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Reformationsjubiläum: Martin Luther und ich

Von Eine Stiftsruine als Schauplatz für ein Drama über Martin Luther als Zweifler und Erneuerer: In Hersfeld hat Regisseur Wedel sie gefunden.
Die Klosterstiftsruine in Bad Hersfeld ist die ideale Kulisse für ein Stück über den Mönch und Reformator Luther. Foto: Uwe Zucchi (dpa) Die Klosterstiftsruine in Bad Hersfeld ist die ideale Kulisse für ein Stück über den Mönch und Reformator Luther.

Wer war Martin Luther? Was hat er gedacht, geglaubt, gelehrt und gepredigt? Worin hat er den Sinn des Lebens erkannt? Wie groß war seine Hoffnung auf ein Jenseits? Und wie sehr hat er darauf vertraut, dass der Mensch gut sei und sich die Erde zu Recht untertan mache? Warum hat gerade dieser Mönch aus dem Städtchen Eisleben in Thüringen einen Umsturz im Christentum bewirkt? Was ist übrig von seinen Schriftsätzen und von seinem Aufbegehren gegen die Obrigkeit? Der in Frankfurt geborene Regisseur Dieter Wedel, bekannt für Fernseh-Mehrteiler wie „Der Schattenmann“, „Der große Bellheim“ oder „Die Familie Semmeling“, hat all diese Grundfragen in ein Theaterstück gefasst, dessen Uraufführung am 23. Juni die Bad Hersfelder Festspiele eröffnet – nur „Das tapfere Schneiderlein“ läuft vorab schon in einem Zelt.

95 Glaubenssätze

Der Titel des Schauspiels „Der Anschlag“ geht auf das Plakat mit den 95 Glaubenssätzen zurück, das Luther vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, an die Eingangstür der Schlosskirche Wittenberg nagelte, um gegen den Papst und den Ablasshandel zu protestieren. „Der Anschlag“, das klingt aber gerade in heutiger Zeit nicht nur nach einem brisanten Stück Papier. Es klingt gefährlich nach Attentat, nach Sprengsatz. Nur dass Martin Luther eben keine Menschen verletzte oder gar mordete, sondern Gedankengebäude sprengte, damit Platz werde für neue Fundamente, Mauern und Türme, für eine feste Burg des Glaubens.

Gott und die Menschen

Bis heute ist der Nachhall jener Hammerschläge zu hören, mit denen Luther sich Gehör verschaffte bei einer Kurie, die ihm selbstherrlich, geldgierig und machthungrig erschien. Er wollte, dass Gott und die Menschen wieder näher zusammenkämen. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ lautet sein berühmtes Bekenntnis, mit dem er sich von der katholischen Kirche und ihrer Selbstermächtigung abwandte.

Religiöse Zweifel

Eine bessere Kulisse als die Hersfelder Stiftsruine lässt sich für die geplante Aufführung nicht denken. Die Vorproben in einer Turnhalle sind bereits abgeschlossen, derzeit arbeitet der Intendant mit seinen Schauspielern an der Einpassung der Inszenierung ins weitläufige Bühnengeviert zwischen den Klostermauern. „Sie sehen kein Historiendrama“, warnt Wedel das Publikum vor irrigen Erwartungen. Die geschichtlichen Umwälzungen im Deutschland des 16. Jahrhunderts haben ihn für seinen Theatertext nur so weit interessiert, wie sie Luther als Menschen und religiösen Zweifler geprägt haben. Gleich vier verschiedene Luther-Darsteller sind für „Der Anschlag“ ausgewählt.

Ehefrau Katharina Bora

So wird der Wiener Burgschauspieler Paulus Manker (59) den „Wutbürger Luther“ spielen, während Christian Nickel den „Reformator Luther“ darstellt. Nickel (Jahrgang 1969) war in den 90er Jahren am Frankfurter Schauspiel engagiert und spielte in Peter Steins achtstündiger Inszenierung für die Weltausstellung Hannover 2000 die Titelpartie des „Faust“. In der Rolle des „jungen, überheblichen Luther“ wird Maximilian Pulst (Jahrgang 1990) vom Staatstheater Wiesbaden zu erleben sein, während Janina Stopper (28) das Zweifelnde und Weibliche in Luther verkörpert. Als Luthers Ehefrau Katharina Bora ist Elisabeth Lanz zu sehen. Fernsehschauspieler Erol Sander („Mordkommission Istanbul“) spielt Papst Leo X. und Claude Oliver Rudolph, gebürtiger Frankfurter und ebenfalls aus Fernsehproduktionen bekannt („Ein Fall für Zwei“), tritt als Ablassverkäufer auf.

An dramatischen Zuspitzungen hat es in Martin Luthers Leben wahrlich nicht gefehlt. Es begann damit, wie er im Jahr 1505 bei einem Unwetter fast vom Blitz getroffen wurde und beschloss, sein Studium der Rechte abzubrechen, um Augustiner-Mönch zu werden. So sollte der junge Mann beseelt bleiben „von Gottes Willen und den Mächten der Natur“. Indem er die Bibel aus dem Hebräischen, Aramäischen und Griechischen ins Deutsche übersetzte, machte er die Worte Gottes auch dem akademisch ungebildeten Volk zugänglich. Dass ein Christ sich durch einen „Ablassbrief“ von seinen Sünden freikaufen könne, schien Luther so empörend, dass dieser Schindluder vor 500 Jahren zum Auslöser seines Anschlags wurde.

Insgesamt sind bei den Hersfelder Festspielen über 20 Aufführungen von „Der Anschlag“ geplant. Die Nachfrage war bereits kurz nach Bekanntwerden der ersten Termine so groß, dass zusätzliche Vorstellungen anberaumt werden mussten. Die Schauspieler haben sich aus den unterschiedlichsten Gründen für eine Mitwirkung entschieden. Bei manchen war die Wertschätzung für den Regisseur Dieter Wedel ausschlaggebend, bei anderen die Freude an sommerlichen Festspielen. Aber es gibt auch welche, die sich schlicht und einfach von ihrem christlichen Glauben durch das Stück geleiten lassen. Schließlich war Luther einst höchstselbst in Bad Hersfeld. Und hat dort gepredigt.

 

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