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Konzert in der Festhalle: Lenny Kravitz in Frankfurt - Rockstar und ehrliche Haut

Endlich mal wieder ein richtig tolles Rockkonzert in der Festhalle erleben, das war längst überfällig. Garant dafür: Lenny Kravitz. Aber der hat weit mehr zu bieten als musikalische Muskelspiele.
Halb Gockel, halb Galan, aber immer virtuoser Musiker: Lenny Kravitz mit Kussmund in der Frankfurter Festhalle. Foto: Sven-Sebastian Sajak Halb Gockel, halb Galan, aber immer virtuoser Musiker: Lenny Kravitz mit Kussmund in der Frankfurter Festhalle.
FRankfurt. 

Als Lenny Kravitz unter dem Motto seines ersten Albums „Let Love Rule“ sein Frankfurt-Debüt gab, war alles noch Friede-Freude-Eierkuchen. Da musste sich das Publikum an den gen Himmel ausgestreckten Händen fassen und nach Kravitz’ „Liebe-überwindet-Raum-und-Zeit“-Botschaft schwelgerisch in den Chor einstimmen: „Die Liebe muss die Überhand gewinnen“. Die Welt war bonbonrosa, fehlte nur noch, dass die „Batschkapp“ mit Blumen dekoriert gewesen wäre. Hippies aller Altersklasse vereinigt euch!

Im Mai 1991, noch vor seinem ersten US-Single-Hit, trat Kravitz dann der wachsenden Popularität Rechnung tragend schon im Volksbildungsheim (heute das Cinestar Metropolis) auf. Da war Kravitz kaum wiederzuerkennen. Er legte all seine Wut, Enttäuschung und Trauer in dieselben, diesmal düsteren Songs, denn seine Frau, die Schauspielerin Lisa Bonet, hatte ihn mit der kleinen Tochter Zoë verlassen. Ein intensives, unvergessliches Konzert. Auch weil der New Yorker aus seinem Herzen keine Mördergrube machte.

Schlechtes Timing

27 Jahre später steht Kravitz ein weiteres Mal nach 2014 während seiner „Strut“-Tour auf der Bühne der Festhalle. Die ist nicht ganz ausverkauft. Das neue Album „Raise Vibration“ sollte längst veröffentlicht sein. Termin ist jetzt der 7. September. Schlechtes Timing. Die fehlende Promotion für die Platte kostete ihn ein volles Haus. Dumm gelaufen. Der Stimmung tut das keinen Abbruch.

„Are You Gonna Go My Way“ wird der Sänger und Gitarrist zwar erst zum Finale des Auftritts anstimmen. Ohnehin eine eher rhetorische Frage, denn sein Fans folgen ihm von der ersten Sekunde an. „Fly Away“ gibt die Richtung vor. Einsteigen, abheben. Kravitz, der sich seiner Ausstrahlung ganz sicher ist, startet das erste, noch simple „Yeah-yeah“-Mitsing-Ersuchen auf einer Ebene weit über dem Schlagzeug. Aber er steigt dann schnell herunter von seinem Olymp, schlendert langsam, halb Gockel, halb Galan, zu seinem Mikro, lässt sich feiern, macht aber schnell klar, dass er auch gewillt ist, sein Publikum Ehrerbietung erfahren zu lassen.

Harte Gitarrenriffs von ihm und seinem Langzeitpartner Craig Ross, einem versierten wie virtuosen Instrumentalisten, bestimmen die erste Viertelstunde. „Dig In“, „hau rein“ – deutlicher kann man es nicht ausdrücken. In „Bring It On“ wird das Tempo verschleppt, die markant gesetzten Breaks sind Reverenz an „Led Zeppelin“, frühe Vorbilder des Protagonisten.

Hypnotische Qualität

Die einzige Coverversion des Abends bleibt „American Woman“ von „Guess Who“. So interpretiert gewinnt der gute, alte Rock ’n’ Roll wieder an hypnotischer Qualität. Das folgende „It’s Enough“ ist ein erster neuer Song von der CD „Raise Vibration“. Sein lässiger Groove versetzt das Auditorium fast zwangsläufig in Bewegung.

Mehr noch als Schlagzeuger Franklin Vanderbilt ist die geniale Bassistin Gail Ann Dorsey, die schon mit David Bowie tourte, der Motor der Band. Ihre Grooves sind unwiderstehlich. Aus der dreiköpfigen Bläsersektion, die sich dazu gesellt hat, sticht Trompeter Ludovic Louis gleich mit einem langen Solo hervor. Für Kravitz ist er „a painter with his horn“. Durch ihn bekommt der R & B eine unüberhörbare Jazznote, wie überhaupt die Zitate aus der afroamerikanischen Musikgeschichte zunehmen und unüberhörbar sind. James Brown, Stevie Wonder, Jimi Hendrix, Prince. Wenn die Acht plötzlich in einen Reggae-Off-Beat fallen, bleibt eine kurze Bob-Marley-Hommage nicht aus: „Get Up, Stand Up“.

Raum für Improvisation

Auch wenn Kravitz in vielen Städten dasselbe Programm spielt und auf eine ausgetüftelte Dramaturgie setzt, bleibt genügend Raum für Improvisation. Manche Stücke heben in ihrem Freiheitsdrang fast ab. Da passen die psychedelischen Motive von der Hammond-Orgel und die zarten Orchestrierungen eines Mellotron-Sounds bestens ins Bild. Dann bleiben – nur für die, die Kravitz auf Rock & Funk festschreiben, überraschend – „Beatles“-Assoziationen nicht aus. In puncto subtile Harmoniefolgen eifert Kravitz den Kollegen gerne nach. Auf das Outro von „Let Love Rule“ hätte man auch die Coda von „Hey Jude“ setzen können.

Flexibel wie Kravitz agiert, gerät sein Slow-Song „Can’t Get You Out Of My Mind“ fast zur kitschigen Countryballade. Angst vor Sentimentalitäten hat er jedenfalls keine, Berührungsängste ohnehin nicht. Zum Schluss der elektrisierenden zwei Stunden wandert er begeistert gefeiert mitten durch das Publikum, erklimmt den Ersten Rang und zeigt sich für einen echten Rockstar wirklich berührt. Im Vergleich mit „Nickelback“, jüngst in der Festhalle, wirkt Kravitz geradezu unprätentiös. Der Mann ist ein geborener Showman. Und eine ehrliche Haut. Bei Lenny absolut kein Widerspruch.

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