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Schauspiel Frankfurt: „Kleist ist Königsdisziplin“

Sie schwelgt in den großen Melodiebögen von Kleists „Amphitryon“: Patrycia Ziolkowska. Vom 9. Februar an wird sie am Schauspiel Frankfurt in der Rolle der Alkmene zu sehen sein.
Vom Hamburger Thalia-Theater an den Main: Patrycia Ziolkowska ist ein prominenter Neuzugang in Anselm Webers Frankfurter Schauspiel-Ensemble. Foto: Michael Faust Vom Hamburger Thalia-Theater an den Main: Patrycia Ziolkowska ist ein prominenter Neuzugang in Anselm Webers Frankfurter Schauspiel-Ensemble.

Dieser klare Blick aus großen Augen. Er mustert nicht, er strahlt. Wie Patrycia Ziolkowska sich so locker über die Brüstung lehnt, hinter ihr im Schauspiel-Foyer die schimmernden Goldwolken des ungarischen Künstlers Zoltán Kemény, scheint sie die Probebühne gar nicht verlassen zu haben. Auch in diesem Rahmen kann man sich die zierliche Schauspielerin mit den feinen Gesichtszügen bestens in ihrer neuen Rolle der Alkmene vorstellen. Und wie Jupiter von den Wolken herabsteigt zu ihr und sie heimlich, in Gestalt Amphitryons, zu lieben versucht.

Patrycia Ziolkowska ist prominenter Neuzugang in Anselm Webers Ensemble und springt direkt von der Bühne des Hamburger Thalia-Theaters ins Schauspiel Frankfurt. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Heiko Raulin ist sie von dieser Spielzeit an unter Vertrag und von der Elbe an den Main gezogen. Ihr helles Gesicht und ihre emotionale Wucht sind einem Millionenpublikum aus Fatih Akins Kinofilmen bekannt. Unvergessen das unspektakuläre Dahinsacken ihrer Lotte Staub, der vielleicht beiläufigste, schrecklichste Filmtod der vergangenen Jahre in seinem Türkei-Drama „Auf der anderen Seite“. Wie ein Stück Müll, abgeknallt von einem kleinen Jungen, der mit einer Pistole herumspielt.

Liebesnacht mit Jupiter

Geheimnisvoll dagegen das beredte Schweigen ihrer verführerischen Jo, mit dem sie in Akins „Solino“ den beiden ungleichen Brüdern Gigi und Giancarlo den Kopf verdreht – gespielt von Barnaby Metschurat und Moritz Bleibtreu. Theaterfans kennen Ziolkowska als Schillers Jungfrau, Büchners Marie und Hebbels Kriemhild, vor allem aber als beeindruckende Marathondarstellerin. In Nicolas Stemanns „Faust I und II“ steht sie knapp neun Stunden auf der Bühne, für Luk Percevals „Zola-Trilogie“ gute acht Stunden. Kein Problem für die vielseitige Mimin. Ihre Stimme klingt erstaunlich tief und leicht hauchig, wenn sie sagt: „Mich beflügelt und elektrisiert nahezu jede Aufführung.“ Die langen Marathon-Vorstellungen aber hätten geradezu was „Euphorisierendes“. Nach den „Faust“-Abenden habe sie regelmäßig eine „Überdosis Adrenalin“ im Blut. Das sei das Großartige am Theater: „Das gibt mir so viel Kraft, so viel fließende Energie, die durchströmt mich im ganzen Körper.“

Jetzt also Kleist’s Alkmene in Frankfurt. Das Wort „Flirren“ benutzt sie oft. „Flirrend“ sei ihr erster Auftritt nach der gemeinsam verbrachten Liebesnacht mit Jupiter in Gestalt des thebanischen Generals Amphitryon. Und: „Kleist ist Königsdisziplin.“ Seine Alkmene empfindet sie als eine der schwierigsten Rollen überhaupt. Durch den Missbrauch von Jupiter werde sie in schmerzlichste Zweifel gestürzt, ob sie sich noch selbst über den Weg trauen könne. Jupiter erlebe aber durch sie, was Lieben ist, „es erwischt ihn richtig“.

