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„Atmosphères“ in der Alten Oper: Kubricks Filmklassiker „Odyssee 2001“ mit Orchesterbegleitung in Frankfurt

Eine Begegnung der unheimlichen Art: Stanley Kubricks Jahrhundertfilm „2001: A Space Odyssey“ mit Livemusik in der Alten Oper Frankfurt begann mit einer Schrecksekunde.
Keir Dullea spielt in Stanley Kubricks legendärem Film „Odyssee 201 im Weltraum“ den Astronauten Dave Bowman, der nicht nur mit dem Supercomputer HAL 9000 kämpft, sondern (Szene auf dem Foto) durch Zeit und Raum zum Jupiter fliegt, um die Unendlichkeit zu erreichen. Keir Dullea spielt in Stanley Kubricks legendärem Film „Odyssee 201 im Weltraum“ den Astronauten Dave Bowman, der nicht nur mit dem Supercomputer HAL 9000 kämpft, sondern (Szene auf dem Foto) durch Zeit und Raum zum Jupiter fliegt, um die Unendlichkeit zu erreichen.
Frankfurt. 

Plötzlich wurde es stockdunkel: Gerade als das HR-Sinfonieorchester im dreiminütigen Vorspann György Ligetis „Atmosphères“ zu Kubricks Meisterwerk intonierte, fiel das Licht aus, auch die Lampen an den Notenpulten der über hundert Musiker. Mehrere Sekunden wusste Filmdirigent Frank Strobel nicht, wie es weitergehen sollte, wurde aber von den geistesgegenwärtig reagierenden Musikern des Orchesters gerettet: Sie froren den flirrenden Klang einfach so lange ein, wie die Lichtpause anhielt. So, als habe jemand auf eine unsichtbare Stop-Taste gedrückt.

Visionen der Zukunft

Kurz danach gingen die Strahler zwar wieder an, die Spannung für Strobel aber blieb quälend für die nächsten 150 Minuten: „Ich dachte die ganze Zeit, hoffentlich passiert das nicht noch einmal“, verriet er nach dem Konzert. Ein einfacher Programmierfehler sei es gewesen, so der Münchner Filmspezialist. Er und die technischen Macher hätten nach der Generalprobe noch einige Abläufe angepasst. Programmierfehler? Ironischerweise geht auch Super-Computer HAL 9000 in Kubricks Film immer beunruhigender seine eigenen Wege. Fällt aus, wenn er zuverlässig Daten liefern soll, wird larmoyant und melancholisch, sabotiert Rettungsaktionen und tötet am Ende zur Selbsterhaltung die noch im Tiefschlaf liegenden Wissenschaftler.

Trotz des kleinen Anfangsmissgeschicks war schnell klar: Die musikalische Live-Präsentation des visionären SF-Streifens zog das ausverkaufte Haus in der Alten Oper magisch in seinen multimedialen Sog und entwickelte sich zum vorläufigen Höhepunkt des diesjährigen Musikfests der Alten Oper, das um Ligetis „Atmosphères“ kreist.

Der Film überrascht mit nach wie vor aktuellen Themen, grandioser Musik und rauschenden Farben. So, als seien seit der Premiere in Washington D. C. nicht bereits 50 Jahre vergangen. Die Filmkunst von Kubrick hat Generationen von Regisseuren Wege gewiesen, unzählige Menschen elektrisiert. An diesem Abend konnte man erneut erleben, warum: In den 143 Filmminuten nahm das britische Genie die kommerzielle Weltraumfahrt, eine bemannte Raumstation, und einen empathischen Supercomputer vorweg. Kubrick glaubte schon damals daran, dass wir in der Zukunft per Stimmerkennung gecheckt werden, mit Kreditkarte zahlen und Videotelefone benutzen.

Ehrfurcht vor der Musik

Faszinierend ist auch die bewusst eingesetzte Stille im Film. In nur 48 Minuten des Streifens wird gesprochen. Der Rest ist entweder Schweigen oder Ligetis Klangflirren, Donauwalzerklänge oder Richard Strauss’ „Zarathustra“-Wucht zu erhabenen ästhetischen Bildern. Dabei beeindruckte das HR-Orchester besonders mit der Kunst, nach minutenlangen Auszeiten von Null auf 100 hochzufahren und punktgenau einerseits in den saftigen Dreivierteltakt von Johann Strauss zu fallen, andererseits auch in die seelenvollen Celliklänge von Aram Khatchaturian.

Was überhaupt erst durch den Live-Effekt erlebbar wurde: Dass das äußerst diffizile Ligeti-Chorwerk „Lux Aeterna“, intonationssicher dargeboten vom SWR-Vokalensemble Stuttgart, bereits bei den Affenszenen des Anfangs erklingt. Dass viele Musik-Bild-Sequenzen nicht nur aus heutiger Sicht zeitlupenhaft gedehnt erscheinen, hat laut Jan Harlan, langjähriger Mitarbeiter und Schwiegersohn Kubricks, mit der großen Ehrfurcht des Filmemachers vor der eingesetzten Musik zu tun, die er nicht kürzen wollte: „Je größer der Künstler, desto mehr Respekt hat er für andere Künstler,“ sagte Harlan im Gespräch nach der Vorstellung.

Ob der 2006 gestorbene Ligeti dem zugestimmt hätte? Schließlich hatte Kubrick ihn nie um die Nutzungsrechte für die drei seiner im Film genutzten Werke gebeten. Während Kubrick und sein Studio MGM 30 Millionen scheffelten, speiste man Ligeti mit spärlichen 3000 Dollar ab.

Was als spektakulärster Eindruck vom Abend bleibt? Das unheimliche, immer tiefer trudelnde „Hänschen-klein“-Singen des defekten HAL 9000, als er vom Astronauten Bowman (Keir Dullea) abgeschaltet wird. Eine der vielen Szenen, in denen die Kubrick-Aficionados in der Alten Oper genüsslich zwischen Gruseln und Lachen schwankten.

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