Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 21°C
1 Kommentar

Buch über Hitlers Architekt Albert Speer: Magnus Brechtken entzaubert die Legende vom guten Nazi

Von Der Historiker Magnus Brechtken räumt mit einer Lügengeschichte auf. Hitlers Architekt und Rüstungsminister Albert Speer war kein verführter Künstler und argloser Intellektueller. Speer war ein lupenreiner Nazi, ein Opportunist und skrupelloser Karrierist – ein Verbrecher.
Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich: Adolf Hitler posiert im Juni 1940 mit seinen Künstlern, dem Architekten Albert Speer (links) und dem Bildhauer Arno Breker (rechts), in Paris vor dem Eiffel-Turm. Foto: Anonymous (GERMAN WAR DEPARTMENT) Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich: Adolf Hitler posiert im Juni 1940 mit seinen Künstlern, dem Architekten Albert Speer (links) und dem Bildhauer Arno Breker (rechts), in Paris vor dem Eiffel-Turm.

Jahrzehntelang schien es, als habe es ihn doch gegeben: den „guten Nazi“. Die Deutschen waren froh, dass sie einen hatten. Und er schien sogar wie aus altem, urdeutschem Holz geschnitzt – aus deutscher Eiche gleichsam: ein Doktor Faust, Künstler, Intellektueller, Ausnahmemensch, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um Großes zu schaffen, die Grenzen des Menschseins neu zu vermessen, Monumente zu bauen für die Nachwelt, die Pyramiden der Moderne. Allein: Der Teufel reißt ihn in einen Abgrund aus Sünde und Verbrechen. Faust verstrickt sich – in bester Absicht. Faust, der Gute, das ist Albert Speer. Der Teufel ist Adolf Hitler.

Erschöpfende Langeweile

So wollte es die Legende, die Speer (1905–1981) nach dem Krieg über sich erfand, in Interviews, in seinen „Erinnerungen“ (1969) und den „Spandauer Tagebüchern“ (1975) – Bestseller beide. Speer strickte die Story vom unpolitischen Visionär, vom missbrauchten Einfaltspinsel und arglosen Fachmann der Kunst, der in Hitler zuerst den Geistesverwandten, den Ästheten sah, der ihm die Realisierung seiner architektonischen Träume versprach – Riesenbauten, die noch als Ruinen in Jahrtausenden vom Ruhme Deutschlands zeugen sollten: die Neue Reichskanzlei, die erhabenen Steinkulissen und Lichtkathedralen für die NS-Parteitage, die neue Hauptstadt Germania mit einer Kulthalle für 180 000 Menschen aus Marmor und Granit, gekrönt von einer Kuppel mit dem 17-fachen Volumen des Petersdoms in Rom.

Speer, im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1946 zu 20 Jahren Haft verurteilt, gefiel sich später in der Rolle des unpolitischen Außenseiters in einer kulturlosen Führer-Entourage, der, als alles vorbei war, über die erschöpfende Langeweile endloser Filmabende auf dem Berghof in Berchtesgaden und bewusstseinsraubende Hitler-Monologe spottete. Weder von Konzentrationslagern noch von der Judenvernichtung wollte er, der bis in die letzten Stunden im Berliner Führerbunker zum engsten Kreis um den Diktator gehörte, gewusst haben.

Hybris und Apokalypse

Dergleichen vernahm man in Deutschland gern: Es gab sie also doch, die verführten Idealisten, die sich nur aus Versehen schuldig gemacht hatten an monströsen Verbrechen. Leute, deren edle Gesinnung missbraucht worden war für finstere Zwecke. Im NS-Promi Speer steckte auch der gutgläubige treue Landser, der von gewissenlosen Schurken verheizt wurde – und nun moralische Absolution erfuhr. Dass diese Legende nach der Haftentlassung aus Spandau 1966 Glauben fand, verdankt sich auch dem renommierten Publizisten Joachim Fest, später Herausgeber der „F.A.Z.“ und Verfasser von Biografien über Hitler und Speer, der sich als Ghostwriter für dessen Memoiren zur Verfügung stellte und – ebenso wie der Verleger Wolf Jobst Siedler oder die Biografin Gitta Sereny – zur Verbreitung der Speerschen Mythen beitrug.

