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Landstraßenfilm „303“: Liebe heißt Entschleunigung

Von Unter der Regie von Hans Weingartner fahren Mala Emde und Anton Spieker von Berlin nach Portugal. Und sie reden, reden, reden, reden.
Jan (Anton Spieker) ist an einer Raststätte als Anhalter bei Jule (Mala Emde) zugestiegen. Gemeinsam fahren sie in deren Wohnmobil Mercedes Hymer 303 Richtung Süden. Foto: Alamode Film (epd) Jan (Anton Spieker) ist an einer Raststätte als Anhalter bei Jule (Mala Emde) zugestiegen. Gemeinsam fahren sie in deren Wohnmobil Mercedes Hymer 303 Richtung Süden.

Es war wohl John Lennon, der gesagt hat „Leben ist das, was dir zustößt, während du gerade was ganz anderes vorhast“. Jule (Mala Emde) will eigentlich von Berlin aus allein zu ihrem Freund nach Portugal fahren. Sie hat das Abschlussexamen für ihr Biochemie-Studium verhauen und ist schwanger. Jan (Anton Spieker) will eigentlich von Berlin aus allein nach Spanien reisen. Der Student der Politikwissenschaften hat Semesterferien und möchte seinen leiblichen Vater besuchen, den er noch nie gesehen hat.

An der Raststätte

An einer Autobahnraststätte steigt Anhalter Jan dann ins Mercedes-Hymer-Wohnmobil 303 von Jule, die sich bereit erklärt hat, ihn bis nach Köln mitzunehmen. Doch als die beiden an dem riesigen Dom der Rhein-Stadt vorbeikommen und Jan bald aussteigen müsste, verlängert Jule das Mitfahrangebot. Zu anregend sind die Gespräche und Zankereien über die Frage, ob der Mensch denn nun ein Egoist oder ein Altruist ist, ob der Kapitalismus die Menschheit weiter bringt als der Kommunismus, ob Selbstmord wirklich eine Lösung darstellt, und was Sex überhaupt mit Liebe zu tun hat. Immer weiter und weiter fahren Jule und Jan, durch Deutschland, Belgien, Frankreich, Richtung Portugal.

Zwei mal 24 Jahre alt

Das Roadmovie ist die geeignetste Gattung für die Gewissheit, das Alte verlassen und etwas Neues beginnen zu müssen, ohne sagen zu können, wie die Zukunft aussehen soll. Das enge Nebeneinander von Jule und Jan im Wohnmobil bringt die beiden ernsten jungen Menschen zwangsläufig näher zusammen. Dass sie ein Paar werden könnten, liegt als Möglichkeit von Anfang an über ihrer Fahrt. Und der Film, betitelt nach dem Wagenmodell 303, lässt nun daran teilhaben, wie schwer gerade Jule und Jan, die so verantwortungsvoll über die Welt nachdenken, sich ihre Entscheidung für oder gegen die Zweisamkeit machen. Gemeinsamkeiten haben die zwei Studenten jedenfalls genügend. Beide sind 24 Jahre alt und haben keine Ahnung, was sie aus ihrem Leben machen sollen. Nur dass es immer irgendwie weitergeht, haben sie schon begriffen.

So offen für alles Mögliche das Roadmovie also ist, muss die Handlung dennoch ihre geeignete Form finden, und das ist gar nicht so leicht. In der ersten Hälfte schnurrt Hans Weingartners Film nur so dahin. Die Zeit verfliegt. Seit Ewigkeiten haben sich ein Mann und eine Frau vor der Kamera nicht mehr so tiefgründig unterhalten und sind schauspielerisch dabei völlig unverkrampft geblieben. In der zweiten Hälfte aber ziehen sich die 145 Filmminuten doch unnötig dahin, bevor die Sache sinnfällig zum Abschluss kommt.

Der österreichische Regisseur Hans Weingartner, studierter Neurowissenschaftler, steht für das Außergewöhnliche, Außenseiterische im deutschsprachigen Kino („Die fetten Jahre sind vorbei“, „Die Summe meiner einzelnen Teile“). Hinter seinen jeweiligen Filmfiguren erhellt er immer auch allgemeine gesellschaftliche Erscheinungen. Jule und Jan wirken dabei wie sehr selten gewordene Lebewesen, die sich inmitten aller heutigen Zwänge ihr eigenes Denken bewahrt haben. Fast möchte man nicht glauben, dass es solche jungen Leute noch gibt.

„Der Weg ist das Ziel“, diese buddhistische Weisheit der Entschleunigung, ist wie gemacht für ein Roadmovie. Aber ein Ziel muss es auf jeden Fall geben. Denn ohne Ziel, so kommt es einem in den Sinn, während man gleichsam mit im Wohnmobil sitzt, wäre der Weg gar kein Weg. Sehenswert

In diesen Kinos

Frankfurt: Cinema, Harmonie. Sulzbach: Kinopolis

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