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Lasst uns die Schöpfung lieben!

Von Einen solchen Preisträger hat die Paulskirche noch nicht gesehen. Der deutsche Buchhandel ehrt zum Abschluss der Messe einen Computer-Freak, der digitale Auswüchse kritisiert. Und analog auf einer traditionellen Bambusflöte spielt.
Der US-amerikanische Informatiker, Autor und Musiker Jaron Lanier (54, links) mit der Urkunde zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Rechts der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller.	Foto: epd Der US-amerikanische Informatiker, Autor und Musiker Jaron Lanier (54, links) mit der Urkunde zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Rechts der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller. Foto: epd

Er wirkt ein bisschen kauzig, so wie man sich womöglich einen Internet-Nerd vorstellt: untersetzt, lange Rasta-Locken. Etwas unbeholfen tapst er am Sonntag aufs Podium in der Frankfurter Paulskirche, um seine Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu halten, fuchtelt mit den Armen, kichert bisweilen etwas haltlos. Der Mann ist Informatiker, Komponist, Instrumentensammler und Dozent, Buchautor: Jaron Lanier ist ein Multitalent. In seinem in diesem Jahr auf Deutsch erschienenen Buch „Wem gehört die Zukunft?“ bezeichnet er sich als einen „digitalen Idealisten“. Das ist er noch immer – und ein Mahner vor den Auswüchsen der digitalen Welt.

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, würdigt Lanier als „einen der schärfsten Kritiker des digitalen Kapitalismus“ und fragt: „Ist der Mensch dabei sich abzuschaffen, die Werte aufzugeben, die ihm bislang wichtig waren?“

 

Der reduzierte Mensch

 

Die Laudatio auf Lanier hält Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments. Er hat ähnliche Gefahren im Blick: „Der Glaube, dass wir nur die Summe unserer Daten sind, reduziert und entwürdigt Menschen und verkennt überdies, wer der Schöpfer von Kultur ist. Denn es sind die Schriftstellerinnen, Musiker, Filmemacherinnen, Ingenieure, Programmierer, Journalisten und andere Kreative, die die Inhalte erdenken, die sich im Netz finden“. Es seien Menschen, die das alles schaffen und die dem Geschaffenen erst Sinn verleihen. Deshalb sei es nicht hinnehmbar, dass nur einige wenige mit diesen kulturellen Leistungen Milliardengewinne machten. Lanier fordere uns mit seinen Einsprüchen auf, als „freie, selbstbestimmte, motivierte und kreative Individuen“ an einer besseren Zukunft zu arbeiten: „Lanier warnt davor, Computer und Netzwerke über das Menschliche zu stellen, den Menschen also klein zu machen“, sagt Schulz.

 

Appell zur Wachsamkeit

 

Mit Lanier werde ein Pionier der digitalen Welt geehrt, der erkannt habe, welche Risiken diese für die freie Lebensgestaltung eines jeden Menschen berge, sein Werk sei ein Appell, wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein, heißt es in der Begründung zur Vergabe des mit 25 000 Euro dotierten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

Der so Geehrte tritt ziemlich unprätentiös auf. Seine Rede ist ein assoziativer Streifzug durch das digitale Zeitalter. Er feiert das Buch als „Bauwerk menschlicher Würde“. Er warnt davor, dass uns das Netz in Rudel verwandle, in denen der Einzelne nichts mehr gelte. Er fragt, ob wir „unsere Demokratien an Technologie-Firmen outgesourct haben“, beklagt Ausspähung und Datensammelwut, die den Reichtum bei monopolartigen Konzernen konzentriere, die zu Entrechtung und Entwürdigung führe. Was er dagegen setzt, ist ein „neuer Humanismus“ für das 21. Jahrhundert: „Der neue Humanismus behauptet, es ist richtig zu glauben, dass Menschen etwas Besonderes sind, nämlich dass Menschen mehr sind als Maschinen und Algorithmen.“

Jaron Lanier wurde am 3. Mai 1960 in New York geboren. Seine Mutter floh vor der Verfolgung der Nazis aus Wien, die Familie seines Vaters kam aus der Ukraine. Schon mit 13 Jahren schrieb er sich zu Mathematik-Vorlesungen an der Universität des US-Staates New Mexico ein. Von 1983 bis 1990 war Lanier am Labor der Computerfirma Atari tätig und beschäftigte sich dort unter anderem mit einem Datenhandschuh zur Interaktion mit virtueller Realität – ein Begriff, dessen weite Verbreitung auf Lanier zurückgeführt wird. Das Eintauchen in digitale Welten beschäftigte ihn später auch bei Silicon Graphics, ehe er sich von der Arbeit für Unternehmen abkehrte und an der Columbia University in New York zu forschen und zu lehren begann. In der Forschungsabteilung von Microsoft ist er an der Entwicklung von Anwendungen zur Erkennung von Körperbewegungen beteiligt.

In Frankfurt schließt Lanier seine Rede mit einer bewegenden Erinnerung an seine Familie, die unter dem NS-Terror zahlreiche Opfer zu beklagen hatte. „Es sind die Wunder, die wir errichten – die Freundschaften, die Familien, die Bedeutung –, die staunenswert, interessant, glorreich und berauschend sind. Lasst und die Schöpfung lieben“, sagt er unter Tränen. Dann greift er, wie um dieses Credo zu beschwören, zur Flöte: Ein Lied erklingt wie aus uralten Zeiten.

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