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Digital oder analog?: „Lesen ist auch eine körperliche Erfahrung“

„Buch oder Bildschirm – Versuch über die Zukunft des Lesens“ – so heißt ein Buch im Alfred-Kröner-Verlag, an dem derzeit Matthias Bickenbach schreibt.
MatthiasBickenbach. MatthiasBickenbach.

Seit der Jahrtausendwende wird dem Buch der Tod vorausgesagt, aber es lebt noch immer. Jeder Gang über die Buchmesse widerlegt, dass wir künftig nur noch am Bildschirm lesen werden. Gleichzeitig ist evident, dass wir heute einen Großteil unserer Informationen aus digitalen Kanälen beziehen. Als Literaturprofessor in Köln beschäftigt sich Matthias Bickenbach (Jahrgang 1963) auch mit der Theorie und Geschichte von Wissens- und Kulturtechniken. In dem demnächst erscheinenden Essay zieht er eine Bilanz, in der sich ganz bewusst, wie er es formuliert, „zwischen alle Stühle“ setzt – der einzige seiner Meinung nach angemessene Umgang mit der Lage. Dierk Wolters hat mit ihm gesprochen.

Herr Professor Bickenbach, immer mehr Leute informieren sich nur noch über das Internet, lesen am Computer oder schauen sich dort Filme an. Verschwindet das Buch?

MATTHIAS BICKENBACH: Seit 50 Jahren wird immer wieder das Ende des Buches prophezeit, manchmal sogar das Ende der Lesekultur. Jährlich erscheinen Manifeste – übrigens meist als Buch. Hinzu kommt die Klage, dass die junge Generation gar nicht mehr lesen und sich konzentrieren könne. Die reale Lage ist aber eine andere. Noch nie wurden so viele Bücher gedruckt und gelesen wie heute. Und: Man macht beides – informiert sich digital und liest Bücher.

Ich vermute: So eine Entwicklung vollzieht sich nicht von einem auf den anderen Tag.

BICKENBACH: Um das Jahr 2000 herum war die Frontlinie Bildschirm und Buch sehr klar. Computer hatten klobige Monitore, Bücher konnte man viel besser lesen. Eine Studie von damals zeigt, dass die Korrekturgenauigkeit auf Papier viel größer war als auf dem Bildschirm. Noch vor wenigen Jahren hat selbst Bill Gates zugegeben, längere Texte drucke er aus.

Punkt für das analoge Buch.

BICKENBACH: Ja. Aber: Mittlerweile hat sich die Technik rasant entwickelt. Mit dem Aufkommen von Smartphones und Tablets hat sich die Frontlinie aufgelöst. Mittlerweile gibt es sogar Studien, die die Vorteile der Lektüre an Tablets herausstreichen. Die Entwicklung kippt gerade um, erste Initiativen fordern Tablets an Schulen und sogar Grundschulen.

Das heißt, zurückhaltend formuliert: Die Lesbarkeit von Texten ist, anders als vor wenigen Jahren, mittlerweile ungefähr gleich.

BICKENBACH: Und trotzdem lesen wir noch Bücher! Die Frage ist, warum. Ich habe mit meinen Studenten und im Selbstversuch ein paar Testläufe gemacht. Seitdem kann ich sagen: Ja, man kann ganze Romane als E-Book lesen. Aber meine Erinnerung daran ist schwächer als bei der Lektüre eines Buches.

Und? Wissen Sie, warum?

BICKENBACH: Meine Vermutung ist, dass das Buch aufgrund seiner Materialität Qualitäten mit sich bringt, auf die wir bislang nicht geachtet haben. Seit wenigen Jahren gibt es Forderungen in der Wissenschaft, dass man eine Texttheorie entwickeln müsste, die auch die Materialität der Texte reflektiert.

Was soll man sich denn darunter vorstellen?

BICKENBACH: Der römische Dichter Martial ist der erste Schriftsteller, der die Erfahrung unseres Buches literarisch reflektiert. In der Antike hatte man Buchrollen, danach kam die Erfindung des Buches mit geschichteten Blättern, wie wir es heute kennen. Martial preist sein eigenes Büchlein an: Mich kannst du überallhin mitnehmen und aufschlagen. Ich versuche nun, das zu entwickeln und frage: Was heißt das, ein Buch aufzuschlagen? Was heißt es, nachzublättern? Auf diesem Weg entwickele ich die Theorie, dass das Schlechter-Erinnern beim E-Book auch etwas mit dem Gewicht des Buches, das man spürt, mit dem eigenen Fühlen und Sehen zu tun hat. Sie kennen das: Man erinnert sich, eine bestimmte Stelle stand irgendwo rechts oben. All das fehlt bei digitalen Texten. Aber ich gebe zu, dass man das schwer messen kann.

Man bleibt auf Vermutungen angewiesen?

BICKENBACH: Die Forschung zu unterschiedlichen Leseerlebnissen, ob digital oder als Buch, steckt noch in den Anfängen. Ich suche einen Zugang dazu mit der Theorie der Affordanz: Darunter versteht man den Aufforderungscharakter von Dingen und Medien. Ein Buch zum Beispiel sagt mir: Lies und blättere. Mein Smartphone: Check’ deine Mails.

