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Dokumentarfilm „Wildes Herz“: Linksradikal gegen rechtsradikal

Von Im Mittelpunkt steht der Punkmusiker Jan Gorkow, der textlich so rabiat und so tätowiert ist wie seine musikalisch-politischen Gegenspieler.
Punkmusiker Jan „Monchi“ Gorkow in Mecklenburg-Vorpommern, dort, wo er mit seiner Band „Feine Sahne Fischfilet“ herkommt und auch bleiben will. Punkmusiker Jan „Monchi“ Gorkow in Mecklenburg-Vorpommern, dort, wo er mit seiner Band „Feine Sahne Fischfilet“ herkommt und auch bleiben will.

Charly Hübner gehört zu den kraftvollsten Darstellern des deutschen Kinos und auch des Theaters. Gerade erst wieder hat er in der Sven-Regener-Verfilmung „Magical Mystery“ als massiger Sonderling Karl Schmidt einen seiner nachhaltigen Auftritte hingelegt. Aus seiner Zeit am Frankfurter Schauspiel und am TAT ist er mit seiner massigen Präsenz noch in bester Erinnerung. Geboren in Neustrelitz, ist Hübner in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen. Eine Gegend, die man nicht vergisst, selbst wenn man wie er mittlerweile in Hamburg wohnt. Flaches Land, Deiche, Küste, Wasser und viel Wind und Wetter: Wer aus Meck-Pomm stammt, bleibt für immer gegerbt von der dortigen Rauheit – des Klimas wie der Menschen. Insofern erklärt es sich fast von selbst, warum Charly Hübner seine erste Regiearbeit fürs Kino dem norddeutschen Punkmusiker Jan „Monchi“ Gorkow und dessen Band „Feine Sahne Fischfilet“ gewidmet hat: Gorkow stammt aus Jarmen, einem Ort bei Greifswald. Das verbindet.

Auch mit Gewalt

Aber Hübner hat offenbar auch ein gemeinsames politisches Anliegen verspürt: Die „gefährlichste Band Vorpommerns“ tritt gegen Rechtsradikale an, fühlt sich als Warnerin vor Rassismus und als Beschützerin von Flüchtlingen. „Refugees Welcome. Bring deine Familie“, lautet ihr Schlagwort. Die Gruppe selbst gehört zu den Linksradikalen und wurde eine Zeitlang vom Verfassungsschutz beobachtet, wegen Gewalt gegen Polizeibeamte und grundsätzlicher Staatsfeindlichkeit. Wie sehr die Radikalen der linken den Radikalen der rechten Seite ähneln können, in ihrer Unerbittlichkeit und martialischen Aufmachung mit kurzgeschorenen Haaren, Metallschmuck und Tätowierungen, zeigt „Wildes Herz“ wohl unfreiwillig, etwa bei einem Neo-Nazi-Aufmarsch samt Gegendemonstration in der Kleinstadt Demmin. In beiden Lagern entlädt sich viel persönliche und gesellschaftliche Enttäuschung. Zumal es in Mecklenburg-Vorpommern gleich zwei diktatorische Vergangenheiten zu bewältigen gibt: Drittes Reich und DDR.

So wie Hübner den Musiker Jan „Monchi“ Gorkow dokumentarisch begleitet, stellt er sich politisch auf dessen Seite, lässt alle neutrale Unparteilichkeit von Anfang an fahren und schafft Sympathie durch Annäherung. Gorkow darf viel erzählen. Etwa von seiner Jugend als gewalttätiger Ultra-Fan des Fußballvereins Hansa Rostock. Wegen Brandstiftung wurde er als 14-Jähriger zu einer Bewährungsstrafe von 16 Monaten verurteilt. Die damals unter „Schock“ geratenen Eltern bemühen sich noch heute vor der Kamera um Verständnis für einen Sohn, der schon als Kind ein „Powerer“ war und später „Grenzen austesten“ wollte. Gorkow erzählt aber auch, wie er vom Fußball zur Musik gefunden hat, seine drastischen Texte formuliert, sich beim Absingen Erleichterung verschafft und den „großen Traum“ hat, auf einer Wiese ein Freiluftkonzert gegen das „Nazi-Nest Anklam“ zu veranstalten. Die prominente Unterstützung dafür von Sänger Campino („Die Toten Hosen“) konnte er schon gewinnen. Es spricht viel Gutmütigkeit aus Gorkow, trotz aller beanstandbaren Radikalität. Seine frühere Freundin hat vielleicht recht, wenn sie ihn als „Engel und Teufel“ zugleich bezeichnet, und letztlich als selbstbesessenen „Narzissten“.

Musik für Verwandte

Es könnte jedenfalls sein, dass sein derzeitiger Erfolg mit dem Album „Sturm & Dreck“ und der laufenden Tournee, die auch nach Wiesbaden geführt hat, größer ist als die Qualität seiner Musik. Das „Wilde Herz“, das Gorkow in der Brust trägt, schlägt jedenfalls nur für einen verhältnismäßig kleinen Kreis. Und auch dieser Film eignet sich vor allem für Eltern und Verwandte, Freunde und Bekannte, Förderer und Fans. Annehmbar

In diesen Kinos

Frankfurt: Mal seh’n. Am heutigen Donnerstag um 20.15 Uhr in
Anwesenheit von Charly Hübner

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