Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Buch und Film, ein perfektes Paar?: Literaturverfilmungen boomen, obwohl sie umstritten sind

Aber vielleicht hätte es ihm gefallen? Tom Cruise und Nicole Kidman in der Verfilmung seiner „Traumnovelle“, die dann im Kino „Eyes Wide Shut“ hieß, was wahrlich auch kein schlechter Titel ist. Bilder > Foto: Warner (warner) Aber vielleicht hätte es ihm gefallen? Tom Cruise und Nicole Kidman in der Verfilmung seiner „Traumnovelle“, die dann im Kino „Eyes Wide Shut“ hieß, was wahrlich auch kein schlechter Titel ist.

Stanley Kubrick hatte ein Händchen für leichte Lektüre („The Shining“, „Full Metal Jacket“), verhob sich aber auch nicht an schwerer Weltliteratur wie „Spartacus“, „Lolita“ oder Schnitzlers „Traumnovelle“, die er in das Erotik-Drama „Eyes Wide Shut“ verwandelte. Kino-Künstler haben sich seit den Tagen des Filmpioniers Georges Méliès („Reise zum Mond“) als Bücherwürmer betätigt und zehren bis heute vom geistigen Eigentum der Schriftsteller.

Aktuell läuft Dan Browns „Inferno“ mit Tom Hanks als Symbolforscher Robert Langdon, bis Jahresende werden über dreißig weitere Literaturverfilmungen starten, vom Thriller „The Girl on the Train“, über die Science-Fiction Utopie „Arrival“ bis zum Action-Krimi „Jack Reacher: Never go back“. Dabei ist die Liebe zum gedruckten Wort meist nicht die Triebfeder der Produzenten. Eine Ausnahme bildete Peter Jackson, der von Tolkiens „Herr der Ringe“ Epos so verzückt war, dass er sich über Jahre dem Großprojekt verschrieb.

In der Regel steckt kommerzielles Kalkül hinter dem Interesse am adaptierbaren Schmöker. Die Stoffe haben sich bereits am Markt verkauft und bringen eine gewachsene Anhängerschaft mit sich, die für klingelnde Kassen sorgt – siehe die Serienhits „Harry Potter“, „Twilight“ und „Die Tribute von Panem“. Von den Erträgen der zweifach gemolkenen Kuh profitieren allerdings nicht allein die Filmschaffenden, sondern auch Verlage und Autoren in Form von Lizenzgebühren, Tantiemen und steigenden Umsätzen.

So verdoppelte sich der Verkauf von Peter Benchleys mediokerem Debütroman „Der weiße Hai“, nachdem Spielberg daraus im Sommer ’75 einen nervenaufreibenden Schocker gezimmert hatte.

Die einträgliche Vermarktungskette ist keine Erfindung Hollywoods. Schon in den goldenen UFA-Zeiten der 20er Jahre wurden Bücher wie „Dr. Mabuse, der Spieler“ in der Presse vorabgedruckt, mit hohem Werbeaufwand herausgebracht und durch eine zeitgleiche Verfilmung als Bestseller etabliert. Auch Heinrich Manns „Professor Unrat“ erlangte Weltruhm, weil er als Vorbild für „Der blaue Engel“ diente. Größter Umschlagplatz für den Handel mit Lizenzen ist die Frankfurter Buchmesse.

Lukrative Partnerschaft

In diesen Tagen werden am Main wieder lukrative Geschäfte getätigt. So wie vor zwei Jahren, als sich die Verleihfirma Fox die Filmrechte an Anthony O’Neills Zukunftsthriller „The Dark Side“ sicherte. Zudem vergibt die Buchmesse einen Preis für die beste internationale Literaturverfilmung, der die künstlerische Leistung der Regisseure und Schriftsteller würdigt. Frühere Ausgezeichnete waren Todd Haynes für „Carol“ nach Patricia Highsmith und David Heyman für die „Harry Potter“-Abenteuer.

„Filmversionen haben bei unseren Verhandlungen absolute Priorität“, sagt Literaturagent Lluis Miquel Palomares Balcells. Der Spanier vertritt über dreihundert Klienten, darunter sechs Nobelpreisträger wie Mario Vargas Llosa. „Bücher und Filme können das perfekte Paar sein“, meint Balcells.

Die Ehen der Kunstgattungen werden von eingefleischten Lesern jedoch mitunter skeptisch bis missbilligend beäugt. „Das Buch war aber besser“ ist ein vielgehörter Kommentar nach dem Kinobesuch. Schützenhilfe bekommen die Papier-Puristen häufig durch verschnupfte Autoren. Krimi-Ikone Raymond Chandler („Der große Schlaf“) wetterte einst: „Hollywood ist das Paradies der Effekthascher. Sie beuten aus, was andere schaffen, und degradieren die Arbeit der Schreiber.“ Legendär ist der dramatische Disput um die vermeintliche Fehlbesetzung von Tom Cruise als Blutsauger-König Lestat in „Interview mit einem Vampir“. Vor dem Haus des Superstars pflanzten Fanatiker brennende Kreuze auf, um ihn von seinem Engagement abzuhalten. Autorin Anne Rice schürte das Feuer, indem sie bescheinigte, Cruise sei als Vampir eine Witzfigur. „Forrest Gump“ Schöpfer Winston Groom war derart verärgert über die Änderungen an seinem Roman (unter anderem stirbt Forrests Freundin Jenny in der Originalfassung nicht, sondern heiratete einen anderen Mann), dass er eine Fortsetzung schrieb und mit den Worten eröffnete: „Erlauben Sie niemals jemandem, aus Ihrer Lebensgeschichte einen Film zu machen.“

Beleidigte Autoren

Ebenso übellaunig zeigten sich die deutschen Dichter Lothar-Günther Buchheim und Michael Ende. Ihrer beider Zorn richtete sich gegen Wolfgang Petersen. Buchheim fand „Das Boot“ misslungen, weil „zu amerikanisch“. Ende distanzierte sich gar per Gerichtsbeschluss von der tricktechnisch aufgemotzten Version seiner „Unendlichen Geschichte“. Er habe die Fantasie der Menschen leise anregen wollen, aber Petersens Film sei „so laut, dass ich schon beim Lesen des Drehbuchs taub geworden bin.“

Mag die Wut der Schriftsteller ob grober Vereinfachungen manchmal berechtigt sein, entspringt sie doch nicht selten einem Unverständnis für die ganz eigene Sprache des Mediums Film. Innere Monologe und Gefühle lassen sich nun einmal schlecht fotografieren. Was im Buch auf mehreren Seiten peinlich genau beschrieben wird, müssen Regisseure mithilfe eines einzigen, stimmigen Bildes ausdrücken.

Erich von Stroheim versuchte im Jahre 1924 den Roman „Gier nach Gold“ buchstabengetreu auf die Leinwand zu bringen. Heraus kam ein neuneinhalb Stunden langes Monstrum, das kein Kino der Welt zeigen konnte. Seither gelten Kürzungen als unerlässlich, sonst ließe sich ein 1000 Seiten starker Wälzer unmöglich in zwei Stunden erzählen. Es sei denn, man macht daraus eine TV-Serie wie „Game of Thrones“, basierend auf George R.R. Martins „Das Lied von Eis und Feuer.“ Und weil Filme keine Zeit für langwierige Entwicklungen haben, die Leser über Wochen in den Bann ziehen, sehen sich Filmemacher hin und wieder gezwungen, das Finale pragmatisch zu ändern. Im Roman geht der „weiße Hai“ Seite an Seite mit dem Harpunier Quint unter. Im Kino explodiert der gefräßige Fisch. „Ich konnte das lyrische Ende nicht beibehalten“, erklärt Steven Spielberg. „Bis zu diesem Zeitpunkt, hatte ich einen Thriller inszeniert, der die Leute an den Nägeln kauen ließ. Sie erwarteten eine spektakuläre Auflösung. Alles andere hätte sie enttäuscht.“

Benchley zeigte sich bis zu seinem Tod nicht mit Spielbergs Ansatz einverstanden und legte Protest ein. Um Reibungen mit den Autoren zu vermeiden, hat die Filmindustrie zwei Methoden entwickelt. Zum einen garantiert eine lohnende Beteiligung wohlwollende Kommentare. Auf diese Weise wurde Anne Rice dazu gebracht, den zunächst verschmähten Tom Cruise als „zauberhafte Verkörperung meines Vampirfürsten“ zu bezeichnen.

Kern der Geschichte

Ein eleganterer, weniger auf Bestechung zielender Weg ist die Einbindung der Wortakrobaten in die Dreharbeiten. „Hary Potter“-Erfinderin Joanne K. Rowling war als kreative Beraterin an allen Filmen beteiligt Stephenie Meyer übernahm bei der „Twilight“-Saga eine Co-Produzentenrolle. Noch besser ist es, wenn die Romanciers das Drehbuch selbst verfassen dürfen.

Herausragende Beispiele sind Mario Puzo („Der Pate“), William Peter Blatty („Der Exorzist“) oder Michael Blake („Der mit dem Wolf tanzt“). Der britische Epen-Schreiber Ken Follett kennt das Unbehagen seiner Kollegen. „Man fühlt sich nie ganz wohl, wenn die eigene Story von einem anderen neu erzählt wird.“ Darum wacht er mit Argusaugen über die Verwandlung seines Historiendramas „Die Säulen der Erde“ in ein Computerspiel, das nächsten Herbst auf den Markt kommt. Der Vertrag wurde von Folletts deutschem Verlag Bastei Lübbbe ausgehandelt. „Ich will sicherstellen, dass die Geschichte, an der ich so lange gefeilt habe, schlüssig ist.“ Follett nennt auch die goldene Regel für Literatur-Umsetzungen. „Man darf die Aussage eines Textes nicht verfälschen.“ Nur wenn die zentralen Botschaften erhalten bleiben, gilt Kubricks Lehre, jedes Buch lasse sich verfilmen. Andernfalls kann aus der Bibel allzu leicht „Pulp Fiction“ werden.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse