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Zeruya Shalev: Leben in verschiedenen Welten

Im Interview spricht die Autorin mit Rüdiger Sturm über die literarische Verarbeitung eines Traumas, die politische Interpretation ihrer Bücher und ihre Hoffnung für den Nahen Osten.
Sich finden, sich zerstören, seinen Frieden suchen: Zeruya Shalevs Roman „Schmerz“ gehört zu den wichtigsten Romanen dieses Herbstes. Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild) Sich finden, sich zerstören, seinen Frieden suchen: Zeruya Shalevs Roman „Schmerz“ gehört zu den wichtigsten Romanen dieses Herbstes.

Frau Shalev, Sie wurden 2004 bei einem Terroranschlag verletzt, jetzt thematisieren Sie eine derartige Erfahrung in Ihrem neuen Roman „Schmerz“.

ZERUYA SHALEV: Ich möchte ein Missverständnis vermeiden: Der Terroranschlag ist nur ein einzelnes Motiv, aber keineswegs das Hauptthema des Buches. Leider haben ein paar israelische Journalisten das missverstanden. Denen war eher an Sensationen als an Literatur gelegen. Wobei ich offen gestanden nie vorhatte, über dieses Trauma zu schreiben. Im Gegenteil, ich wollte es aus meinen Werken fernhalten. Dass es in „Schmerz“ eingeflossen ist, ist für mich selbst eine Überraschung.

Planen Sie solche Handlungsmotive nicht bewusst?

SHALEV: Es passiert immer wieder, dass mich mein Schreiben überrascht. In dem Fall sollte die Protagonistin an Schmerzen leiden, die ihren Ursprung in der Vergangenheit haben, und ich war dabei, einen entscheidenden Morgen in ihrem Leben zu konzipieren. Auf einmal, nach ein paar Seiten, wurde mir bewusst, was ich da geschrieben hatte – ganz spontan und intuitiv. Es war wie ein Zwang, fast ein Schock, aber dann war nicht mehr daran zu rütteln: Dieser Anschlag war Teil ihrer Biografie. Ich möchte aber betonen, dass wir zwei komplett verschiedene Personen sind – und sie geht auch mit dieser Erfahrung anders um als ich.

Letztlich erzählen Sie von einer Frau auf einem potenziell zerstörerischen Selbstfindungstrip – ein Thema, das immer wieder in Ihren Büchern auftaucht.

SHALEV: Es mag zumindest ein paar Querverbindungen zu „Liebesleben“ geben, aber ich würde es eher so sehen: Ich erzähle von Menschen – auch Männern –, die einen Entwicklungsprozess durchmachen. Deshalb zeigen sich hier gewisse Ähnlichkeiten. Doch ich fände es uninteressant über Protagonisten zu schreiben, die sich nicht entwickeln.

Diese Protagonisten bewegen sich im Kontext des Staates Israel, dessen Existenz auch von Schmerz geprägt ist. Mögen Sie solche politischen Interpretationen?

SHALEV: Ich habe nichts dagegen. Zumal eben mein Schreiben auch unbewusst abläuft und hier eine Schicht meiner Seele zutage tritt. Der Roman nimmt zum Beispiel Bezug auf die biblische Geschichte von Joseph, der am Ende seinen Brüdern die Schmerzen verzeiht, die sie ihm zugefügt haben. Das kann man natürlich politisch sehen – ebenso wie den Lösungsansatz des Buches. Die Protagonistin scheint sich schlussendlich für die Realität zu entscheiden – nicht für die alten Mythen ihres Lebens. Und wir alle – Israelis und Palästinenser – haben mythologische Träume, die sich nie erfüllen werden. Das Paradies, von dem wir träumen, kehrt nicht zurück. Also müssen wir uns in der schmerzvollen Realität einrichten, und die Frage ist: Wie können wir hier Frieden finden? Ich muss aber betonen: Damit möchte ich keine Lesart meines Buches vorgeben. Hier ist nichts eindeutig. Und ich selbst bin auch keine gute Deuterin meiner Romane.

Sind eigentlich die politischen Anspannungen eine Belastung für Ihr Schreiben?

SHALEV: Natürlich bleibt das nicht ohne Wirkung. Aber das Schreiben ist für mich eine alternative Welt, in der ich nicht über meine persönlichen Schmerzerfahrungen nachzudenken versuche – ob ein privater Streit oder meine Sorgen über die politische Situation. In diesen paar Stunden am Tag schirme ich mich davon ab, das ist eine Entscheidung, die ich vor vielen Jahren für mich getroffen habe. Und da bin ich ganz stur. Ansonsten würde mein Leben komplett davon kontrolliert.

Andererseits begannen Sie unlängst, sich politisch zu engagieren. Sie schlossen sich einer Initiative von israelischen und palästinensischen Frauen an, die 50 Tage vor der Residenz von Premierminister Netanjahu campieren und fasten . . .

SHALEV: Ich bewege mich eben in verschiedenen Welten gleichzeitig. Nachdem ich mein Buch beendet hatte, habe ich mich dazu entschlossen. Wobei das eigentlich gar kein richtiger Entschluss war. Ich hörte von diesen Frauen, besuchte sie, und so wurde ich Teil ihrer Bewegung und habe ebenfalls mit ihnen gefastet. Mir war klar, dass ich ihnen mit meiner Beteiligung noch größere Aufmerksamkeit verschaffen kann. Wir möchten Netanjahu dazu bewegen, dass er wieder an den Verhandlungstisch zurückkehrt. Und ich möchte noch mehr Unterstützerinnen dazuholen.

Sehen Sie eigentlich Grund für Optimismus für die Entwicklung in Palästina?

SHALEV: Zugegebenermaßen hat das jetzt nicht mehr viel mit meinem Buch zu tun. Aber ich glaube, dass wir jetzt eine bessere Chance für einen Friedensprozess haben als noch vor ein paar Jahren. Die Bedrohung durch den fundamentalistischen Islamismus hat dazu geführt, dass Israel mehr mit den gemäßigten arabischen Staaten gemein hat. Die gesunden Mächte des Nahen Ostens sollten jetzt gegen die kranken Mächte zusammenstehen. Und wir Israelis haben erkannt, dass wir auch durch den jüdischen Terror bedroht werden. Wir sollten also vergeben und vergessen, denn wir haben einen gemeinsamen Feind. Und genau darin liegt meine neue Hoffnung.

 

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