch die typischen Kruse-Zutaten wie Songs und der Umgang mit Sprache schaffen in „One for the road“ anders als in geglückten Inszenierungen des Regisseurs keine weiteren Assoziationsräume, sondern zerhacken die Inszenierung lediglich. Hier wäre vielleicht weniger Kruse im Kruse ein politisches Statement gewesen.

Hinter der Sonnenbrille

Viel besser passen Regiehandschrift und Stück in „Der stumme Diener“, der zweiten Inszenierung des Abends, zusammen. Wie zwei Mafiosi kommen Dentler und Kraushaar hier sonnenbebrillt, Koffer tragend und in dunklen Anzügen auf die Bühne. Als Killer sollen sie zwar Menschen umbringen, ringen allerdings ihrerseits mit einer undurchschaubaren und schwer kontrollierbaren Welt. Wie sie das machen, ist teilweise äußerst komisch und herrlich absurd. Doch wenn diese beiden Typen die Handlanger der Macht aus „One for the road“ sein sollen – Bühne und Inszenierung legen eine Verbindung nahe – erschiene auch das wiederum etwas zu harmlos.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse