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Premiere: Mainzer Staatstheater zeigt „Nibelungen“-Sage in Friedrich Hebbels Fassung

Von Jan-Christoph Gockel demontiert mit seiner packenden Inszenierung gründlich den oft missbrauchten Mythos von der Treue bis in den Tod.
Hier sucht man vergeblich nach Heldentum: Mainzer Nibelungen-Kämpfe mit (von links) Julian von Hansemann, Michael Pietsch, Henner Momann, Sebastian Brandes und Lorenz Klee. Hier sucht man vergeblich nach Heldentum: Mainzer Nibelungen-Kämpfe mit (von links) Julian von Hansemann, Michael Pietsch, Henner Momann, Sebastian Brandes und Lorenz Klee.

Es geht um Macht und politisches Kalkül, Verrat und auch etwas Liebe. Den Mythos der Nibelungen, der immer wieder als eine Art Nationalepos herhalten musste, um angeblich deutsche Tugenden wie Treue, Freundschaft bis in den Tod, Heldenmut, Tapferkeit, Opfer für Ehre und Recht zu feiern, demontiert Jan-Christoph Gockel in seiner Inszenierung von Hebbels „Die Nibelungen“ gründlich. Dafür thematisiert er mittels Spiel im Spiel mehrfach, dass Geschichten und Mythen immer wieder instrumentalisiert werden: Bei Gockel nämlich gucken die Nibelungen selbst bereits mit Puppen gespielten Szenen der Nibelungen zu.

Zweiter Weltkrieg

So spannt der Mainzer Hausregisseur nicht nur mit Puppenspiel, sondern auch mit Live-Video-Einspielungen und wabernden Elektrosounds den Bogen von der Sage, die im Nebel mythischer Vorzeiten zwischen einem Paar Riesenbeinen aus Holz beginnt, hin zu der Geschichte, die von den Nationalsozialisten und der Rede von der Nibelungentreue im Zweiten Weltkrieg propagiert und instrumentalisiert wurde (Bühne: Julia Kurzweg). Gockel zeigt dabei eine durchaus unterhaltsame, manchmal komische und flotte Handlung. Mit seinem Stoff und dessen Wirkungen aber hat er sich gründlich auseinandergesetzt. Und schonungslos.

Im Grunde geht es schon mit einem seltsam-schrägen Pakt zwischen zwei Männern los. Ihre „Verhandlungsmasse“: zwei Frauen. Brunhild und Kriemhild. Denn Gunther und Siegfried vereinbaren, dass Siegfried Gunthers Schwester Kriemhild zur Frau bekommt, wenn Siegfried Gunther hilft, Brunhild zu bezwingen. Nicolas Fethi Türksevers Siegfried ist in seinem keineswegs besonders heldenhaft wirkenden Wollpulli immerhin rührend in Kriemhild verliebt, gesteht sympathisch stammelnd Schwächen und erweckt so den Eindruck, dass Kriemhild ihn frei wählen darf. Ganz anders hingegen Gunther. Der muss den großen Macker und König markieren und sich dafür zweimal Siegfrieds Kraft „leihen“. Dieser König ein ehrhafter Held? Bei Gockel sicher nicht. Und Schauspieler Sebastian Brandes spielt ihn eher wie einen etwas dusseligen Schwächling, der sich ohne unlautere Mittel und ohne Hagens strategisches Kalkül wohl kaum lange an der Macht halten dürfte.

Mit dem Wind

Auch bei seinem Bruder Giselher (Julian von Hansemann) sucht man vergeblich nach Heldentum: Der hier zünftig in Lederhosen Gekleidete ist einer, der sein Fähnchen immer hübsch nach dem Wind ausrichtet. Nur sein christliches Kreuz entfernt er noch flugs, bevor er falsches Zeugnis abgibt. Und Hagen? Bei Henner Momann ein kühler Strippenzieher und Stratege, der beobachtet, kalkuliert und Siegfried heimtückisch ermordet. Bedrohung von außen durch fremdländische Horden? Brauchen diese Nibelungen und ihr weiterer Anhang nicht! Für ihren Niedergang, so führt die fast vierstündige Inszenierung im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters vor, sorgen sie schon ganz alleine.

Dass sie bei Gockel mit Grill, Kühlbox und Deutschländern (hahaha) ins Hunnenreich einrücken, ist noch die harmlosere Folge dieser Besinnung auf ihre eigene Herkunft. Der Besuch der Burgunder bei den Hunnen endet mit einer Tötungsorgie, Kannibalismus und Anspielungen auf die eingekesselten Deutschen in Stalingrad. Wer hofft, dass in den Frauen oder einem Europa ohne Nationalstaaten Hoffnung schlummern könnte, dem schleudert Gockel mit Kriemhild und Brunhild am Ende seiner mit Texteinsprengseln von Heiner Müller durchsetzten Inszenierung „Das Europa der Frau“ aus Müllers „Hamletmaschine“ entgegen: : „Es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand, der Tod.“ Aber schon vorher schauert es einen angesichts von Kriemhilds Rachegelüsten, obwohl sie sich immer wieder auf Recht und Wahrheit beruft.

Kriemhilds Rache

Anika Baumanns Kriemhild hat sich im Zuge der Inszenierung nicht nur von einem liebenden Mädel im weißen Kleidchen zu einer Witwe in Schwarz entwickelt. An ihr zeigt Gockel auch, wohin die Logik von Schlag und (stärkerem) Gegenschlag führt: Anders als bei Hebbel schickt Kriemhild ihren Sohn (ebenfalls eine Puppe) in einer beklemmenden Szene in einen aussichtslosen Kampf, in dem er sterben wird. Kurz darauf versucht sie noch, den Tod des Sohns zu instrumentalisieren, um ihren zweiten Mann Etzel endlich auch in ihren Rachefeldzug zu zwingen.

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