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Premiere im Schauspiel: Lessings „Emilia Galotti“: Zwischen Tüll und Tand

Von Regisseur David Bösch inszeniert Lessings Klassiker am Frankfurter Schauspielhaus ohne Pause, aber mit einigen Längen.
Bedrohlich mahnt das Kreuz: Sarah Grunert ist im Frankfurter Schauspiel eine nicht ganz unschuldige Emilia Galotti. Foto: Thomas Aurin Bedrohlich mahnt das Kreuz: Sarah Grunert ist im Frankfurter Schauspiel eine nicht ganz unschuldige Emilia Galotti.
Frankfurt. 

Das Handy klingelt. Angelo ist am Apparat. Der Attentäter, der den Grafen Appiani um die Ecke bringen sollte, dies aber nur halbherzig tat. Dennoch mit Erfolg. Emilia Galotti ist frei. Für den Prinzen, der sie begehrt. In ihren Augen ist die junge Frau das nicht. Sie sucht nach einem Ausweg, um sich der Macht des Mächtigeren nicht beugen zu müssen. Eine Pistole, kein Dolch, verspricht ihr diesen. Und es wird nicht der Vater sein, der am Ende seinen Finger am Abzug hat.

Regisseur David Bösch hat Gotthold Ephraim Lessings berühmtes Trauerspiel für das Frankfurter Schauspiel inszeniert. Der im nordrhein-westfälischen Lübbecke und in Zürich ausgebildete Theatermacher ist am Main kein Unbekannter. An der Oper zeichnete er zuletzt für Giuseppe Verdis „Troubadour“ verantwortlich.

Aktuell, aber mit Längen

Nun also die „Galotti“, das schon so oft gespielte und vielen aus der Schule bekannte Aufklärungsdrama von 1772, dem neuen Esprit einzuhauchen nicht leicht fällt. Obwohl die Themen darin wie Liebe und Leidenschaft, Eifersucht und Konkurrenzkampf, die Ohnmacht des Volkes gegenüber der Obrigkeit oder das Lösen von Konflikten durch Gewalt an Aktualität nicht verloren haben. Bösch weiß Längen nicht zu vermeiden. Dabei wurden der Text und damit das nötige Ensemble auf sieben Personen verschlankt, beiläufige Szenen gestrichen. Das Ergebnis ist ein kompakter pausenloser Abend von knapp zwei Stunden, der vor dem Vorhang beginnt.

Der Prinz (Isaak Dentler), im lila Samtanzug mit dem aufgestickten silbernen Gefahrenzeichen Totenkopf auf der Rückseite, heraushängendem Hemd und heruntergelassenen Hosenträgern (Kostüme: Meentje Nielsen), hat nur noch seine Schwärmerei im Kopf. Kammerherr Marinelli (Fridolin Sandmeyer) kann ihn nicht mal angesichts eines zu unterschreibenden Todesurteils für ein verantwortungsbewusstes Handeln gewinnen. Das Verhältnis der beiden bestimmt ein gewisser Witz. Auf der einen Seite der windige und wendige Politiker, der, adrett gekleidet, um die Gunst des anderen buhlt und dem dafür jedes Mittel recht ist. Auf der anderen der leicht Verwahrloste, in dessen Lustschloss Tüll und Tand wie der Müll nach einer rauschenden Partynacht den Boden bedecken. Nähe auf Augenhöhe lässt dieser Mann trotz Schwächephasen nicht zu. Einmal zückt er die Krone, um sie dem Geschmeichelten aufs Haupt zu setzen. Aber nein, das war ein Spaß.

Wird das Komödienhafte von Marinelli auch durch das Stilmittel der lustvollen Wiederholung von Satzteilen bedient, verdeckt es doch nicht die Grausamkeit des Geschehens. Zumal diese aufdringlich betont wird. Aggressionen brechen sich frühzeitig Bahn. Emilias Vater (Sebastian Kuschmann) geht seiner Frau (Olivia Grigolli) an die Gurgel, um sich kurz darauf scheinheilig unter dem kleinen Kreuz im eigenen Haus mit Weihwasser von der Sünde reinzuwaschen. Der Zukünftige (Wolfgang Vogler) der Schönen, der diese Zukunft nicht mehr erleben soll, wird von Marinelli aus dem Rollstuhl, der seine schwache Position unterstreicht, gerissen und zu Boden geworfen. Doch, sich aufrappelnd, empfindet der Gedemütigte Triumph. Seinen Widerstand hat er deutlich gemacht.

Schein und Sein

Es sind diese Gegensätzlichkeiten zwischen Schein und Sein, die das Stück bestimmen. Dazu passt, dass die Titelfigur schwer einzuordnen ist, Sarah Grunert in diversen aufreizend kurzen Kleidchen eine spröde, kaum unschuldig wirkende Emilia gibt, die die Verführungen des Prinzen trotz ihres offensichtlichen Unwillens auch angenehm berühren. Im Gegensatz dazu die fallen gelassene Gräfin Orsina (Katharina Bach), die vom Objekt der Begierde zur alles durchschauenden, lässigen Beobachterin wird. Ihr Stil der 20er Jahre symbolisiert sie als Teil der Vergangenheit, aber auch als eine, die aus höheren Kreisen stammt und dank dieser Perspektive den Überblick behält.

Die grauen Wände des Bühnenbildes (Patrick Bannwart) verleihen der Szenerie etwas dauerhaft Bedrohliches. Ein durch Lichtdesign (Johan Delaere) kreiertes, mächtiges Kreuz mahnt in entscheidenden Augenblicken zu Moral. Als etwa der Prinz der Angebeteten beim Kirchgang nachstellt. Oder als diese am Ende zum Mord oder Selbstmord schreitet. Sich der Willkür anderer nicht zu beugen, nicht zuzulassen, dass diese einen verändert und daran hindert, sich selbst treu zu sein. Ob das ein ausreichendes Motiv für den Tod darstellt, das ist die Frage, die zu beantworten ist. Und die nach schleppenden Momenten zuvor am Ende doch noch mal Spannung aufkommen lässt.

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