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Ausstellung in den Rüsselsheimer Opelvillen: Künstlerin Niki de Saint Phalle: Im Bauch der Urmutter

Die französisch-schweizerische Künstlerin Niki de Saint Phalle ist für ihre prallen Frauenfiguren bekannt. Doch in den 60er Jahren arbeitete sie mehrmals für das Theater, auch in Deutschland, wie die Schau in Rüsselsheim zeigt.
Für die Documenta 1968 in Kassel schrieb die französisch-schweizerische Künstlerin Niki de Saint Phalle ein eigenes Theaterstück: „ICH“. Ihr Entwurf für das Theaterplakat erinnert an eine Fledermaus. 	Abb.: VG Bild-Kunst, Frank Möllenberg Bilder > Für die Documenta 1968 in Kassel schrieb die französisch-schweizerische Künstlerin Niki de Saint Phalle ein eigenes Theaterstück: „ICH“. Ihr Entwurf für das Theaterplakat erinnert an eine Fledermaus. Abb.: VG Bild-Kunst, Frank Möllenberg
Rüsselsheim. 

Eine Frau steht kopf. Die dralle Schöne hat eine knallrote Haut und trägt ein ebenso kurzes wie kunterbuntes Kleid, das die Brüste einzeln farblich hervorhebt. Die überlebensgroße Frau ist freilich nur aus Polyester. Aber sie stimmt den Besucher der Rüsselsheimer Opelvillen ein auf das vertrackte Verhältnis von Mann und Frau, von bildender und darstellender Kunst sowie auf die Suche nach dem Individuum in der Gesellschaft.

Diese und andere üppig-fröhliche Weibsbilder, die ab 1965 entstanden und alle „Nana“ hießen, machten Niki de Saint Phalle sehr populär, weit hinaus über ihren Tod 2002 im Alter von 71 Jahren. Doch die Rüsselsheimer Schau, bis 12. März nächsten Jahres laufend, legt Nikis Leidenschaft für das Theater offen, eine bisher kaum beachtete und heute vergessene Seite der Künstlerin. Schon als Jugendliche reizte sie die Bühnenwelt, später nahm sie sogar für kurze Zeit ein Schauspielstudium auf.

Humorvoll-brutal

Aber erst in den 60er Jahren arbeitete sie mehrmals für das Theater, schrieb sogar ein eigenes Bühnenstück namens „ICH“, das 1968 am Staatstheater in Kassel während der 4. Documenta uraufgeführt wurde. Die „humorvoll-brutale Darstellung“, so Opelvillen-Chefin Beate Kemfert, dreht sich um eine junge Frau, die die Macht an sich reißt und dabei über Leichen geht.

Schon zwei Jahre zuvor hatte Niki de Saint Phalle in Kassel das Bühnenbild und die Kostüme gestaltet für ein uraltes Stück, das ihr, die heute als Ikone der feministischen Kunst gilt, wie auf den Leib geschrieben ist. Die Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes, um 411 vor Christus erstmals aufgeführt, handelt von den griechischen Frauen, die sich ihren Männern sexuell verweigern, bis die endlich mit den Kriegen aufhören.

Das Stück wurde 1966 eigens in die Alltagssprache übersetzt; die Regie führt der junge Rainer von Diez, der heute wieder seinen bürgerlich-adligen Namen Rainer Prinz von Hessen trägt. Vor 50 Jahre hatte er von Nikis Skulptur für ein Museum in Stockholm erfahren, einer 29 Meter langen, neun Meter breiten und sechs Meter hohen Frau, die auf dem Rücken mit gespreizten Beinen liegt und ihre Vagina für Besucher öffnet.