Fest äußerte nach Jahren zerknirscht, von Speer belogen und an der Nase herumgeführt worden zu sein. Doch die Schauer, einem der charismatischsten Vertreter des Nazi-Regimes so nah gekommen zu sein, hatte er zuvor ebenso genossen wie so viele andere. Fest (1926–2006) und Siedler (1926–2013) saßen den Speerschen Lügen gern auf, weil seine Story all das zu besitzen schien, womit deutscher Geist von Goethe bis Thomas Mann so gerne umgeht: Faustische Hybris, Tragik, Schicksal, Apokalypse. Maßlosigkeit und Reue. In Wirklichkeit handelt die Geschichte nicht von einem Übermenschen, sondern von einem machtgierigen Emporkömmling, der sich aus freien Stücken Hitler und dem Nationalsozialismus andient.

Magnus Brechtken geht in seinem gründlich recherchierten, spannend zu lesenden Buch „Albert Speer. Eine deutsche Karriere“ unnachsichtig mit dem Blender Speer und seinen distanzlosen Hofbiografen ins Gericht: „Ein engagierter Nationalsozialist, Unterstützer Hitlers, Architekturmanager, Kriegslogistiker, Rüstungsorganisator, Mitbetreiber der NS-Rassenpolitik, eine Zentralfigur des Eroberung- und Vernichtungskrieges: Das ist der reale Albert Speer bis 1945“, resümiert der stellvertretende Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte.

Anders als Speer der Nachwelt weismachen wollte, habe er als Rüstungsminister zur Verlängerung des Krieges beigetragen und unzählige Menschen geopfert, um dem Nationalsozialismus zum Sieg zu verhelfen. Speer hat die ersten Judendeportationen im Zuge des Umbaus von Berlin veranlasst und später das mörderische Martyrium der Zwangsarbeiter in den unterirdischen Rüstungsfabriken mitzuverantworten. In der Endphase hat er sich gar als potenziellen Nachfolger Hitlers betrachtet, sich nach dem Krieg aber gleichwohl als Held gerühmt, der den Führerbefehl zur totalen Selbstzerstörung Deutschlands nicht vollstreckt habe.

Umgestaltung Berlins

Der 1905 in Mannheim geborene Albert Speer, dessen 1934 zur Welt gekommener Sohn später einer der renommiertesten international tätigen Architekten Frankfurts werden sollte und der wesentlich zur Gestaltung des Museumsufers, der Skyline und des Flughafens beitrug, trat bereits am 1. März 1931 in die NSDAP ein. Zunächst versuchte Speer als Baumeister seinen Einfluss im NS-Regime zu stärken. Mit Erfolg. Er wurde Chef für die Planung der Umgestaltung Berlins. Bald zog er immer mehr Verantwortung an sich, beschäftigte ein Heer von Mitarbeitern und schanzte seinem Büro staatliche Aufträge zu, die er sich reich vergüten ließ.

1942 wurde er als Rüstungsminister mitverantwortlich für den Einsatz Tausender Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Anders als der Generalbevollmächtigte für die Zwangsarbeit, Fritz Sauckel, wurde Speer in Nürnberg nicht zum Tode verurteilt. Brechtken schreibt: „Sauckel lieferte, was Speer für die Rüstungsmaschinerie wünschte.“

Dem Publikum hat sich Speer nach dem Krieg als beklagenswerter Gutmensch im Kerker präsentiert, als „Retter der deutschen Industrie“, ja als „Widerständler“ im Geiste Stauffenbergs. „Von allen nachträglichen Leugnungen und Vernebelungen seiner Taten im Nationalsozialismus war die Distanz-Legende zu Heinrich Himmler und der SS Speers größter Erfolg“, konstatiert Brechtken. „Die Fakten waren eindeutig: Speer und Himmler hatten über viele Jahre gemeinsam daran gearbeitet, die Eroberungs- und Vernichtungsmaschinerie auf höchste ,Effizienz‘ zu trimmen.“

Perfider Verführer

Brechtken stellt sogar die These auf, das Bild, das die deutsche Öffentlichkeit vom „Dritten Reich“ habe, sei in substanziellen Teilen von Speers Lügen und Legenden eingefärbt: Speer, der sich als Verführter stilisierte, als harmloser Bürger, der nie ein richtiger Nazi war, war selbst ein perfider Verführer großen Stils. Und Millionen Deutsche warteten nur darauf, sich abermals verführen zu lassen. Bei der Lektüre diesen großartigen Buchs stockt einem der Atem. Immer wieder.

 

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse