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Frankfurter Literaturhaus: „Literatur in Einfacher Sprache“: Wie einfach darf’s und kann’s denn sein?

Von „Frankfurt, Deine Geschichte“ heißt eine Lesungsreihe im Historischen Museum, in der Autoren Geschichten über Ereignisse, Orte und Gegenstände aus der Stadt geschrieben haben – für alle, die neugierig sind.
Kristof Magnusson liest heute im Historischen Museum. Kristof Magnusson liest heute im Historischen Museum.
Frankfurt. 

Kann man das? Geht das überhaupt? Literatur so erzählen, dass sie jeder verstehen kann? Auch solche, die sonst aus den unterschiedlichsten Gründen Schwierigkeiten damit haben? In Frankfurt, sagt Literaturhausleiter Hauke Hückstädt, gibt es unzählige Ansätze, die Stadt barrierefrei zu machen, und trotzdem stoßen Menschen, die im Rollstuhl sitzen, immer noch oft auf Hindernisse.

Hindernisse beseitigen will jetzt auch das Literaturhaus: in diesem Fall sind es Sprachbarrieren. Und darum hat es, gemeinsam mit der Stabsstelle Inklusion der Stadt Frankfurt, das Projekt „Frankfurt, Deine Geschichte“ ins Leben gerufen. Sechs namhafte Autoren hat es gebeten, Geschichten in Einfacher Sprache zu schreiben. „Einfach“ ist deswegen großgeschrieben, weil es sich dabei um einen Fachbegriff handelt. Er steht für eine nach bestimmten Regeln entschlackte und für besonders viele Menschen verständliche Sprache.

Im Sommer trafen sich Kristof Magnusson, Alissa Walser, Mirko Bonné, Olga Grjasnowa, Henning Ahrens und Nora Bossong und erstellten gemeinsam elf Regeln. Sie lauten:
1. Unsere Texte beziehen sich auf Ereignisse, Orte, Personen oder Gegenstände aus der Frankfurter Geschichte.
2. In den Texten können wir auch erfinden.
3. Wir schreiben Texte von 20 Minuten Vorleselänge.
4. Wir benutzen einfache Wörter.
5. Wir schreiben einfache Sätze.
6. Wenn wir Sprachbilder verwenden, erläutern wir diese.
7. Wir vermeiden Zeitsprünge.
8. Wir erzählen aus einer Perspektive.
9. Wir gliedern unser Textbild anschaulich.
10. Möglichst wenige Hauptwörter!
11. Möglichst viele Verben!

Heute ist die erste Lesung: Kristof Magnusson und Alissa Walser haben über zwei spannende Personen geschrieben: Rosemarie Nitribitt, die Frankfurter Edelprostituierte, die eines gewaltsamen Todes starb. Der Mord ist bis heute ungeklärt. Und Margot Frank, die Schwester von Anne Frank.

Wie einfach darf Literatur sein? Das ist auch die Frage, ob Literatur noch Literatur ist, wenn sie auf besondere Raffinesse im Interesse der Verständlichkeit bewusst verzichtet, sagt Hauke Hückstädt. Und daraus entsteht die nächste Frage: Kann es möglicherweise sogar gelingen, aus der freiwilligen Beschränkung eine besondere Ästhetik zu entwickeln? Nora Bossong sagte im Sommer: „Es geht darum, die Schönheit der Sprache auch da zu entdecken, wo wir uns begrenzen, um uns für mehr Leser zu öffnen.“ Und Mirko Bonné sieht in den selbstauferlegten Regeln „die Widerständigkeit meiner Imagination gefordert“.

Literarische Texte, die in Einfache Sprache übersetzt wurden, gibt es bislang nur sehr wenige: „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf zum Beispiel, oder Arno Geigers Vaterbuch „Der alte König in seinem Exil“.

Wen das Literaturhaus mit dieser Reihe ansprechen will? „Es geht darum, dass wir ein offenes Haus sind. Deswegen wenden wir uns an alle Neugierigen und an alle, für die Sprache eine Barriere ist“, sagt Hückstädt. Das reicht vom aus dem Ausland hinzugezogenen EZB-Banker bis zu Menschen mit Freude an Sprachexperimenten und solchen mit Down-Syndrom.

 

Historisches Museum Frankfurt, 13. Dezember, Saalhof 1 (Am Römerberg), 19.30 Uhr. Eintritt: 5/3 Euro. Internet: www.literaturhaus-frankfurt.de

 

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