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Porträt: Ludwig Güttler: Der Trompeter der Einheit feiert seinen 75. Geburtstag

Von Als Mitinitiator des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche verdiente sich Ludwig Güttler höchste Anerkennung. In unzähligen Benefizkonzerten spielte er dafür auf seiner Trompete.
Unermüdlich im Einsatz für die Musik: Ludwig Güttler mit seiner Trompete im heimischen Arbeitszimmer. Foto: Monika Skolimowska (dpa-Zentralbild) Unermüdlich im Einsatz für die Musik: Ludwig Güttler mit seiner Trompete im heimischen Arbeitszimmer.

Was er denn, wurde Ludwig Güttler einmal gefragt, am 9. November 1989 gemacht habe, an jenem Tag also, an dem die Mauer fiel? Er, den man nachher auch „Trompeter der Deutschen Einheit“ nannte. Natürlich erinnerte er sich, wie jeder, der dieses Ereignis miterlebte, genau. Denn es müssen in diesem Augenblick mehr als 20 Jahre Biografie an seinem inneren Auge vorbeigezogen sein: das Elternhaus in Sosa, westliches Erzgebirge. Die Studienzeit in Leipzig, wo er auch die Studentenkantorei leitete, mit dem einschneidenden Erlebnis der Sprengung der Paulinerkirche auf Befehl Walter Ulbrichts am 30. Mai 1968. Das Gefühl von Wut und Ohnmacht. Der Entschluss des 26-jährigen Musikers, es dem Regime „zu zeigen“. Der ein Jahr später erfolgte Eintritt als Solo-Trompeter in die Dresdner Philharmonie, mit der Güttler ab 1974 auch ins „kapitalistische Ausland“ reisen durfte.

Und der erste Auftritt als Solist im neutralen Schweden, von dem der pfiffige Musiker eine für ihn typische Geschichte erzählt: Er sei mit seinem DDR-Pass von dort in die Bundesrepublik gefahren, in eine Telefonzelle gegangen und habe aus den dort aushängenden Telefonbüchern 3000 Adressen von Kantoren und Konzertveranstaltern in Deutschland herausgeschrieben.

Beim Rheingau-Festival

„Denen habe ich meine erste Schallplatte geschickt – daraus wurden vier Konzerteinladungen in den Westen.“ Die nach Devisen begierige staatliche Konzertagentur konnte sich dem schlecht verweigern – so begann Güttlers Karriere im noch geteilten Deutschland. So kam auch sein erster Auftritt beim Rheingau-Musik-Festival zustande, wo Güttler von Anfang an bis heute zum künstlerischen Stammpersonal zählt.

Sein Aufstieg auch in der DDR war unaufhaltsam, einem Land, dessen Regime es fertigbrachte, dem berühmten, prestigefördernden Musiker zweimal (1978 und 1985) den Nationalpreis umzuhängen und ihn zugleich durch die Stasi auf Schritt und Tritt beobachten zu lassen. Eine dicke Opfer-Akte dokumentiert diese Aktivitäten.

1980 hatte Güttler, der inzwischen das Bach-Collegium Leipzig (1976) und ein nach ihm benanntes Blechbläserensemble (1978) gegründet hatte, das Orchester verlassen und sich aufs Unterrichten verlegt. Seine alte Liebe, das Dirigieren, verfolgte er ab 1985 an der Spitze der „Virtuosi Saxoniae“. Mit diesem Ensemble belebte er vor allem das Repertoire der Dresdner Hofkapelle wieder, mit dem einst europaweit verehrten Komponisten Johann Adolf Hasse an der Spitze. Als neugieriger Forscher fragte sich Güttler, mit welchem Instrument wohl die hohen Hornpartien der Barockzeit gespielt wurden – und entwickelte das „Corno da Caccia“, ein mit Trompetenmundstück zu spielendes Horn, dem auch die oberen Register zur Verfügung stehen.

Dann kam 1989. Mit dem Tag des Mauerfalls rückte eine schon lange gehegte Idee in den Bereich der Realisierung. Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche! Ihre Verwandlung vom ruinösen Kriegsmahnmal in ein strahlendes Symbol von Optimismus und Zukunft. „Schon als junger Mann bin ich täglich an diesem Steinhaufen auf dem Neumarkt vorbeigegangen“, erinnert er sich. „Der Wunsch war bei vielen Dresdnern vorhanden, auch wenn es Bedenkenträger und Neider gab, die das viele Geld für scheinbar notwendigere Dinge verwenden wollten.“ Auch im Ausland stand die Frauenkirche, deren Silhouette die berühmte Dresden-Ansicht Canalettos krönt, für den Glanz des einstigen Elbflorenz. Für Güttler die Chance, das Leipziger Trauma (mittlerweile steht auch die Paulinerkirche, wenn auch in modern abgewandelter Form) zu überwinden.

Frankfurter Musikpreis

Nach 15 Jahren unermüdlichen Bettelns, Organisierens und Sammelns war das große Werk, ein Gemeinschafts- und Gemeinschaft stiftendes Werk, wie Güttler immer wieder betont, vollendet. Er übernahm den Vorsitz der Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche, wirkte als Kurator der Stiftung Frauenkirche und spielte unzählige Benefizkonzerte. Dafür wurde er 2007 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik ausgezeichnet und zum „Officer of the Ordre of the British Empire“ ernannt. Genauso wichtig aber sind ihm die auf sein eigentliches Metier bezogenen Ehrungen: der Frankfurter Musikpreis und der Händelpreis der Stadt Halle, beide ebenfalls 1989 zuerkannt.

Was also machte er an jenem 9. November dieses Jahres? „Ich war mit dem Leipziger Bach-Collegium in Essen. Wir gaben in der Villa Hügel ein Konzert zur Eröffnung einer Ausstellung von Künstlern aus der DDR. Anschließend, natürlich, ein Empfang. Jemand kam rein und sagte: Die Mauer ist gefallen. Guter Witz sagten alle, und lachten.“

Ludwig Güttler, der „deutsche Maurice André“ und Trompeter der Einheit, ein stets humorvoller, ideenreicher und tatkräftiger Mann, der sich jetzt für ein Kinderhospiz und für die Projekte der Leipziger „Johann-Sebastian-Bach-Stiftung“ einsetzt, wird heute 75 Jahre alt.

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