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Brittens Shakespeare-Oper „Sommernachtstraum“: Leise rieselt der Glitzerstaub

Niklaus Helbling mixt am Mainzer Staatstheater einen süßen „Sommernachtstraum“-Cocktail. Dabei nimmt er Benjamin Brittens Opern allzu sehr auf die leichte Schulter: Alles Dunkle verschwindet im Glitzerstaub.
Magisch und zauberhaft geht es zu, wenn die Liebe in einer Mainzer Sommernacht erwacht. Magisch und zauberhaft geht es zu, wenn die Liebe in einer Mainzer Sommernacht erwacht.
Mainz. 

Einheitsklatschen am Ende. Der bereits heruntergelassene Vorhang muss noch ein viertes Mal hochgezogen werden, denn das Staatstheater-Publikum will Regieteam, Sänger und Orchester wieder und wieder feiern. Ein wahrer Zuschauer-Triumph für Hausregisseur Niklaus Helbling. Verdient ist er nicht ganz.

So märchenhaft verschwenderisch seine Sicht auf Benjamin Brittens „Sommernachtstraum“ auf der Bühne prangt, so drollig sich sein Puck durch den Elfenwald kugelt, so brüllend komisch die Handwerkerszenen gelungen sind – was diesem „Sommernachtstraum“ fehlt, sind die gewaltsamen, obskuren, ja verstörenden Abgründe der Liebe.

In Oberons Reich

Dabei startet der Abend mit dem sinnigen Einfall, Theseus und Hippolyta in ihrem samtenen Athener Herrschafts-Separée einzuführen. Anders übrigens, als von Britten vorgesehen, der sich den ersten Akt Shakespeares schenkte. Nach und nach erobern dann die kleinen Sänger- und Sängerinnen des Mainzer Domchors und des Mädchenchors am Dom und St. Quintin, allesamt in zart schimmernde Kostüme gewandet, das Reich des Regenten und seiner zukünftigen Frau.

Mittels der auffächerbaren und flexiblen Paravents von Sabine Kohlstedt, die auch für die kostbar anmutenden Elfengewänder verantwortlich zeichnet, lässt sich Theseus’ Palast wahlweise in den Athener Wald, Oberons Reich oder andere Schauplätze verwandeln. Oberon selbst, gesungen von Alin Deleanu und mit viktorianisch anmutender Halskrause unschwer als Shakespeares Alter ego zu erkennen, kann nicht nur mit seinem noblen Countertenor überzeugen, sondern auch als raffinierter Strippenzieher des Gesamtgeschehens. Der Streit mit seiner Tytania gerät regiebedingt lauwarm, ebenso wie die vom Komponisten kunstvoll geschriebene Verführungsszene, mit der die Elfenkönigin den zum Esel mutierten Bottom vernaschen soll. Stimmlich allerdings ist Marie-Christine Haase betörend in der Lage, ihrem Elfengattem in höchste Sopranhöhen zu folgen.

Ebenfalls zu brav ausgefallen ist der Liebestrank-verursachte Clinch zwischen den beiden aristokratischen Liebespaaren. Scheut doch Niklaus Helbling alles, was sexuelle Herrschaftsträume, promiskuitive Erotik und nicht eingestandene Triebe berühren würde. Während die feinen Damen (Dorin Rahardja singt eine temperamentvolle Helena und Louise Fenbury eine zarte Hermia) wenigstens zeitweise ihre Contenance vergessen und angemessen die Krallen ausfahren, zeigen ihre Männer einen chronisch überraschten Gesichtsausdruck, der eher zu „Bäumchen-Wechsel-Dich“-Spielereien passt als zur existentiellen Liebeskrise. Dabei singt Tansel Akzeybek seinen Lysander herausragend klar und engagiert, während Brett Carter seinen Demetrius mit edler Zurückhaltung ausstattet.

Großartig geführt dagegen das Handwerkerquintett (allen voran Derrick Ballard als Esel/Bottom), das besonders im letzten Akt gewaltige Gelächtersalven evoziert. Der einfältige Blick von Scott Ingham (Snout) als grausame Wand, die Pyramus und Thisbe trennt, reitet dabei ebenso Zwerchfellattacken, wie Walleperücke und Verführungstänzchen des dürren Johannes Mayer als tragischer Thisbe.

Wildes Verwirrspiel

Puck, der bei Britten als einziger sprechen darf, ist mit Antonia Labs samtpfötig besetzt. Aus dem Orchestergraben dringt drei Stunden lang das wache Dirigat von Hermann Bäumer, der mit den blitzsauberen Holz- und Blechbläsern Überstunden gefahren haben muss. Herausragend gelungen vor allem die präzise Begleitung der unzähligen Duette und Quartette der aristokratischen Pärchen. Geheimnisvoll gelungen auch die ständigen Streicherglissandi, mit denen Britten das permanent Schwebende des Zauberwaldes instrumentierte. Am Ende des wilden Verwirrspiels bleibt das Bild vom süßen Puck mit seiner Zauberpflanze im Gedächtnis haften. Natürlich hat er eine liebliche Blume in der Hand, die statt schwerverdaulicher Säfte vor allem eines versprüht: Glitzerstaub.

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