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Die kanadische Autorin schreibt für alle und über alles: Margaret Atwood erhält den Friedenspreis des Buchhandels

Von Schon bevor Margaret Atwood in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels annimmt, wird es übergroße Zustimmung geben.
Margaret Atwood (77) wird den Friedenspreis während der Buchmesse in der Frankfurter Paulskirche entgegennehmen. Foto: Rolf Vennenbernd (dpa) Margaret Atwood (77) wird den Friedenspreis während der Buchmesse in der Frankfurter Paulskirche entgegennehmen.
Frankfurt. 

Mal angenommen, die Juroren des Friedenspreises hätten eine Preiskandidatin gesucht, gegen die es garantiert keine Einwände geben würde: Sie wären fast zwangsläufig auf Margaret Atwood gestoßen. Wie kaum eine andere hat die kanadische Autorin sich von den Zeitströmungen der vergangenen 50 Jahre treiben und tragen lassen, hin zu einer Literatur für alle und über alles, hin zu jenem Konsens, jener gesellschaftlichen Übereinstimmung, die man heute „Mainstream“ nennt, so fließend weich und mitziehend wie die deutschsprachige Übersetzung „Meinungsstrom“.

Die Stromlinie, der Margaret Atwood mit ihren Romanen, Erzählungen und Gedichten folgt, führt zur „Frauenliteratur“, wie sie sich herangebildet hat, seit die Frauenrechtlerinnen der 60er und 70er Jahre die Literatur in männliche und weibliche spalteten. Als könnten nur Frauen richtig fühlen, und als hätten nicht Männer die bedeutendsten Frauenromane aller Zeiten verfasst: „Anna Karenina“ (der Russe Leo Tolstoi), „Madame Bovary“ (der Franzose Gustave Flaubert), „Effi Briest“ (der Deutsche Theodor Fontane), „Wahlverwandtschaften“ (der Frankfurter Goethe).

Fühlender Feminismus

Margaret Atwood freilich, geboren in Ottawa, der Hauptstadt des englischsprachigen Kanadas, hat sich dem fühlenden Feminismus ebenso verpflichtet wie dem denkenden, kritisch die Welt betrachtenden. Alles tatsächlich oder vermeintlich Weibliche, vom Schmusetier bis zum Unterleibsschmerz und zum verbissenen Geschlechterkampf, ist der heute 77-Jährigen ein Nachspüren wert. Biegsam passt sie das Kleine, Persönliche, Heimische ins Große, Unpersönliche, Unheimliche ein, das Bedrohlichkeit ausstrahlt. In ihrem frühen Roman „Katzenauge“ schildert Atwood eine schwierige Mädchenfreundschaft, die in eine märchenhaft verwirrende Frauenrivalität in Künstlerkreisen mündet: Emanzipation als Hexenwerk.

Feminismus und Fantasy ergeben bei Margaret Atwood eine ebensolche Mischung wie Fakten und Fiktionen. Ihre „Geschichte der Magd“, gerade erst auch als Internet-Fernsehserie herausgekommen, weitet den Geschlechterkampf zum Klassenkampf und den Geschichtsroman zum Zukunftsthriller über eine totalitäre Gesellschaft. Bei vielen der rund 50 Atwood-Bücher kann es einem schwindlig werden, so sehr verwirbelt sie die Handlungen und Gattungen. Eine maßgebliche Stilistin ist sie ebenso wenig wie eine Visionärin gesellschaftlicher Zustände. Dafür kennt sie alleweil die Trends – es hat wohl seine Bewandtnis, dass sie in jungen Jahren in einem Meinungsforschungsinstitut arbeitete. In dem düsteren Endzeit-Dreiteiler „MaddAddam“ hat die Autorin den Weltuntergang so selbstverständlich ausgemalt wie in dem Science-Fiction-Roman „Oryx und Crake“. Und in dem Aufsatz „Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands“ widmete sie sich der moralischen Verkommenheit der Weltwirtschaft.

Politisches Gespür

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält Margaret Atwood in Anerkennung ihres „politischen Gespürs und ihrer Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen“. So teilte es Vorsteher Heinrich Riethmüller mit. Die Haltung Atwoods sei „geprägt durch Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz“. Niemand wird widersprechen. Und niemand wird etwas anderes wollen als derlei Menschlichkeit, wenn der Preis am 15. Oktober in der Frankfurter Paulskirche überreicht werden wird, wie üblich während der Buchmesse.

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