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Ausstellung: Kostbare französische Blätter aus drei Jahrhunderten in Darmstadt zu sehen

Das Darmstädter Landesmuseum zeigt 75 Zeichnungen aus seiner erlesenen Franzosen-Sammlung des 16. bis 18. Jahrhunderts. Die Schau war schon im Pariser Louvre zu bewundern.
Mit großer Detailverliebtheit hat Charles-Joseph Natoire den Hafen Ripa Grande in Rom gezeichnet. Abbildungen: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD Mit großer Detailverliebtheit hat Charles-Joseph Natoire den Hafen Ripa Grande in Rom gezeichnet. Abbildungen: Wolfgang Fuhrmannek, HLMD

Zeichnen und Zaubern sind eins, so scheint es auf dem kleinen Blatt. Tatsächlich entwickelt sich aus dem Stab der Zauberin eine Wolke nebst Vogel und menschlichem Kopf. Sie schweben über der Gruppe von Menschen, die die Zauberin umringt, darunter ein an seinem langen Stab leicht erkennbarer Narr, ein junger Galan, ein Arzt und sein Gehilfe mit einer riesigen Klistierspritze. Oder ist die große Wolke etwa doch nur eine kunstvoll verschnörkelte Arabeske, ein Rankenornament?

Jean-Antoine Watteau lässt es in seiner um 1711 entstandenen Komödianten-Szene offen und spielt so mit der Gleichsetzung von Zeichnen und Zaubern. Watteau verteilte die Figuren locker übers Blatt, verband sie aber durch Blickkontakte miteinander und ließ beim Zeichnen die Linien geradezu vibrieren. So entstanden mit dem Rötelstift sehr plastisch modellierte Typen, insgesamt sieben Schauspieler samt einer Studie mit gefalteten Händen. Es handelt sich um eine typische Szene der Commedia dell’Arte, dem damals populären italienischen Volkstheater.

Erhebliche Verluste

Dieses Watteau-Blatt ist eines der Höhepunkte in der Ausstellung von 75 französischen Zeichnungen des 16. bis 18. Jahrhunderts, die jetzt das Hessische Landesmuseum in Darmstadt bis 24. Juni zeigt. Die Auswahl aus dem Bestand von 490 französischen Blättern fiel sicherlich nicht leicht, sie stützt sich aber auf eine Schau im Pariser Louvre vor zehn Jahren. Darmstadt verfügt nämlich über eine erlesene Sammlung, die manchen Museumsdirektor in Frankreich vor Neid erblassen lässt. Vor allem das 16. Jahrhundert ist in dortigen Sammlungen nur dünn vertreten, denn Religionskriege, Revolution und ein Geschmackswandel haben zu erheblichen Verlusten geführt.

„Derjenige, der gibt, bekommt es von Gott zurück“, steht auf der Steintafel an dieser Kirche. Antoine-Denis Chaudet hat die Szene mit Bleigriffel festgehalten. Bild-Zoom
„Derjenige, der gibt, bekommt es von Gott zurück“, steht auf der Steintafel an dieser Kirche. Antoine-Denis Chaudet hat die Szene mit Bleigriffel festgehalten.

Auch Darmstadt besaß einst viel mehr Glanzlichter. Aber unter den Nazis wurden zahlreiche Altmeisterzeichnungen vor allem von Italienern und Franzosen verkauft, um dafür Glasgemälde zu erwerben, die heute noch in der Sammlung sind. Die Zeichnungen hingegen landeten unter anderem in der Hamburger Kunsthalle – ein ärgerlicher, aber regulärer Verkauf. So ist es schon ein kleines Wunder, dass in Darmstadt drei sehr ähnliche Watteau-Blätter erhalten blieben.

Ohnehin verdankt das Museum einen Großteil seiner gezeichneten Schätze dem hessischen Aristokraten Emmerich von Dalberg, der als Botschafter am französischen Hof lebte. Dalberg hatte beim Darmstädter Großherzog Ludewig I. einige Lehensschulden für Besitzungen im Odenwald. Die beglich er 1812 mit rund 1450 Zeichnungen von deutschen, italienischen, französischen und niederländischen Künstlern aus nahezu drei Jahrhunderten. So kamen durch Dalberg exakt 332 französische Blätter in die großherzoglichen Sammlungen, die später in das staatliche Museum übergingen und dann erweitert wurden.

Italienisch beeinflusst

„Eleganz & Poesie“ lautet der Titel der jetzigen Schau, denn die Franzosen wussten mit ihren Zeichenkünsten zu glänzen, vor allem inspiriert von den im 16. Jahrhundert noch führenden Italienern. Damit lässt sich die Entwicklung der französischen Zeichnung in Darmstadt so exemplarisch studieren wie in nur wenigen anderen deutschen Häusern. Tiefblaue und dunkelrote Wände sorgen für eine Kabinettsatmosphäre, in der die Blätter „wie kleine Schmuckstücke wirken“, meint Sammlungsleiterin Mechthild Haas zu Recht begeistert.

Das Spektrum der Schau reicht von Léonard Thirys um 1540 entstandener „Allegorie des Frühlings“ bis zu Jean-Simon Berthélemys „Geflügelter weiblicher Figur“ von 1799. Wirkt Thirys Blatt noch ornamental, aber mit italienisch beeinflussten Figuren, so scheint Berthélemys weiblicher Freiheits-Genius mit den Körperkonturen vom Klassikervorbild Raffael geprägt. Dazwischen entfalten sich drei Jahrhunderte Kunstgeschichte, vom Barock über das Rokoko bis zum Klassizismus.

In dieser großen Zeitspanne machte die Zeichenkunst einen grundlegenden Wandel durch, vom rein dienenden und damit untergeordneten Entwerfen bis zum autonomen Kunstwerk, das mit individueller Handschrift und subjektiver Empfindung ganz für sich spricht. Diese Entwicklung, bei der dem Rötelstift eine gewichtige Rolle zukommt, zeichnet die überwiegend chronologisch geordnete Schau in großen Zügen nach.

Von der feingliedrigen Zeichenweise des Kupferstechers und Radierers Jacques Callot künden etwa zwei Stadtansichten mit sehr tiefen Achsen, die ganz ohne Menschen auskommen – „es sind sehr modern wirkende Blätter“, meint Mechthild Haas. Callots großes Blatt mit einem reitenden Feldherrn hingegen ist dem Spätwerk um 1630 zuzurechnen, bewirkte doch die nun oft verwendete Pinsellavierung eine eher malerische Zeichenweise.

Ganz anders Pierre-Charles Trémolières bissige „Satire auf das Publikum einer Kunsthandlung“ aus der Zeit um 1727. Die Federzeichnung zeigt viele in große Mäntel gehüllte Esel, die eingehend Kunstwerke betrachten. Einzig die zwei Männer, die just neue Bilder herbeischaffen oder verpacken, haben keine Eselsohren. Die Verkäufer scheinen also schlau zu sein, die Käufer hingegen dumm. Die französischen Satiriker des 18. Jahrhunderts karikierten damals sehr plakativ, was sie von schlechtem Geschmack oder gar von Unwissenheit hielten.

Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Friedensplatz 1. Bis 24. Juni.
Geöffnet Di/Do/Fr 10 bis 18 Uhr,
Mi 10 bis 20 Uhr, Sa/So 11 bis 17 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon (0 61 51) 1 65 70 00. Internet www.hlmd.de

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