Okay, verstanden. Und welche Konsequenzen hat das für das papierene Buch?

BICKENBACH: Bislang gibt es auf der einen Seite die Apokalyptiker. Sie sprechen vom Ende des Buches und dem Ende unserer Urteilskultur. Auf der anderen Seite stehen die Evangelisten, die sagen, die elektronische Vernetzung ist die Zukunft. Mit meiner Materialitätstheorie versuche ich nun, einen anderen Weg zu entwickeln. Es gibt Texte – dazu gehören etwa Krimis –, die kann man hervorragend als E-Book lesen. Sobald Sie Texte jedoch nicht nur einmal lesen, sondern mehrfach, sie, möglicherweise nach Jahren, wieder hervorkramen, ist das Papierformat mit seiner simplen Möglichkeit, eine Anstreichung oder ein Ausrufezeichen an den Rand zu setzen, im Vorteil.

Naja, da entgegne ich Ihnen: Kann doch gut sein, dass das mit dem Anstreichen von Texten, dem Markieren oder Sich-Erinnern nur Anfangsschwierigkeiten sind: Hindernisse, die sich mit einer besseren Technik oder besseren Menüführung verbessern lassen.

BICKENBACH: Die Materialität des Buches bedeutet, dass Bücher, anders als digitale Texte, selbst Gedächtnisspeicher sind. Sie speichern nämlich auch die persönliche Erfahrung des Lesers mit diesem konkreten Buch. Elektronische Medien sind abstrakt, Bücher konkret. Sie bewahren Lese- und Lebenspuren. Ich habe 150 Studenten über ihr Leseverhalten befragt. Erstaunlicherweise kam heraus: Die jungen Studenten sind total konservativ. Die allermeisten lesen Aufsätze und Bücher fürs Studium oder zur Unterhaltung lieber auf Papier. Aber Recherchen machen sie am Bildschirm. Ich sage daher nicht: Mit der digitalen Welt verlieren wir unser Wissen. Und ich sage auch nicht: Wir haben die digitalen Bücher, die gedruckten brauchen wir nicht mehr. Sondern: Wir müssen beides nutzen. Das ist natürlich anstrengend, aber für eine künftige digitale Bildung wird es darauf ankommen, dass man von den Büchern ins Internet und vom Internet zu den Büchern findet.

Der Mensch braucht also eine Erfahrung zum Anfassen?

BICKENBACH: Ja. In meinem Buch wird die blätternde Hand ein großes Thema sein. Die Hand gehört zum Lesen, zur Erfahrung eines Textes dazu. Ich glaube, dass wir den Begriff des Lesens von einer rein geistigen Handlung erweitern müssen um eine körperliche Dimension.

Und wie ist da der Erkenntnisstand?

BICKENBACH: Wir stecken noch in den Anfängen. 2015 erschien eine allererste Doktorarbeit über die Poetik des Blätterns. Noch können wir nicht sagen, welche psychoaktiven Funktionen das Blättern hat, aber Begreifen und Greifen gehören eng zusammen. Das heißt: Die blätternde Hand, im Unterschied zur Hand, die tippt, klickt oder am Bildschirm wischt, erfährt dieselben Texte anders. Bislang hat man das Blättern in Büchern für selbstverständlich genommen. Es ist aber eine komplexe Kulturtechnik. Wie auch immer man darüber nachdenkt, kommt man zu dem Ergebnis: Wir müssen die Vorteile beider Medien nutzen. Deswegen gilt für die Zukunft: Wir müssen ein produktives Hin- und Her zwischen Bildschirm und Buch entwickeln.

Glauben Sie, dass man auf der neurowissenschaftlichen Ebene in ein paar Jahren wird sagen können: Für diesen Zweck lies einen Text bitte digital, für jenen auf Papier?

BICKENBACH: Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte. Vor zwei Jahren war ich auf einer Lesung von Orhan Pamuk. Der berichtete, wie er Studenten, mit denen er „Anna Karenina“ lesen wollte, die Aufgabe gab, sich erst einmal bei Wikipedia zu informieren. Die Studenten taten’s und waren geschockt: Jetzt wüssten sie ja, dass sich Anna Karenina zum Schluss vor den Zug wirft. Das sei doch ein Spoiler! Ja, sagte Pamuk, aber darum gehe es in der Literatur nicht. Und jetzt verrate ich Ihnen, als Literaturwissenschaftler: Das Wort Spoiler gab es im Deutschen schon im 17. Jahrhundert, und zwar in der Form des Verbs „spolieren“. Das stammt vom lateinischen Spolium: die Kriegsbeute. Im Barock meinte es, sich etwas unter den Nagel zu reißen. Meiner Ansicht nach könnte das eine Anleitung für die Gegenwart im Netz sein: Die schnelle Kriegsbeute im Internet. Aber dann die gründliche Beschäftigung, das wiederholte Lesen auf Papier: weil das die Spuren der Lektüre am besten bewahrt.

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