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Literatur: Kurz vor seinem 70. Geburtstag veröffentlicht T. C. Boyle einen neuen Kurzgeschichten-Band

Juchheissassa: Es gibt neue Geschichten vom Großmeister der Kurzgeschichte! T. C. Boyle bringt mit "Good Home" die nächste Story-Sammlung heraus.
Einer der Größten seiner Zunft: Der amerikanische Schriftsteller T. C. Boyle veröffentlicht in „Good Home“ 20 frische Kurzgeschichten. Foto: Jörg Carstensen (dpa) Einer der Größten seiner Zunft: Der amerikanische Schriftsteller T. C. Boyle veröffentlicht in „Good Home“ 20 frische Kurzgeschichten.

Als ich noch in einer Band spielte, da standen wir oft im Proberaum rum, versuchten uns an einem Beat, quälten uns mit Akkorden, brachten den Song irgendwie zu einem Ende. Die Lieder, die wir so zusammenschusterten, waren schlecht, das war uns selbst klar. Als wir trotzdem später ins Studio gingen, um diese Songs aufzunehmen, fiel dem Produzenten sofort auf, bei welchen Liedern wir im Nebel stocherten. Er rief uns dann zusammen, spielte uns den Schrott vor und fragte: „Was glaubt ihr, was Tom Petty mit diesem Song tun würde?“

Nun, ich mag Tom Petty – wer mag ihn nicht? Und wenn von der Band nicht viel übrig geblieben ist, so ist es doch diese leicht abgewandelte Frage, die der Produzent stellte, die heute noch für mich von Bedeutung ist. An jeden Text, den ich im Begriff bin zu verhauen, stelle ich mir die Frage: „Was würde T. C. Boyle mit diesen Sätzen anfangen?“

Es ist ja so, dass man stets ein paar Zitate von Philip Roth raushaut, wenn man am Bistrotisch in der Kantine ein bisschen über zeitgenössische amerikanische Literatur plaudert. Es folgen, je nach Laune, die Erwähnungen von Romanen aus der Feder von John Updike, Saul Bellow, Thomas Pynchon, Joyce Carol Oates, Richard Ford – Sie wissen schon, alles gelesen, alles durchdrungen.

Saftige Geschichten

Doch niemand bringt in diesen erkenntnisreichen Momenten den Namen T. C. Boyle auf den Tisch. Gut so. Denn natürlich wissen alle, dass T. C. Boyle eine ähnlich starke Empathie für seine Figuren entwickelt wie John Updike. Und es ist auch kein Geheimnis, dass T. C. Boyle saftigere Geschichten als John Irving erzählen kann und kühnere Wendungen als Richard Ford für seine Stories findet. T. C. Boyle, der nicht weniger als die Errungenschaften von Mark Twain in die Gegenwart rettet, bleibt in solchen Runden stets unerwähnt, weil nahezu alle seine Short Storys und viele seiner Romane so unverschämt perfekt komponiert sind, dass es erst gar keine Worte der Überhöhung braucht.

Tom Coraghessan Boyle, geboren 1948 in der Nähe von New York, veröffentlicht quasi jedes Jahr ein neues Buch. In der Regel zunächst einen Roman, darauf folgend eine Sammlung Kurzgeschichten.

Auch das Jahr 2018 macht da keine Ausnahme: Noch vor Boyles 70. Geburtstag bringt der Münchner Hanser-Verlag den Band „Good Home“ heraus. 20 Kurzgeschichten sind hier versammelt, die zwar alle schon in namhaften Magazinen wie dem „New Yorker“, „Harper’s“ oder „Paris Review“ teils vor vielen Jahren erschienen sind, nun aber erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen. Und obwohl ich viele seiner Romane bewundere, glaube ich doch, dass T. C. Boyle sein Bestes im Sprint über 15, 20 Seiten bringt.

Und das Unwahrscheinlichste: Obwohl Boyle im Herbst seines Lebens steht und weit über 100 Storys geschrieben hat, gibt es in „Good Home“ einige Geschichten, die wiederum zu den besten zählen, die er jemals veröffentlicht hat.

Es gibt da etwa die Geschichte eines jungen Mannes, der keine körperlichen Schmerzen erleiden kann und von seinem Vater übers Land geschickt wird, um ein bisschen Kohle als Schmerzensmann zu verdienen. Der junge Mann, von Narben übersät, stirbt spektakulär an gebrochenem Herzen. Es gibt da eine belächelte Band, die unverhofft zur Kunst gelangt.

Locker skizziert

Es gibt einen Organ-Transporteur in Kaliforniern, der bei einer dringenden Fahrt von einer Schlammlawine erfasst wird. Es gibt einen Familienvater, der durch eine kleine Notlüge sein komplettes Leben gegen die Wand fährt. Und so weiter und so fort. Und natürlich ist es auch hier wieder die große Empathie, die aus Boyles locker skizzierten Charakteren Menschen aus Fleisch und Blut schafft. Es geht nur vordergründig um rasante, wendungsreiche, unterhaltsame Geschichten – bei T. C. Boyle geht es immer um die Menschen, die durch unwegsames Gelände stapfen und immer kurz vorm Fallen sind. Manche schaffen es, manche gehen unter. Es sind pralle, saftige im besten Sinne tolle Geschichten, ohne Mitleid und Erbarmen. Dieser Literatur-Gott ist nicht schüchtern.

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