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Neue Biografie: Kritische Sicht auf Stauffenberg

Die Literatur über die Verschwörer vom 20. Juli 1944 mit ihrem Protagonisten Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist umfangreich. Eine neue und auch kritische Sicht versucht der Autor Thomas Karlauf mit seiner im nächsten Frühjahr erscheinenden Stauffenberg-Biografie, aus der die Zeitschrift „Sinn und Form“ jetzt erste Auszüge veröffentlicht.
Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der „Kanzlei des Führers“, Martin Bormann (links), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete. Foto: Hoffmann (dpa) Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der „Kanzlei des Führers“, Martin Bormann (links), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete.

Welche Motive haben den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg wirklich angetrieben? Diese scheinbar heute längst geklärte Frage versucht der Autor Thomas Karlauf („Stefan George“) kritisch neu zu stellen und damit gleichzeitig ein „überzeugendes Bild der Persönlichkeit des Charakters und der politischen Vorstellungen Stauffenbergs“ zu entwerfen. So gebe es zum Beispiel viele bis in den Herbst 1942 reichende Zeugnisse, die Stauffenbergs „direkte und indirekte Zustimmung zur Politik und Kriegsführung Hitlers belegen und im Gegensatz zu den Nachkriegsdokumenten authentisch sind“, wie es im Buch „Stauffenberg. Biographie eines Attentäters“ von Karlauf heißt. Es soll im nächsten Frühjahr im Blessing-Verlag erscheinen. Die von der Berliner Akademie der Künste herausgegebene Zeitschrift „Sinn und Form“ veröffentlicht jetzt Auszüge (Juli/August 4/2018).

Die Biografie dürfte für neue Diskussionen über Rolle und Motive der Verschwörer vom 20. Juli 1944 sorgen. Für Karlauf handelten sie aus Verantwortung, nicht aus Gesinnung. „Nicht das Entsetzen über die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern die Entschlossenheit, den Krieg möglichst rasch zu einem für Deutschland einigermaßen glimpflichen Ende zu bringen, gab ihrem Denken die Richtung.“

Karlauf erinnert an die Aussagen des Historikers Hans Mommsen, wonach die gesellschaftspolitischen Entwürfe der bürgerlich-konservativen Opposition gegen Hitler nicht mit der freiheitlich-demokratischen Ordnung der Bundesrepublik in Übereinstimmung zu bringen gewesen seien.

„Aufstand des Gewissens“

Dass die Offiziere fast durchgängig erst aus der militärischen Notwendigkeit der Jahre 1942/43 heraus den Entschluss zum Sturz Hitlers fassten, bedeute nicht, „dass sie unempfindlich waren für die Untaten des Systems“, meint Karlauf. „Nur sollte man ihr stark von Beruf und Klasse geprägtes Handeln nicht mit dem vielzitierten Aufstand des Gewissens gleichsetzen.“ Nur, möchte man als Leser einwenden, gilt das nicht auch für viele andere Widerstandskämpfer des Dritten Reiches, von „Beruf und Klasse“ geprägt, jung, alt, Student und Fabrikarbeiter?

Welche Motivation hatte Graf Stauffenberg wirklich? Bild-Zoom Foto: - (dpa)
Welche Motivation hatte Graf Stauffenberg wirklich?

Karlauf will auch nicht versuchen, nach einer moralischen Motivation zu fragen, die es „in der uns heute selbstverständlich gewordenen, der Schreckensherrschaft des Dritten Reiches angemessenen Form“ bei Stauffenberg nicht gegeben habe. Er konzentriere sich stattdessen auf die militärisch-politische Motivation.

Zu fragen sei beispielsweise, wie Stauffenberg eigentlich auf den sogenannten Röhm-Putsch von 1934 mit der Ermordung der SA-Führung („So räumte der Führer auf!“) reagiert oder wie er den Einmarsch ins Sudetenland von 1938 beurteilt hat. Mit Kriegsbeginn habe Stauffenberg ausschließlich als Soldat geurteilt, meint Karlauf, der aus Briefen zitiert, in denen Stauffenberg „von der neuen Ordnung der abendländischen Völker unter deutscher Führung“ geträumt habe.

Militärische Elite

Die drei Lebenswelten, deren Normen sein Denken und Handeln von früh an bestimmt hätten – die Tradition der Familie, das Offizierskorps und die Bindung an den Dichter Stefan George (das „Geheime Deutschland“) – seien für Stauffenberg lange Zeit vereinbar mit den Zielen des Nationalsozialismus gewesen.

Dennoch habe der Offizier, der im Afrika-Feldzug 1943 bei einem Tieffliegerangriff ein Auge, die rechte Hand und zwei Finger verlor, am 20. Juli 1944 dem „Versagen der militärischen Elite und ihrem tiefen moralischen Fall“ eine Tat entgegengesetzt, die nach dem Selbstverständnis dieser Elite undenkbar gewesen sei. Denn Militärrevolten, wie Karlauf aus den Erinnerungen eines der Oberbefehlshaber der Wehrmacht zitiert, „kannte man damals eigentlich nur bei Balkan-Völkern und südamerikanischen Staaten“. Dass diese Generalität Verbrechen bis hin zum Völkermord gedeckt hat, die man bisher auch nur in diesem Ausmaß vom Mittelalter oder dem Dreißigjährigen Krieg kannte, ist die Kehrseite dieser deutschen Militär-Elite. Stauffenberg hat das zuletzt und spät erkannt. Man darf auf die neue Biografie gespannt sein.

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