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Neues Album vom Singer-Songwriter-Veteran: Leonard Cohen: Leise Lieder übers Loslassen

Ein Abschied mit 82 Jahren? Leonard Cohen, der kanadische Singer-Songwriter-Veteran, veröffentlicht ein wohl letztes Album. Sein Titel: „You Want It Darker“.
Wenn man wie Leonard Cohen die 80 überschritten hat, dann kann man auch schon mal über die eigene Endlichkeit räsonieren. Foto: Sandro Campardo (KEYSTONE) Wenn man wie Leonard Cohen die 80 überschritten hat, dann kann man auch schon mal über die eigene Endlichkeit räsonieren.

Ein Synagogen-Choral eröffnet das neue Album von Leonard Cohen. Zwar tritt nach wenigen Sekunden ein sanft federnder Groove von Bass und Schlagzeug hinzu. Doch etwas Sakrales, fast schon Jenseitiges liegt auch weiterhin über dem Titelsong. Erst recht, wenn der große kanadische Pop-Poet mit knarrendem Bariton „I ’m ready, Lord“ raunt. Oder in einem anderen Lied „I ’m leaving the table“ – frei übersetzt: „Ich trete ab“.

Seine Texte handelten oft vom Tod – „seit seinen frühesten Versen“, wie „The New Yorker“ in einem aktuellen Essay feststellt. Doch so nah wie diesmal kam Cohen seinen Zuhörern mit dem Nachdenken über Abschied und Loslassen noch nie.

So unterscheidet sich auch das schwarz-weiße Albumcover – der Künstler blickt skeptisch durch einen hellen Rahmen in die Dunkelheit – fundamental von den bunten Artworks der Vorgänger „Old Ideas“ von 2012 und „Popular Problems“ aus dem Jahr 2014.

Er werde angesichts nachlassender Gesundheit einige noch unfertige Songs wohl nicht mehr beenden können, erzählte Cohen dem Kulturmagazin vor der Veröffentlichung seiner 14. Studioplatte in knapp 50 Jahren. „You Want It Darker“ soll am 21. Oktober in den Handel kommen. Die Zukunft sei ungewiss, er sei „zum Sterben bereit“, sagte Cohen, der am 21. September seinen 82. Geburtstag feierte, dem „New Yorker“. Und fügte lakonisch hinzu: „Ich hoffe, es wird nicht allzu unbequem.“

Eigene Endlichkeit

Die größten Songwriter der Popmusik sind jetzt allesamt im Rentenalter – Bob Dylan, Paul Mc-Cartney, Mick Jagger, Paul Simon, Neil Young, Joni Mitchell und Van Morrison haben die 70 hinter sich. Und manch einer von ihnen beschäftigt sich auch mal in einem Lied mit der eigenen Endlichkeit. Ein so konsequent spirituelles Album wie „You Want It Darker“ konnte aber wohl nur der ewige Sinnsucher Cohen – zugleich der Älteste unter den genannten Pop-Ikonen – abliefern.

Seiner elegischen Grundstimmung entsprechen die Arrangements der zehn leisen Lieder. Hauchzarte Streichersätze erinnern an klassische Kammermusik (besonders intensiv in „String Reprise/Treaty“ zum Abschluss). Klavier und Orgel prägen die melodische Substanz, in „Travelling Light“ hört man eine Bouzouki. Cohens Sohn Adam spielt zurückhaltend Gitarre und hat das Album ebenso dezent produziert.

Der alte Herr flüstert und seufzt seine nachdenklichen Zeilen mehr, als dass er sie singt. Selbst die früher oft so üppigen Frauenchöre bleiben verhalten – sie sind vor allem kaum noch erotisch aufgeladen, wie man es vom „Ladies’ Man“ Cohen einst kannte. Obwohl die Songs nicht allzu viel Abwechslung bieten, fasziniert nach wie vor das feine Geflecht aus weisen Worten und noblem Songwriter-Folk – wie eigentlich immer seit dem Debüt „Songs Of Leonard Cohen“ aus dem Jahr 1967.

Seitdem hat sich der Mann aus Quebec mit Liedern über Liebe und Sex, Rausch und Ernüchterung, Religion und Politik, Philosophisches und Persönliches einen Ruf als zweitwichtigster Dichter der Popmusik erworben – knapp hinter Dylan, der gerade den Literaturnobelpreis zuerkannt bekam. Songs für die Ewigkeit wie „First We Take Manhattan“, „Bird On The Wire“, „Suzanne“ und „Hallelujah“ säumen Cohens Laufbahn.

Zweiter Atem

Nach dem wie ein Abschiedsgeschenk daherkommenden Lebenswerk-Grammy (2010) schaffte er fast 80-jährig noch ein unerwartetes Comeback, mit nunmehr drei hervorragenden späten Alben und mehreren triumphalen Welttourneen.

Ob diese grandiose Musikerkarriere mit dem so traurigen wie würdevollen „You Want It Darker“ tatsächlich zu Ende geht? „Wer weiß, vielleicht bekomme ich ja noch einen zweiten Atem, ich weiß es nicht“, sagte Cohen dem „New Yorker“. Es bleibt also Hoffnung.

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