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Musikfestivals: Klassik im Sommer boomt

Von Mit 91 Prozent Auslastung kann das Rheingau-Musik-Festival auf eine überaus positive 31. Saison zurückblicken. Grund für die große Akzeptanz beim Publikum sind neben den attraktiven Spielstätten auch ein zunehmend breiter aufgestelltes Konzertangebot. Der Termin für den nächsten Sommer steht bereits: Das Rheingau-Musik-Festival 2019 startet am 22. Juni und läuft bis zum 31. August. Der Vorverkauf beginnt Ende Januar.
Die Basilika von Kloster Eberbach gehört zu beliebten Spielstätten des Rheingau-Musik-Festivals: Der Stardirigent Yannick Nézet-Séguin und die Rotterdamer Philharmoniker gestalteten das ausverkaufte Abschlusskonzert der sommerlichen Musik-Reihe. Foto: Ansgar Klostermann Die Basilika von Kloster Eberbach gehört zu beliebten Spielstätten des Rheingau-Musik-Festivals: Der Stardirigent Yannick Nézet-Séguin und die Rotterdamer Philharmoniker gestalteten das ausverkaufte Abschlusskonzert der sommerlichen Musik-Reihe.

Mit Beginn des Monats September gehen auch die großen Klassik-Sommerfestivals zu Ende. Über 500 sollen es allein in Deutschland sein. Bonn (Beethovenfest), Luzern und Berlin (Musikfest) ziehen noch nach; sie profitieren von den Konzerttourneen, mit denen berühmte Sinfonieorchester ihre Frühform nach Ende der Ferien testen. Danach beginnt die Saalsaison, in Frankfurt zum Beispiel in der Alten Oper mit ihren Konzertreihen.

Alle ziehen nun Bilanz. Natürlich waren alle Festivals erfolgreich. Nach außen. Erfolg bemisst sich schließlich nach der Zahl ausgegebener, am besten: verkaufter Eintrittskarten. Verlässliche Zahlen gibt es jedoch nicht. Wie sähe eine andere, künstlerische Bilanz aus? Im Rheingau zum Beispiel könnte man sich über das Gelingen mancher Experimente freuen. Wie beim Thema Leonard Bernstein. Jeder denkt bei dem Namen des Jubilars an die populäre „West Side Story“. Zu hören war aber auch ein hochkomplexes, schwieriges Stück wie die 2. Sinfonie „Age of Anxiety“. Oder die beiden spröden geistlichen Chorwerke erst kürzlich.

Wagnis und Neugier

Virtuos und ohne Qualitätseinbußen bewältigte man eine außergewöhnliche Welle erkrankter Künstler. Das Wagnis einer Konzertreihe mit den jungen Pianisten anstelle der immer gleichen Stars ging auf. Zum Erfolg gehört auch die Idee, Bachs Brandenburgische Konzerte mit Neukompositionen zu kontrastieren. Selbst wenn es erstmals Buh-Rufe gab und Besucher während des Konzertes den Saal verließen, blieben viele andere und hörten zu. Sogar das sogenannte Event-Publikum, das die Sommerfestivals zu mobilisieren in der Lage sind. Also neugierige Menschen, die in ein Klassik-Konzert gehen, weil sie von einem Sponsor eingeladen werden. In neuen, ungewohnten Räumen stellen sich legere Umgangsformen von selbst ein und werden oft unnötige Konzertrituale abgebaut.

Solches ist auch in Bayreuth zu beobachten. Selbst hier wird der Habitus lässiger. Beifall brandet sogar nach dem ersten Aufzug „Parsifal“ auf – ein Tabubruch seit der Uraufführung dieses Bühnenweihfestspiels vor über 130 Jahren. Anders als im Konzert gehört die Unzufriedenheit mit künstlerischen Leistungen beim Theater zum Geschäft, und am Grünen Hügel führt dies mittlerweile auch zu leeren Plätzen und dem Umstand, dass vor manchen Aufführungen Eintrittskarten nicht mehr gesucht, sondern feilgeboten werden.

