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Austellung: Kirchen aus dem Baukastensystem in Darmstadt

Otto Bartning ist heute kaum bekannt, wie das Darmstädter Museum Künstlerkolonie zeigt. Dabei hat er allein 100 Kirchen in Deutschland gebaut, darunter Frankfurts Bethanienkirche.
1928 schuf Bartning die Stahlkirche auf der Pressa in Köln. Der Bau mutet in seiner Konstruktion sehr industriell an. 1928 schuf Bartning die Stahlkirche auf der Pressa in Köln. Der Bau mutet in seiner Konstruktion sehr industriell an.
Darmstadt. 

Ihm ging es nur um „schlichte Einfalt“, wie er seine Kirchen kurz und bündig beschrieb. Tatsächlich aber sind sie sprechende Bauten und zeigen überdies, dass Otto Bartning (1883–1959) mit dem Herzen bei der Sache war. Die ausgebreiteten Arme des Priesters zur Begrüßung der Gemeinde übertrug er auf die Form eines Fächers bei der Berliner Gustav-Adolf-Kirche (1932–34), die im Krieg beschädigt und später vereinfacht wieder aufgebaut wurde.

Noch heute weitet sich die Kirche vom Turm aus wie ein geöffneter Fächer – ein schönes Bild für die versammelten Gläubigen. Und Bartning hatte viele sinnbildliche Ideen, wie jetzt das Darmstädter Museum Künstlerkolonie bis 18. März nächsten Jahres an rund 300 Zeichnungen, Fotos, Modellen und Dokumenten zeigt. Das ist nur die Spitze des Eisberges, denn die Schau hatte zuvor in Berlin und Karlsruhe viel mehr Platz.

Als Rundbau gestaltete Otto Bartning 1930 die Auferstehungskirche in Essen. Bild-Zoom
Als Rundbau gestaltete Otto Bartning 1930 die Auferstehungskirche in Essen.

Ausgerechnet bei der dritten und letzten Station in Darmstadt musste sie auf etwa ein Drittel reduziert werden, in der Stadt, wo Bartning seine letzten Lebensjahre von 1951 an verbracht hatte. Die dortige Technische Universität besitzt den Nachlass des Architekten, der in den vergangenen Jahren erforscht wurde. Und das Ergebnis ist sehenswert, auch wenn der Westflügel und die Bildhauerateliers des Museums nun etwas voll gedrängt sind.

Doch im Westflügel hatte Otto Bartning vor 60 Jahren seine Wohnung, um das „Darmstädter Gespräch“ vorzubereiten, die erste gemeinsame Verständigung von Architekten über die Zukunft ihres Metiers in der Nachkriegszeit. Bartning gilt als Schlüsselfigur des Wiederaufbaus der jungen Bundesrepublik, er war Präsident vieler Organisationen und fungierte als Gutachter oder Preisrichter in Wettbewerben. Dennoch umfasst sein Werk 250 Bauten, davon 150 Kirchen im In- und Ausland.

Filigranes Gewölbe

Die erste Kirche entstand schon 1906, als der 23-Jährige noch Architektur in Berlin studierte, was er übrigens nie abschloss. Danach folgten 17 weitere Sakralbauten allein bis 1914, immer für die Protestanten. So zählt Otto Bartning zu den wichtigsten Vertretern des evangelischen Kirchenbaus nach 1900. Seine beste Idee wurde freilich nie realisiert, die „Sternkirche“ von 1922. In Darmstadt zeigen Fotos, Skizzen und ein Modell den Rundbau mit den kristallinen Formen, konstruiert aus einem siebeneckigen Grundriss. Ein Bau zwischen Expressionismus und Gotik, mit gebogenen Pfeilern und filigranem Gewölbe.

Bartning wollte auch das Architekturstudium reformieren, mit dem Fokus auf dem Handwerk. Diese Idee trieb wiederum Walter Gropius um, der 1919 das Bauhaus in Weimar gründete. Gropius stand zuvor im Austausch mit Bartning und übernahm einfach seine Ideen, wie die Schau an Dokumenten zeigen kann.

Typischer Mitläufer

Dennoch ist Bartning nicht der „Vater des Bauhauses“, auch wenn das der Künstler Oskar Schlemmer meinte. Das Bauhaus hat Gropius ersonnen und geformt, sich aber freizügig bei Kollegen bedient. Später wurde Bartning Leiter der neuen Bauhochschule in Weimar, dem Nachfolger des Bauhauses, das nach Dessau umgezogen war. In Berlin realisierte er auch Siedlungen, doch der Kirchenbau blieb seine Domäne. Unter den Nazis war Bartning ein typischer Mitläufer. Er trat in die Reichskulturkammer ein, um weiter bauen zu können, bis 1939 für Kirchen im Inland, dann für Kirchen im Ausland.

So ist Otto Bartning heute der große Unbekannte. Viele Menschen gehen in seine Gotteshäuser, ohne es zu wissen. Seine wichtigsten Projekte entstanden erst ab 1946, die sogenannten Notkirchen. Für 48 dieser einfachen Kirchen war im Weltrat der Kirchen gesammelt worden, 43 Bauten wurden realisiert von Aachen bis Würzburg, von Rostock bis München. Die waren zwar schlicht gehalten, aber nicht als Provisorien gedacht. Sie sollten den Gläubigen einen festen Ort geben, ein „Zelt in der inneren und äußeren Wüste“ sein, so Bartning.

Seine Idee war bestechend: Das Grundgerüst bis zum Dach war ein vorfabriziertes Tragewerk aus Holz. Dieses Skelett wurde den Gemeinden geliefert, die sich selbst um Fundament und Mauerwerk kümmern mussten und dafür oft Trümmersteine nahmen. Die Friedenskirche in Dresden-Löbtau etwa entstand aus großen Teilen des 1945 fast zerstörten Vorgängerbaus. Und die Frankfurter Bethanienkirche im Stadtteil Frankfurter Berg wurde mit Steinen vom Hauptpostamt erbaut.

Bartning gab also Hilfe zur Selbsthilfe, mit Kirchen aus dem Baukastensystem, ähnlich wie beim Siedlungsbau. Aber keine Notkirche gleicht der anderen, die Maße konnten variiert werden. Noch heute stehen die meisten Kirchen, original erhalten wie die Darmstädter Matthäuskiche oder erweitert um Glockenturm und farbige Fenster wie in Frankfurt. Ab 1949 folgten noch 50 weitere Notkirchen, teils mit Gemeindezentren. All diese Bauten werden nun auf Monitoren gut dokumentiert, zumal viele bereits unter Denkmalschutz stehen.

Museum Künstlerkolonie

Darmstadt, Olbrichweg 13 a.
Bis 18. März 2018. Geöffnet Di bis So 11–18 Uhr. Eintritt 5 Euro. Katalog 19,90 Euro. Telefon (0 61 51) 13 27 78. Internet www.mathildenhoehe.eu

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