Rumpf und Schenkel

Diese Urmutter barg in ihrem monströsen Bauch all das, was der moderne Mensch offenbar benötigt: ein Café, ein Kino, ein Planetarium, ein Aquarium und einen Imbissautomaten. In drei Monaten kamen rund 100 000 Besucher – die Skulptur war „die begehrteste Hure der Welt“, so Niki. Eine ähnliche, aber mit zehn Metern Länge und vier Metern Höhe viel kleinere Frau, überdies auf Rumpf und Schenkel reduziert, baute sie für die Kasseler „Lysistrata“. Als Ausguck für die Schauspieler dienten Brüste und Nabel; die Bühne betraten sie durch die pinkfarbene Vagina, die für Niki „das Tor zur Akropolis“ symbolisierte.

Die Schauspielerinnen trugen knappe Kleider; der Busen und das Geschlecht waren mit roten Herzen, Blumen, Kreisen oder Fragezeichen betont, wie Entwürfe zeigen. Die Männer trugen Phalli aus Schaumstoff, die leuchtend bunt bemalt waren mit Schlangen, Pfeilen oder „Ja“. Mit diesen Eros-Spielen hat Nikis Familienname jedoch nichts zu tun, sie stammt aus uraltem französischem Adel. Freilich hatte sie einiges hinter sich, wurde sie doch mit elf Jahren vom eigenen Vater vergewaltigt.

Wut auf Männer

Ihre Wut auf die Männer und die Gesellschaft löste sie mit „Schießaktionen“, mit Leinwänden voller Farbbeutel, die sich nach einem Treffer über das weiße Bild ergossen. Diese Performancekunst ging ihren Theaterarbeiten voraus. Aber im Theater konnte sie ein neues, kunstfremdes Publikum gewinnen.

In Kassel, damals ähnlich prüde wie der Rest der Republik, sorgten zwar das kühne Bühnenbild und die ähnlich erotisch aufgeladenen Kostüme für Aufregung. Aber die Uraufführung im Oktober 1966 wurde vom vorwiegend jungen Publikum mit tosendem Applaus gefeiert und auch von der Presse gelobt.

Die Schau dokumentiert sehr eindrucksvoll die Kasseler Theaterarbeiten und weitere Aufträge. Vor allem Privatsammler haben rund 100 Objekte, Modelle, Grafiken, Plakate, Filme und Fotos beigesteuert, darunter auch intime Dokumente. Denn die intensive Zusammenarbeit zwischen Künstlerin und Regisseur mündete im Mai 1968 „zwangsläufig im selben Hotelzimmer“, wie der heute 77-jährige Rainer von Hessen dezent die Affäre umschreibt. Die war mit Komplikationen verbunden, denn Niki hatte einen starken Charakter und einen Partner, den für seine beweglich-heiteren Skulpturen bekannten Jean Tinguely.

Dralle Schöne

So schrieb und zeichnete Niki fast zeitgleich Liebes-Bild-Briefe in Englisch an Rainer und in Französisch an Jean, die nun nebeneinander hängen. All das vertraute „Nana“-Repertoire ist zu sehen: Schlangen, Bäume, die Sonne, eine dralle Schöne und ein schlanker Mann. „My love, how shall we meet again?“, überschreibt Niki ein Blatt und zeichnet die möglichen Orte: unter einem Baum, auf einem Schiff, in der Oper, in einem Hotel oder, nur in kühnsten Träumen, im Bett.

Die Ausstellung, später nach Düren und Jena wandernd, verschweigt diese Liebelei nicht, schlachtet sie aber nicht als Sensation aus. So ist die Schau rundum sehenswert.

 

Opelvillen, Rüsselsheim, Ludwig-Dörfler-Allee 9, Telefon (0 61 42) 83 59 07. Bis 12. März 2017. Geöffnet ab 7. Dezember, dienstags und donnerstags 10–21 Uhr, mittwochs und freitags bis sonntags 10–18 Uhr. Eintritt 10 Euro. Katalog 39,90 Euro. Internet www.opelvillen.de.
Die Ausstellungseröffnung ist am Sonntag, 4. Dezember um 11 Uhr (im Theater Rüsselsheim); erster Ausstellungstag ist Mittwoch, der 7. Dezember.

 

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