Doppelgänger stiften heillose Verwirrung

Bei der 1803 geschriebenen Tragikomödie nach einem Theaterstück von Molière handelt es sich um ein Verwechslungsstück, in dem sich Gott Jupiter als thebanischer Feldherr Amphitryon ausgibt und sich

clearing

Gestische Sprache

Nur: „Als Gott kommt er nicht an sie ran. Sie liebt in ihm immer nur ihren Amphitryon.“ Ihrer Freundin Charis gegenüber enthüllt sie ihre Verwirrung: „Er wäre fremder mir als ich?“, zitiert Ziolkowska aus der vierten Szene des zweiten Aktes, und weiter: „Nimm Aug und Ohr, Gefühl mir und Geruch, mir alle Sinn und gönne mir das Herz.“ Sie lässt die Sätze nachspüren, genießerisch im Munde zergehen.

Patrycia Ziolkowska hat als Regisseur in Frankfurt einen Kleist-Spezialisten an ihrer Seite: Andreas Kriegenburg. Ihm und seiner Dramaturgin Marion Tiedtke geht es um präzise Textarbeit. „Kleists Sprache begreifen wir als durchkomponierte Musik. Wie verschiedene Instrumente, die miteinander sprechen“, sagt die 38-Jährige Mimin mit dem dunklen Haaransatz und den goldblonden Locken. Gerade auf der jüngsten Probe sei das wieder klar geworden, „wie radikal und mutig man sich in diese melodiösen, großen Bögen hineinbegeben muss, die über eine Szene hinausgehen“.

Der große Respekt vor dem Brandenburger Dichter ist ihr anzumerken: Wie beeindruckend Kleist komponiere, führt sie aus, wie intelligent gestisch seine Sprache in sich selbst bereits sei. Wie sie in tiefe Emotionen führe, „wenn man sich traut, sich diesem Sprach- und Gedankenfluss hinzugeben und gleichzeitig die Zwischenräume und die Lücken, die er entstehen lässt, bei sich selber zuzulassen“.

Die Melodie von Sprachen ist für sie immer schon wichtig gewesen. Ihre Muttersprache, das Polnische, klingt ganz anders als Kleists wohlgestaltete Verse. Als kleines Mädchen kam sie mit ihren Eltern aus einer beschaulichen Stadt in Masowien nahe der weißrussischen Grenze ins Rheinland. Kontakt zur polnischen Künstlerszene pflegt sie intensiv. Erst 2014 drehte sie mit dem polnischen Filmemacher Lukasz Barczyk und internationalen Stars den Kinofilm „The Spanish Flu“, der in Berlin beim polnischen Filmfestival gezeigt wurde.

Wie empfindet sie das Klima für die Kunstszene unter der nationalkonservativen PiS-Regierung? „Ich kriege von vielen polnischen Kollegen mit, wie katastrophal die Lage für sie politisch ist. Ein Wort, das in dem Zusammenhang umgangssprachlich oft fällt, ist im Polnischen „masakra’.“ Ziolkowska sucht nach den passenden Worten. Wie soll man sich da richtig verhalten? Polen komplett zu meiden, sei kontraproduktiv, mehr noch, es sei „fatal“. „Denn die Künstler dort brauchen Zuspruch aus dem Ausland.“ Isolation der polnischen Regisseure und Schauspieler und die Nicht-Auseinandersetzung „spielt den anderen Kräften in die Hände“.

Eine Frage noch, zurück zum großen Kleist und seinen Crescendi, die über mehrere Szenen laufen. Welches Instrument spielt sie als Alkmene im Kleist-Orchester? Patrycia Ziolkowska überlegt lange: Die Violine sei im „Amphitryon“ ihr Instrument, meint sie schließlich, „aber manchmal gehe ich auch zum Klavier rüber“. Klar, eine Violine, das passt, weil sie „flirren“ kann wie kaum ein zweites Instrument.

Schauspiel Frankfurt

Premiere 9. Februar, 19.30 Uhr.
Weitere Vorstellungen bis 1. April. Karten von 18 bis 49 Euro
unter Telefon (069) 21 24 94 94.
Internet www.schauspielfrankfurt.de

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