Preis für ein Stadionbier

An den Preisen liegt es nicht; ab 120 Euro für sechs Stunden Oper entsprechen einem Länderspielbesuch, und fünf Euro für ein Wasser hier dem gleichen Betrag fürs schale Stadionbier dort, obwohl im Festspielhaus notgedrungen viel mehr Leute für viel weniger Publikum als im Stadion arbeiten.

Zu wenig Event, „es fehlt die Brücke zur Breitenkultur“ befindet nun Horst Opaschowski (77). Der selbst nicht mehr taufrische Freizeitforscher wird nicht müde, den Finger auf eine vermeintliche Wunde des Klassikbetriebs zu legen. Das Publikum sei zu alt, „Grauköpfe prägen das Erscheinungsbild“ wurde er auch in dieser Zeitung zitiert, mit Bezugsgrößen auf freizeitkulturelle Highlights wie Fußball, Helene Fischer und das Heavy-Metal-Festival in Wacken. War der Mann aus Hamburg nicht beim letzten „Stones“-Konzert? Wo die „Grauköpfe“ auch die Mehrheit des Publikums stellten?

Die Geschichte lässt sich auch anders erzählen. Alter ist ein diskriminierendes Argument und spielt im Konzert genauso wenig eine Rolle wie Geschlecht, Religion oder die sexuelle Ausrichtung. Ergraut nicht auch der erst 34-jährige Fußballer Bastian Schweinsteiger? Es ist vielmehr so: Junge Musiker in nie dagewesener Zahl und Klasse drängen auf den Markt. Die Zahl der Festivals hat damit zu tun und könnte nicht beständig wachsen, gäbe es für sie kein zahlendes Publikum. Also wächst auch die Zahl der Zuhörer. Der „Nischenmarkt für Minderheiten“ (Opaschowski) wird gerade von der „neuen Generation gut betuchter Kulturinteres-sierter“ gesucht.

Denn ob man will oder nicht: Ein Opern- und Konzertbesuch, mit Salzburg und Bayreuth an der Spitze, fördert auch das Sozialprestige seiner Besucher. Wer zum Grünen Hügel pilgert, sucht das Besondere und gerade nicht das Massenereignis. Andrés Orozco-Estrada, Dirigent des HR-Sinfonieorchesters, bezeichnete den Effekt des Europa-Open-Air-Events jüngst an der Weseler Werft durchaus auch als Werbung: „Zwei wunderschöne Stunden wecken vielleicht auch Lust, mehr zu hören von uns, mal in ein normales Konzert zu gehen“.

Orchester, Pianisten und Streichquartette spielen „unplugged“; klassische Musik ist deshalb allein aus akustischen Gründen an Konzertsäle gebunden. Kirchen, Schlösser, Scheunen bieten seit 30 Jahren eine produktive Konkurrenz, den besonderen „Kick“. Jetzt rüsten die Häuser auf, neue Säle schießen aus dem Boden, die Elbphilharmonie leidet sogar unter dem Event-Tourismus, weil Leute Karten kaufen, um einfach mal in den Saal hineinzukommen, und nicht, um Musik zu hören.

Ohne Schnickschnack

Vielleicht ist es so, dass ältere, lebenserfahrene Menschen eher die für eine Beethoven-Sinfonie nötige Muße und Geduld mitbringen und nicht mehr so sehr auf die Vier-Minuten-Formate der Pop- und Schlager-Industrie fixiert sind. Klassikhören ist mehr als Konsum von Nebenbeigeräuschen. Jedenfalls erfreut sich das ganz normale Konzert ohne Schnickschnack und Brimborium mit oder ohne Stars großer Beliebtheit, bei allen Generationen, vor allem der ab 50 aufwärts. Das korrespondiert mit der demografischen Entwicklung. Vorausgesetzt, die Qualität stimmt. Also: das Programm, Kompetenz, Authentizität und Charisma der Künstler, das gemeinschaftliche Live-Erlebnis.

Natürlich muss dafür geworben werden, bei jungen wie bei älteren Menschen. Vielleicht sind es bestimmte Vertriebsformen wie das Abonnement, die Dauerkarte, die altmodisch wirken – im Unterschied zum Fußball, der jedoch, anders als der Musikbetrieb, im seelenlosen Kommerz untergeht.

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