Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Frankfurt am Main 29°C

Der Pavillon wird zum Zwinger: Künstlerin Anne Imhof gestaltet den deutschen Beitrag zur diesjährigen Kunstbiennale Venedig

Auf der Kunst-Biennale in Venedig ist viel Schönes zu sehen, im deutschen Pavillon wartet aber harte Kost. Die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof setzt auch auf Hunde.
Panzerglas, Statisten: Anne Imhof will der Zeit der Medien und der Zäune mit einer fünf Stunden langen Performance einen Spiegel vorhalten. Foto: Andrea Merola (ANSA/AP) Panzerglas, Statisten: Anne Imhof will der Zeit der Medien und der Zäune mit einer fünf Stunden langen Performance einen Spiegel vorhalten.
Frankfurt. 

Auf den ersten Blick ist da viel Deutsches: Ein monumentales Gebäude, das an das „Dritte Reich“ erinnert, Dobermänner in einem Zwinger vor der Tür und der Titel „Faust“. Doch die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Kunst-Biennale in Venedig behandelt Probleme, die weltweit gelten. Wer ist drin? Und wer muss draußen bleiben? Wer ist in die Gesellschaft integriert und wer nicht? Wer hat das Sagen? Und wer hat das Nachsehen?

Die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof hat dazu mit einem Team von rund 40 Leuten eine etwa fünf Stunden lange Performance konzipiert. Alleine das ist schon eine Ansage gegen die Schnelllebigkeit der Zeit. Und es ist ein Kontrast zu den vielen Arbeiten auf der diesjährigen Biennale, die schön anzusehen sind. Im deutschen Pavillon gibt es dagegen harte Kost.

Angst und Gewalt

Dumpfe Sounds dröhnen durch den Saal. Panzerglas ist „wie in den Machtzentren des Geldes“ (so der Ausstellungstext) durch das Gebäude gezogen. Darunter, darüber und mittendrin stehen Performancekünstler in schwarzen Klamotten und mit grimmigen Gesichtern. Eine Frau hängt an einem Gurt. Eine andere Frau mit nacktem Oberkörper läuft wie ein wildes Tier im Zoo hinter einer Glasscheibe auf und ab. Hinter dem dicken Glas am Eingang drücken sich Besucher die Nase platt. „Es gibt Glas, Zäune, viele Medien, durch die man schauen kann, aber man kann nicht hereingehen. Es zeigt, wo man dabei ist und wo man ausgeschlossen ist. Politisch, ökonomisch, gesellschaftlich“, sagt Kuratorin Susanne Pfeffer, Direktorin des Fridericianums in Kassel.

Die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof, geboren 1978, in Venedig. Bild-Zoom Foto: Felix Hörhager (dpa)
Die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof, geboren 1978, in Venedig.

Im Pressetext ist von einer „Zombisierung des kapitalistischen Körpers“, dem „Tod der Sexualität“ und der „Masturbation als Regression und Widerstand“ die Rede.

Die in Gießen geborene Künstlerin Imhof steht fast unbemerkt in schwarzer Lederjacke, schwarzer Hose und schwarzem Cape in der Menge. Als „sehr stark und radikal“ beschreibt Elke aus dem Moore, Leiterin der Kunstabteilung des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), die 39-Jährige. Auch in Medien hieß es, die in Gießen geborene Künstlerin Imhof könne eine der Entdeckungen dieser Biennale werden.

Aber wie kann man solch einen bombastischen Raum bespielen, den im Jahr 1938 die Nazis jede Leichtigkeit nahmen, indem sie ihn für ihre Zwecke umgestalteten? Auf der Biennale 2011 erhielt Susanne Gaensheimer, die Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, den Goldenen Löwen für ein Kunstprojekt des verstorbenen Christoph Schlingensief, im Jahr darauf zeigte sie dort eine Stuhl-Installation des chinesischen Kunststars Ai Weiwei. Im Jahr 2009 war Frankfurt sogar doppelt vertreten: Der damalige Städelschul-Direktor Daniel Birnbaum war als Kurator der Gesamt-Biennale ausgewählt. Den deutschen Pavillon kuratierte Nicolaus Schafhausen, damals Leiter des Frankfurter Kunstvereins.

Totale Transparenz

„Von außen hat mich die Architektur total erschlagen“, erzählt Imhof in einem Gespräch mit der Kuratorin Pfeffer. „Ich wollte, dass der Raum transparent bleibt, dass es keine Verkleidung gibt, keine Maskerade, die den Raum und seine Geschichte verhüllt. In der Architektur liegt eine Brutalität, auf die ich antworten kann.“

Wie ihr Zyklus „Angst“, den Imhof unter anderem im Hamburger Bahnhof in Berlin gezeigt hatte, beklemmt auch „Faust“ den Betrachter. Der Titel sei natürlich auch eine Anspielung auf Goethes „Faust“, sagt Pfeffer. Auch jetzt gehe es ums Zweifeln. Aber das Thema stehe vor allem für die körperliche Faust als „Symbol für politische Bewegungen“ – so wie bei dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik.

Imhof lag daran, den Pavillon nicht nur innen zu nutzen, sondern die Performance auch nach außen zu verlagern. Dort vor den Toren stehen zwei Dobermänner hinter einem Zaun. „Hunde sind auch Schmuckstück, Statussymbol und Eigentum“, sagt Anne Imhof. Sie interessiere der „Eindruck von etwas Verlassenem, etwas, das schon vorbei ist und trotzdem noch am Laufen gehalten werden muss“.

Um dem Tierschutz zu entsprechen, dürfen die Hunde ihr Gefängnis ab und an verlassen, erläutern die Organisatoren. Und auch die Betrachter können die Performance früher verlassen. Niemand werde gezwungen, fünf Stunden zu bleiben. Die Kunst-Biennale Venedig öffnet für das Publikum an diesem Samstag und läuft dann sechs Monate.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse